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21. Mai 2014 19:00 Uhr

Drogen und Kriminalität

15-jähriger Flüchtling schildert Alltag im Stühlinger

Jugendliche Flüchtlinge, die mit Drogen und Kriminalität zu tun haben – über sie wird in Freiburg viel gesprochen. Doch wie sehen sie sich selbst? Ein 15-Jähriger gibt der BZ Einblicke in seinen Alltag.

  1. Unter der Stadtbahnbrücke am Stühlinger Kirchplatz Foto: Ingo schneider

Sie stehen im Mittelpunkt der Diskussion um die Straftatenserie: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Experten und Betreuer berichten von Trauma-Erfahrungen, Drogenproblemen, Gewalt. Eine zuverlässige Vertrauensperson, die der Redaktion bekannt ist, hat den Bericht eines 15-jährigen Flüchtlings übergeben, der mit seinen Eltern in Freiburg lebt. Er hat sich regelmäßig auf dem Stühlinger Kirchplatz aufgehalten, mit der Serie von Straftaten aber nichts zu tun. Wir haben uns entschieden, seine Sicht anonym abzudrucken:

"Ich und viele meiner Kollegen brauchen etwa 20 Euro am Tag für Drogen. Wenn es legal wäre, Gras zu rauchen und zu verkaufen, gäbe es kein kriminelles Problem. Die Leute wissen nicht, was Gras ist, sie denken, es macht Probleme. Aber für mich und viele andere ist es kein Problem, sondern eine Methode zum Chillen.

’Niemand hört uns zu. Dann ist dir alles egal, du hasst dein Leben.’
Die Polizei hat den Stühlingerpark leer gemacht – aber ich verstehe nicht, warum. Alle gehen an einen anderen Platz verkaufen. Einige sind vielleicht im Gefängnis, aber wenn sie in drei Monaten rausgehen, werden sie wieder verkaufen. Wir klauen und sind aggressiv, weil das Jugendamt uns auf die Straße schmeißt, und wir keine anderen Wohnplätze kriegen. Natürlich wollen wir essen und trinken, normale Kleider haben. Wenn du auf der Straße schläfst, bist du aggressiv, trinkst Alkohol und schlägst.

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Bei mir und vier weiteren Flüchtlingen gab es einmal eine Polizeikontrolle im Stühlingerpark. Wir haben unsere Namen angegeben. Drei Leute sagten, sie hätten keine Adresse und schliefen auf der Straße. Die Polizei hat das überprüft und gemeint: ’Alles klar’ und ist weitergegangen. Warum haben sie denen keinen Platz gegeben?

Wir wollen uns aussuchen, wo wir wohnen. Wir wollen, dass das Jugendamt uns fragt, was wir wollen, aber die entscheiden selber. Wir gehen auch nicht in die Schule – nicht, weil wir nicht wollen, sondern weil alle böse auf uns sind und gleichgültig. Niemand hört uns zu. Dann ist dir alles egal, du hasst dein Leben.

’Viele Leute sind ausländerfeindlich. Die mögen keine Leute mit dunkler Haut, Akzent und schwarzen Haaren – das merkt man zum Beispiel im Bus.’
Vielleicht können das Deutsche in Wohngruppen besser, aber uns nervt, dass die Betreuer nicht liebevoll sind. Die wollen nur ihr Geld und ihre Arbeit. Die sagen, wenn das Jugendamt nicht dabei ist: ’Oh mach doch, was du willst.’ Wenn ich aber mache, was ich will, rufen sie das Jugendamt an, wie schrecklich ich bin.

Viele Leute sind ausländerfeindlich. Die mögen keine Leute mit dunkler Haut, Akzent und schwarzen Haaren – das merkt man zum Beispiel im Bus. Ich kenne viele, die machen gar nichts, aber sie werden jedes Mal am Bahnhof kontrolliert von der Polizei, weil sie dunkelhäutig sind. Fast jeden Tag.

Ich kenne viele Flüchtlinge, die schicken das geklaute Geld nach Hause. Ich glaube, wenn alle gleichberechtigt wären, ein Deutscher neben einem Ausländer, dann hätte man ein gutes Gefühl und könnte von dem vielen Kiffen runter kommen und normal leben." 

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Autor: Ein anonymer Flüchtling