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07. Januar 2011
Cybermobbing unter Schülern
Was früher der Schulhof war, ist heute das Internet. Schüler machen sich gegenseitig in sozialen Netzwerken fertig. Das Problem ist auch Freiburger Pädagogen bekannt.
Der 15-jährige Freiburger Gymnasiast, nennen wir ihn Marius, weiß nicht, wie ihm geschieht: Ein zwölfjähriges Mädchen steht vor seiner Tür und behauptet, mit ihm verabredet zu sein. Aber er kennt sie überhaupt nicht. Erst da fliegt der ganze Schwindel auf. Unter Marius’ Namen hatte ein Klassenkamerad beim Internetportal Schüler-VZ einen Zugang eröffnet und nicht nur Marius’ Adresse und Telefonnummer veröffentlicht, sondern ihm auch noch ein herabwürdigendes Profil angedichtet und mit halbwüchsigen Mädchen angebandelt. Marius ist ein Opfer von Cybermobbing und so geschockt, dass er für den Rest des Schuljahres nicht mehr in der Lage ist, in die Schule zu gehen.
"Es gibt mittlerweile keine Schule mehr, die nicht davon betroffen wäre", weiß Doris Jöhle-Gutmacher. Die Freiburger Realschullehrerin ist mit einem Teil ihres Deputats als medienpädagogische Beraterin ins Kreismedienzentrum Emmendingen abgeordnet. Selbst in entlegenen Schwarzwaldorten laden Schulleiterinnen sie zu Elternabenden ein, wenn wieder einmal so ein Fall vorgekommen ist. "Die Elternhäuser", weiß sie, "sind am wenigsten aufgeklärt."
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Von Beschimpfungen und Beleidigungen wissen denn auch die meisten Sechstklässler einer Freiburger Realschule zu berichten. Der zwölfjährige Kevin* wurde von einem früheren Freund, nachdem der sein Handy vermisst hatte, als Dieb verdächtigt und im Schüler-VZ beschimpft: "Scheiß Pole. Verpiss dich." Mädchen wird von Jungen angedroht, sie würden blutig geschlagen. Andere werden als "fette Sau" beleidigt. Sie haben Angst vor dem Schulweg, trauen sich in der Pause nicht mehr auf den Schulhof.
Mobbing in der Schule ist kein neues Phänomen: jemanden auslachen, seine Sachen verstecken, tuscheln, prügeln und hänseln oder ihn beim Sport als letzten in eine Gruppe wählen. Traditionelles Mobbing nimmt sich vergleichsweise harmlos aus gegenüber den technischen Möglichkeiten, die die neuen Medien bieten. Die Anonymität des Netzes, in der die direkte Konfrontation von Täter und Opfer ausbleibt, lässt alle Hemmungen fallen. Sogenannte "Hassgruppen" erstellen "Hasspages" mit Fotos und Gerüchten über ihr Opfer. Mädchen werden auf der Toilette gefilmt, und jeder kann die Filme bei Youtube besichtigen. Andere finden ihr Konterfei, auf Sexseiten montiert, mitsamt ihrer Anschrift im Internet.
"Cybermobbing hat unheimlich bedrohliche Ausmaße angenommen", weiß die Abiturientin Savannah Guttmann. Am Droste-Hülshoff-Gymnasium hat sie sich im Seminarkurs in das Thema vertieft. "Wer Opfer wird, lässt sich nicht vorhersagen. Jede Schule hat ihren eigenen Code." Weshalb Mobbingopfer sich manchmal nicht anders zu helfen wissen als die Schule zu wechseln. Allerdings: "Vor Cybermobbing gibt es kein Entkommen." Manchen Jugendlichen haben die Nachstellungen im Netz schon in den Suizid getrieben.
