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16. März 2011
Abend mit zwei Premieren
Reden und Musik zum Auftakt der Woche der Brüderlichkeit – oder besser "Geschwisterlichkeit".
Im Schlossbergsaal des Südwestrundfunks startete am Montagabend vor nur etwa 50 Gästen die Woche der Brüderlichkeit. Seit 1952 veranstalten die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) jeden März diese Aktionswoche – auch in Freiburg. Zwei Premieren fanden an dem festlichen Abend statt. Zum einen stand erstmals auf der Rednerliste eine Vertreterin der liberalen jüdischen Gemeinde Chawura Gescher. Zum anderen wurde ein eigens konzipierter Liederabend mit Liedern von Arthur Schnabel geboten.
Was als kultureller Höhepunkt war, entpuppte sich als ebenso hochkarätige wie wunderbare Kostbarkeit – mit "Rahmenprogramm" ist die exquisite Fülle von Liederzyklus und erzählter Lebensgeschichte nur unzureichend beschrieben. Die Mezzosopranistin Sibylle Kamphues brachte mit Pianist Peter Hoffmann Lieder und Leben eines Musikers und Komponisten zu Gehör, der zu seiner Zeit – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – gefeiert war. Seine Lieder: schwereloser Genuss, hintergründig vertonter Witz und geerdeter Ernst. Die beiden Solisten: genau so schwerelos und geerdet.Werbung
Und Schwerelosigkeit war besonders wertvoll an einem Abend, der vor aktuell etwas "schräger Hintergrundmusik" stattfand – wie es ein Zuhörer formulierte. Aus der jüdischen Gemeinde in Freiburg werden seit Monaten anhaltende Problemlagen berichtet, das interreligiöse Gespräch mutet dagegen fast einfach an. Umso dankbarer ergriffen denn auch alle fünf Grußwortrednerinnen und -redner das Motto dieser Woche als wegweisenden Appell: "Aufeinander hören, miteinander leben."
Bürgermeister Ulrich von Kirchbach etwa verwies auf die vielen Bereiche, in denen dieses Motto Voraussetzung für eine gemeinsame Sache ist – zum Beispiel in der Familie, in der jeder mit seinen Wünschen und Zielen wahrgenommen und respektiert werden müsse. Diese Art Umgang nannte Gastgeber Harald Kiefer, stellvertretender Studioleiter des SWR-Fernsehens, gelebte Toleranz im Sinne der Aufklärung – eine Voraussetzung nicht nur für interreligiöses Gespräch, sondern auch für die Arbeit des SWR, wie er betonte.
Dass ein solcher Umgang nicht immer ganz leicht zu haben sei, ließ Landesrabbiner Soussan in seinem von Rivka Hollaender verlesenen Grußwort vermelden. Über das Gemeindeleben in der Synagoge ließ er sagen: "Wie in jeder guten Familie gibt es auch Diskussionen und Zank." Aber zuhören sei ein erster Schritt zur Verständigung.
Und ganz in diesem Sinne zitiert auch Irina Katz, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Martin Buber: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung." Mit ihrer Rede wagt sie Brückenschläge nicht nur zu den Christen, sondern auch zu den Moslems – und zur Freiburger Liberalen Jüdischen Gemeinde. Die wird an diesem Abend von Sonia Pilz vertreten, die auf die Vielzahl der jeweiligen religiösen Identitäten verweist, egal ob jüdisch, christlich oder muslimisch.
Ihre Beobachtung: "Innerhalb der jüdischen Gemeinden Freiburgs wächst in diesen Tagen das Verstehen." Bester Beleg dafür: Die Rede einer Gescher-Vertreterin bei offiziellem Anlass. Bei dem nannte auch der scheidende jüdische Vorsitzende der GCJZ, Ruben Frankenstein, seine Visionen. Unter anderem die: "Die Synagoge möge sich allen Schattierungen des Jüdischseins öffnen." Und die Woche möge doch lieber als Woche der Geschwisterlichkeit firmieren, so ein Vorschlag aus den Redebeiträgen von Irina Katz und Rivka Hollaender, und viel Zuhören und Verstehen bringen.
Autor: Julia Littmann
