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26. Juni 2012 21:50 Uhr

Verlust der Exzellenz

Alt-Professoren fordern Rücktritt der Freiburger Uni-Spitze

Nach dem Scheitern der Universität Freiburg im Exzellenzwettbewerb gibt es Schuldzuweisungen und Rücktrittsforderungen an Rektor Hans-Jochen Schiewer und sein Team. Formuliert haben sie ehemalige Professoren.

  1. Freiburgs Unirektor Hans-Jochen Schiewer Foto: Ingo Schneider

Am Mittwochnachmittag tagt der 38-köpfige Uni-Senat, dem der Rektor vorsitzt. Es wird erwartet, dass es dort zu einer heftigen Aussprache über den Verlust des Elitetitels und die Folgen kommt.

"Sie, Magnifizenz, würden zusammen mit Ihren Kollegen vom Rektorat unserer Universität einen großen Dienst erweisen, wenn Sie selber Ihre Ämter zur Verfügung stellen würden." In dieser Aufforderung gipfelt der Entwurf eines Briefes, der der BZ vorliegt. Als Autoren gelten "einige emeritierte Kollegen unserer Universität", wie es im Text heißt, also Professoren im Ruhestand. Initiator ist, wie unsere Zeitung erfuhr, der Historiker Gottfried Schramm (83). Dieser lehnte auf Befragen aber jede Stellungnahme ab.

"Mit Ihnen tragen wir schwer am Verlust der großen Ehre, die uns vor fünf Jahren zuteil geworden war und sich nun nicht fortsetzt", formulieren die Briefschreiber. "Wir sollten nicht mit denen rechten, die diese Entscheidung getroffen haben, sondern danach fragen, welchen Weg wir unter gewandelten Umständen einschlagen sollen." Und weiter: "Das wird solchen Persönlichkeiten leichter fallen, die nicht für den bisher verfolgten Weg verantwortlich sind."

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Rektor kritisiert Berichterstattung der Presse

Im Rektorat, hieß es am Dienstag, sei von Rücktrittsforderungen nichts bekannt. Sprecher Rudolf Werner Dreier, versicherte, Schiewer befürworte eine gründliche Debatte über Ursachen und Folgen der Niederlage. Der Rektor habe stets betont, dass es kein "Weiter so" geben könne und werde.

Umso irritierter waren Hochschullehrer, als sie jetzt eine Rundmail von ihrem Rektor bekamen. Darin stand in eher trotzigem Unterton, mit der Entscheidung vom 15. Juni sei "kein immerwährender Schaden" für die Uni verbunden, und: "Wir müssen entscheiden, welche Kritik wir annehmen und welche wir abweisen." Dann folgte eine zweite Rundmail, in der sich diese Sätze nicht finden. Dort ist von Enttäuschung und Betroffenheit die Rede – und von der Presse: "Schwer wiegt dabei auch, dass in der Presse das Zukunftskonzept regelmäßig mit dem Status einer ,Exzellenzuniversität‘ gleichgesetzt wird." Das erste Schreiben, hieß es bedauernd im Rektorat, sei ein früher Entwurf, der vom Sekretariat versehentlich versandt worden sei.

Die Titelverteidigung Freiburgs war – so viel ist aus der Jury bekannt geworden – daran gescheitert, dass das Zukunftskonzept (Infobox) nicht mehr für förderungswürdig angesehen wurde. Konkret liegen die Ablehnungsgründe der Kommission in Freiburg immer noch nicht vor, erst am 15. Juli wird im Rektorat damit gerechnet. "Das ist ein skandalöser Zustand", so ein Insider der Hochschulleitung. Denn bis dahin sei eine Aufarbeitung der Niederlage nicht möglich. Die Frage ist nur: Werden bis dahin auch die Enttäuschten und Verbitterten ruhig halten oder diejenigen in der Uni, die nach dem Scheitern nun fürchten, dass auch sie bald die Rechnung für die Niederlage bezahlen?

Denn das teure Frias, das edle Exzellenzinstitut, soll erhalten bleiben, das hat der Rektor bereits angekündigt. Nachdem aber der Bund als Finanzier jetzt weggefallen ist, bleibt die Frage, wer statt seiner die Rechnung bezahlt. Mehr als ein Viertel des Geldes, weiß man schon im Institut, will das Land nicht übernehmen. Weil ein solches Rumpfinstitut keine realistische Perspektive ist, steht fest: Die Universität muss einspringen. Im Kreis der sogenannten Zukunftskommission der Uni hatte man einen solchen Fall bereits einmal durchgerechnet: Demnach könnte eine solche Subventionierung der Frias-Spitzenforscher für jede einzelne Fakultät fünf bis zehn Prozent weniger Geld bedeuten. Vor allem bei den Naturwissenschaften will man sich darauf nicht einlassen: "Das Frias ist gescheitert, Schluss, aus", ist dort in den Führungsetagen zu vernehmen. Biologie, Medizin und Technik hätten schon als Hauptverantwortliche der siegreichen Cluster genug Lasten zu schultern – ein Frias am Tropf der Fakultäten lehnen hier viele ab.

"Wenn wir schon bluten müssen, dann brauchen wir zumindest eine Vision, wofür", so ein anderer Professor. Die des Rektors sei aber gerade mit dem Zukunftskonzept gescheitert. Fazit: Der Uni-Chef sei für den durchgefallenen Zukunftsentwurf verantwortlich gewesen. "Es wäre nach diesem Desaster eine Frage des Anstands, vor dem Senat den Rücktritt anzubieten", so der Forscher weiter.

Damit rechnen aber nur die Wenigsten. Bisher sei beim Rektorat eher die Linie zu erkennen: Positives hervorheben und die Verantwortung für das Negative auf viele Schultern verteilen. "Ich glaube, dass im Senat etliche Leute ihre Kritik ganz deutlich äußern werden", sagt ein Professor. Mit Namen zitiert werden möchte er wie so viele andere aber nicht.
Zukunftskonzept

So nennt sich ein Masterplan der Universität Freiburg, wie sie Spitzenforschung ausbauen, Wissenschaftlern Freiraum geben, Forschungsnachwuchs fördern und zugleich die Gesamtuniversität von alledem profitieren lassen will. Das Konzept hatte die Jury noch 2006 beeindruckt, seine Umsetzung sie aber 2012 nicht überzeugt.

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Autor: Michael Brendler und Stefan Hupka