40 Menschen mit Multipler Sklerose fahren in und um Freiburg Liegedreirad

Theresa Martus

Von Theresa Martus

Di, 09. September 2014

Freiburg

Klaus Vock macht Sport im Liegen – und das ist weder ein Widerspruch in sich noch bloße Glorifizierung des sonntäglichen Fernsehmarathons auf der Couch. Vock ist Initiator der Liegedreirad-Woche, organisiert von der MS-Selbsthilfegruppe „Radfahrlust“, die in diesem Jahr in Freiburg stattfindet. Rund 40 Sportler werden noch bis Freitag auf drei Rädern die Region erkunden.

Die Albert-Schweitzer-Schule in Landwasser, Basislager der Radler: Von der großen Ruhe in den Sommerferien ist am Sonntagmorgen nichts zu spüren. Ein Chor aus Fahrradklingeln läutet Aufbruch zur ersten Tour der diesjährigen Radfahrlust-Woche, es wird gerufen und gewunken. Gleich die erste Tour ist mit 59 Kilometern eine der längsten der Woche, und so fahren am ersten Tag vor allem geübte Liegedreiradfahrer mit. Alle, die zum ersten Mal auf drei Rädern unterwegs sind, machen währenddessen auf dem Schulgelände Fahrschule. Bremsen, Schalten, Wenden – das alles muss funktionieren, bevor es auf die Straße geht. Neue Mitfahrer gibt es jedes Jahr, seit Klaus Vock 2008 mit einer Handvoll Mitstreitern zur ersten Tour aufbrach.

Vock, langjähriger Fahrradfahrer, hatte lange auf den Sport verzichten müssen – zwei Räder, das war zu instabil für seinen von der Multiplen Sklerose beeinträchtigten Gleichgewichtssinn. Die dreirädrige Lösung des Problems entdeckte er auf der Spezialradmesse in Germersheim: "Da fing für mich das Leben wieder an", sagt der 52-Jährige, "das musste ich anderen Betroffenen auch zeigen."

Seitdem waren die Radfahrer unter anderem im Elsass, in Speyer und in Mainz, bevor sie jetzt, sechs Jahre nach der ersten Tour von Freiburg nach Germersheim, wieder in Freiburg angekommen sind. Für eine Woche Sport und Gemeinschaftsgefühl kommen die Teilnehmer aus ganz Deutschland. Einige haben Autoimmunkrankheiten, die das Fahren auf zwei Rädern nicht mehr gestatten, die meisten sind wie Vock an Multipler Sklerose erkrankt. Die Krankheit, von der in Deutschland nach Hochrechnungen rund 130 000 Menschen betroffen sind, greift das Nervensystem an, verursacht Entzündungen in der Myelin-Schutzschicht, die die Nervenfasern umgibt, und beeinträchtigt so die Weiterleitung von Signalen. Die Folgen sind vielfältig. "Eine neurologische Erkrankung kratzt sofort am Selbstbewusstsein, am Selbstwertgefühl", sagt Klaus Vock, "das verunsichert. Durch das Fahrradfahren kommt man wieder zurück zu sich selbst."

Sich selbst wieder als aktiv und selbstbestimmt wahrzunehmen, ist auch für die Teilnehmer ein wichtiger Grund, mitzufahren. "Man denkt, man kann das nicht, man ist nicht mehr gesund – und dann geht es trotzdem", sagt Bettina Schmitt. Sie ist seit 2012 jedes Jahr dabei. Auch das Verständnis unter Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, ist ihr wichtig: "Hier ist niemand genervt, wenn man länger braucht. Man nimmt Rücksicht aufeinander."

Unterstützung bekommen die Teilnehmer auch von den rund 15 freiwilligen Helfern: Tourbegleiter aus Freiburg und Umgebung sind jeden Tag dabei, sichern Kreuzungen und halten über Walkie-Talkies Kontakt; andere helfen im Quartier in der Albert-Schweitzer-Schule, zum Beispiel in der Küche. Christa Müller-Jogerst, die in diesem Jahr erstmals bei der Tour dabei ist, freut sich über die Unterstützung: "Es ist enorm, wie viele Leute sich bereit erklärt haben, zu helfen."