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04. Februar 2009

Abenteuerspielplatz für Spekulanten

Die schwierige Sanierung der Kappler Altlast ist eine unendliche Geschichte – und eine mit komplizierten Eigentumsverhältnissen / Von Uwe Mauch

Mannshohe Gräser, umgestürzte Bäume und kleine Trampelpfade zwischen zugefrorenen Teichen: Baden-Württembergs größte Altlast sieht aus wie ein Abenteuerspielplatz. Doch auf dem Areal in Kappel, so groß wie drei Fußballplätze, toben sich keine Kinder aus, sondern Finanzjongleure und Spekulanten. Es ist nicht nur mit Schwermetallen belastet, sondern mit Hypotheken in Millionenhöhe. Immer wieder gelang es dem Geschäftsführer der Stolberger Telecom AG, früher Stolberger Zink AG, Geldgeber zu finden, die sich im Gegenzug eine Hypothek auf das Gelände unterhalb der einstigen Abraumhalde geben ließen. Gläubiger waren Banken, Geschäftsleute, Baufirmen, Ingenieure.

Doch die Rechnung, den großen Reibach zu machen, indem aus der Altlast ein lukratives Baugebiet wird, ging nicht auf und konnte es wohl auch nicht: Die Sanierung ist mit geschätzten Kosten von etwa vier Millionen Euro zu teuer. Das sah irgendwann auch "Hudson Advisers Germany" so, laut Eigenwerbung ein Dienstleistungsunternehmen, das "auf die Betreuung notleidender Kredite" spezialisiert ist. Es hatte Hypotheken auf dem Kappler Grundstück gekauft und stand ganz oben im Grundbuch.

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Überzeugungsarbeit hatte der Ebneter Forstwirt Nikolaus von Gayling geleistet, sozusagen der Nachbar. Er wollte der Blockade nicht länger zusehen, sagt er. "Ich überwinde gerne Widerstände." Als er 430 000 Euro anbot, betrieb "Hudson Advisers" die Zwangsversteigerung. Obwohl das Inkasso-Unternehmen Anspruch auf fast das Doppelte hatte. Der Deal klappte aber erst im dritten Anlauf.

Zuvor hatte Gayling den Rahmen abgesteckt. Mit der Rottenburger "Dr. Eisele Planungs- und Projektentwicklungsgesellschaft" fand er ein Unternehmen, das sich mit der Sanierung und Vermarktung von belasteten Grundstücken einen Namen gemacht hat und das Areal abkaufen und entwickeln will. Mit dem städtischen Umweltschutzamt klopfte er die Sanierungsauflagen ab. "Die sind umsetzbar", sagt Geschäftsführer Gerhard Eisele.

Anders als zuletzt vorgesehen, sollen die 30 000 Tonnen Erdreich nicht auf der Deponie landen. Sie werden mit Zement gemischt und sollen das Nachbargrundstück abdichten helfen – denn auch dort lagern schwermetallhaltige Überreste des Kappler Bergbaus, die allerdings nicht das Grundwasser erreichen. Ralf Zähringer, stellvertretender Leiter des städtischen Umweltschutzamtes, hält das für eine gute Lösung. Im Gegensatz zu früheren Planungen ersparte das den Anwohnern 30 bis 40 Lastwagenfahrten pro Tag über Monate hinweg. Allerdings wird dann Kirchzartener Gebiet zum Endlager, was dem früheren Bürgermeister Georg-Wilhelm von Oppen nicht gefällt. Ralf Zähringer hofft nun auf das Gespräch mit dessen frisch gewählten Nachfolger Andreas Hall.

So viele Gespräche im Vorfeld des behördlichen Verfahrens machen einige Anwohner allerdings misstrauisch. Gibt es da Kompensationsgeschäfte zwischen Stadt und Gayling? Wer will da seinen Profit machen? Und was soll das für eine Sanierung sein, die eine "Schwermetallaltlast-Monodeponie in unmittelbarer Nachbarschaft eines Wohngebiets" zur Folge hat, fragt die Interessengemeinschaft, die laut Sprecher Jürgen Fiederlein inzwischen rund 80 Mitglieder hat. "Hier läuft doch etwas im Hintergrund, von dem man nicht die Öffentlichkeit informieren möchte." Er fürchtet, dass vollendete Tatsachen geschaffen werden sollen und nicht nach dem aktuellen Stand der Technik saniert wird.

Was für Außenstehende wie Mauschelei wirkt, ist laut Ralf Zähringer vom Umweltschutzamt keineswegs ungewöhnlich. Natürlich benötige ein Investor eine gewisse Sicherheit, allerdings stets unter dem Vorbehalt des Sanierungsverfahrens, das nun beginne. Behörden, Träger öffentlicher Belange, Nachbarn, Politik werden gehört. Zudem verlangt Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik, dass ein unabhängiger Gutachter die Sanierungspläne unter die Lupe nimmt. Auch die Altlastenbewertungskommission des Landes soll ihren Segen geben. Und die Entscheidung selbst fällt der Gemeinderat.

Auch wenn alles klappt, sagt von Gayling, falle sein Gewinn bescheiden aus. Und er trägt das Risiko: Der Verkaufsvertrag mit Eisele tritt erst in Kraft, wenn der Bebauungsplan unter Dach und Fach ist. Der sieht 80 Wohneinheiten vor, zumeist Reihenhäuser. Mit der Vermarktung will Gerhard Eisele die Investition refinanzieren. Zuvor will er ausgiebig mit den Anwohnern diskutieren.

Autor: Uwe Mauch