Neues Rathaus

47 Meter Kunst im Bürgerservice

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Mi, 03. Februar 2016

Freiburg

Wettbewerb fürs neue Freiburger Rathaus: Eine Berliner Künstlerin gestaltet eine 47 Meter lange Wand im Erdgeschoss.

Zum ersten Mal seit zirka 20 Jahren hat die Stadt Freiburg wieder einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb ausgerichtet und stellt für die Realisierung des Siegerentwurfs einen sechsstelligen Betrag bereit: Eine 14-köpfige Jury hat sich am Montag nach elfstündiger Sitzung für einen Entwurf der 36 Jahre alten Berliner Künstlerin Schirin Kretschmann entschieden. Sie wird für 240 000 Euro eine 47 Meter lange Wand im Bürgerservice-Zentrum im Erdgeschoss des neuen Rathauses an der Fehrenbachallee gestalten, das Ende des Jahres bezugsfertig sein soll.

Während das Land die Uni-Gebäude und Uni-Gelände noch immer mit Kunst schmückt, liegen die letzten öffentlichen Kunstprojekte der Stadt in ähnlicher Größenordnung wie jetzt schon lange zurück: Die vier dreieinhalb Meter hohen Kegel aus Stahl von Andrea Zaumseil auf dem Konrad-Adenauer-Platz vor dem Konzerthaus waren die Gewinner eines Wettbewerbs von 1996, ihre Realisierung kostete zirka 200 000 Euro (damals 400 000 Mark). "Das ist eine politische Entscheidung", antwortet Kulturamtsleiter Achim Könneke auf die Frage, warum in den vergangenen 20 Jahren kaum noch Geld für Kunst am Bau ausgegeben wurde. Könneke als Geschäftsführer der wiederbelebten Kulturkommission hofft, dass der Wettbewerb fürs neue Rathaus keine Eintagsfliege bleibt und weitere Projekte folgen, um zeitgenössische Kunst in die Öffentlichkeit zu bringen. Städte wie München hätten sowohl eigene Fördertöpfe für Kunst am Bau, also für Kunst an Neubauprojekten, als auch für Kunst im öffentlichen Raum, also auf Plätzen, Parks oder Grünflächen.

14 stimmberechtigte Mitglieder unter Vorsitz von Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach – sieben Experten (Fachpreisrichter) und sechs Vertreter aus Gemeinderat und Verwaltung (Sachpreisrichter) – gehörten der Jury an, wobei die Experten insgesamt 32 nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler vorschlugen. Am Ende lud die Jury zwölf von ihnen zur Teilnahme ein. Das erste Treffen der Juroren fand im September statt, im Oktober wurden die Künstler zum Gespräch eingeladen. Bis Januar mussten sie ihre Entwürfe einreichen, ehe am vergangenen Montag die Jury eine Entscheidung traf. "Das war ein hartes Ringen. Wir waren alle überrascht über die hohe Qualität der Entwürfe", sagt Kulturbürgermeister von Kirchbach über das Auswahlverfahren, an dessen Vorgaben und engen Zeitplan sich alle Mitwirkenden gehalten hätten. Die Diskussionen in der Jury seien sehr sachlich gewesen. "Es ging ohne Verletzungen ab." Kulturamtsleiter Könneke sprach von "extrem unterschiedlichen Entwürfen – spannend, intelligent, witzig". Die Künstler seien alle originell mit dem Raum umgegangen.

Mit Schirin Kretschmann gewann eine Künstlerin, die einst an der Freiburger Außenstelle der Staatlichen Kunstakademie Karlsruhe studiert und auch schon Erfahrung mit Kunst am Bau hat. Sie wird nun die 47 Meter lange und vier Meter hohe, leicht gekrümmte Rückwand des Bürgerservicezentrums im Erdgeschoss des ovalen Rathauses gestalten. Dort werden täglich im Schnitt bis zu 1000 Kunden ein- und ausgehen, um die sich 80 bis 100 Rathausmitarbeitern kümmern. Die Berlinerin Schirin Kretschmann wird extra ein Atelier in Freiburg anmieten.

Kretschmanns Werk "Limon 2016" ist eine doppelte Glaswand: Das hintere Glas ist grau grundiert, auf das vordere wird von der Künstlerin Limonengelb aufgetragen. In einigen Bereichen kratzt, schleift oder spachtelt sie dann die gelbe Farbe wieder ab, so dass abstrakte Formen entstehen, die an Gewässerläufe aus der Luftperspektive erinnern. Kretschmann werde das Glas nicht lasieren oder bespritzen, erklärt Könneke, sondern eine lebendige Fläche entstehen lassen. Anschließend werden die Scheiben im Ofen gebrannt. Durch das Licht – sowohl künstliche Beleuchtung als auch Tageslicht, das durch zwei Glaskuppeln ins Innere des Erdgeschosses eindringt – bildeten sich dann unterschiedliche "Schattenwürfe". "Wir waren von der Arbeit sehr begeistert", sagt der Leiter des städtischen Gebäudemanagements, Johannes Klauser, und schwärmt von der "sehr poetischen Form" des Werks.

Andere eingereichte Entwürfe arbeiteten entweder auch mit Glas und Malerei oder mit an der Wand angebrachten skulpturalen Elementen, wieder andere wollten die Wand mit Holz, Alu oder Stahl gestalten. Inklusive der Vorbereitung und Ausführung des Wettbewerbs kostet das Kunstprojekt 300 000 Euro.