Zwar ist niemand gezwungen, sich darin zu tummeln. Aber "fast alle haben einen Computer mit Internetanschluss", sagt Savannah Guttmann. "Wir brauchen ihn auch für die Schule." Das bestätigt die JIM-Studie: 100 Prozent aller Haushalte mit 12- bis 19-jährigen Jugendlichen sind damit ausgestattet. Der 14-jährige Felix* ist immer online, wenn er zu Hause ist. Mindestens 20 Gruppen mit Namen wie "Jogginghosen" gehört er an. Schaut Felix gerade ein Fußballspiel, schickt er ein begeistertes "Yeah!!" in den Äther, wenn die Lieblingsmannschaft ein Tor geschossen hat. Via Internet ist er ständig mit seinen Freunden sowie den Freunden der Freunde im Kontakt.
"Wer nicht drin ist, ist nicht in", beschreibt Doris Jöhle-Gutmacher das moderne Cliquenverhalten. Manchmal erschrickt sie über die naive Sucht der Kinder und Jugendlichen zur anzüglichen Selbstdarstellung: "Sie sind sich nicht bewusst, wie leicht das in falsche Hände geraten kann." Dabei können die Netzwerker wählen, ob sie ihre Daten öffentlich oder nur einem ausgewählten Kreis zugänglich machen wollen. Eine Funktion, die nicht einmal die Hälfte nutzt.
Zum Mobbing ist der Weg nur kurz. "Es fängt meist mit kleinen Beleidigungen an", weiß die Medienberaterin - und kann im Knacken von fremden Profilen enden, unter deren Namen Bösartigkeiten verbreitet werden. "Manche machen sich einen Sport daraus." Jöhle-Gutmacher rät: "Nicht darauf antworten. Die Inhalte mit einem Screenshot als Beweismaterial sichern und an den Webmaster schicken." Personen, die unangenehm aufgefallen sind, kann man dem Netzwerkbetreiber melden. Deren Adresse wird zwar gesperrt, aber sie können sich unter anderem Namen wieder anmelden. Strafanzeigen nützen wenig, nicht nur weil 14-Jährige noch strafunmündig sind. Cybermobbing gilt nicht als Straftatbestand. Allenfalls das "Recht am eigenen Bild" können Opfer einzuklagen versuchen.
Ansonsten versuchen Schulen im Verein mit Landes- und Kreismedienzentren und der Kriminalprävention der Polizei ihre Schülerinnen und Schüler fit zu machen im Umgang mit den neuen Medien. Irene Heinzelmann, zum Beispiel, hat darüber an ihrer Realschule mit den Schülern einen Film gedreht, der auch in die Sammlung von Unterrichtsmaterialien des Landesmedienzentrums aufgenommen wurde. Auch die Netzwerkbetreiber selbst versuchen sich in Aufklärung. Eine lückenlose Kontrolle indessen erscheint illusorisch. "Jeder muss Verantwortung lernen", ist Doris Jöhle-Gutmacher überzeugt. Neuntklässlerin Charlotte*, zum Beispiel, beschränkt sich bewusst auf nur 20 Freunde im Netz, die sie auch persönlich kennt. Und Kevin hat inzwischen auch Ruhe vor seinem Peiniger gefunden: "Ich habe einfach auf "ignorieren" gedrückt und ihn als Freund gestrichen."
ADRESSEN UND DIENSTLEISTUNGEN
57 Landes-, Kreis- und Stadtmedienzentren in Baden-Württemberg bieten flächendeckend Medien, Veranstaltungen und Dienstleistungen zur Mediennutzung.
Landesmedienzentrum:
http://www.lmz-bw.de
http://www.medien-aber-sicher.de (Projekt des Landesmedienzentrums mit Material für die Schulpraxis)
Kreismedienzentrum Freiburg: Telefon 0761/2780-79,
http://www.kmz-freiburg.de
http://www.klicksafe.de (EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz),
JIM-Studie: http://www.mpfs.de
Autor: arü
Autor: / Von Anita Rüffer
