Interview

Am Palliativzentrum Südbaden gibt es bald Letzte-Hilfe-Kurse

Constantin Hegel

Von Constantin Hegel

Di, 13. Februar 2018 um 12:14 Uhr

Freiburg

Die Grundkurse sollen Kenntnisse zur Sterbebegleitung vermitteln. Im Interview beschreibt der Vorsitzende des Zentrums, Lars Wiegmann, warum man sich so intensiv mit dem Tod beschäftigen sollte.

Er ist unausweichlich und trotzdem ein Tabu-Thema: der Tod. Ist die Zeit gekommen, sind Betroffene und Angehörige oft überfordert. Ein neues Konzept sind sogenannte Letzte-Hilfe-Kurse, in denen Nicht-Mediziner lernen, Menschen beim Sterben zu begleiten. Das interdisziplinäre Palliativzentrum Südbaden möchte in naher Zukunft solche Kurse in Freiburg anbieten. Constantin Hegel hat sich mit dem Vorsitzenden des Vereins Lars Wiegmann darüber unterhalten.

Herr Wiegmann, warum haben Sie sich dazu entschieden, dem Tod täglich in die Augen zu sehen?

Wiegmann: Ich bin Narkosearzt und habe früher an der Uniklinik gearbeitet. Durch die Hochleistungsmedizin können wir den Tod mittlerweile immer weiter hinauszögern. Das Sterben hat sich in der Gesellschaft dadurch sehr verändert. Ich wollte wissen, was passiert da eigentlich genau – auch mit den Angehörigen. Was ich in meiner täglichen Arbeit sehe, ist, dass Sterben gut funktionieren kann, wenn es in einer fürsorglichen und liebevollen Struktur passiert. Dann ist es eine sehr dankbare Arbeit. Der Tod wird dann sogar zur Bereicherung für die, die ihn miterleben durften.
"Letzte Hilfe (werden Sie Sterbehelfer)", Vorstellung des Kurs-Konzepts, Mittwoch, 14. Februar, 19 Uhr, Bürgerhaus am Seepark. Infos unter http://www.palliativzentrum-suedbaden.de

Worum geht es in den Letzte-Hilfe-Kursen?

Wiegmann: Im Grunde sind wir eine fürsorgliche Gesellschaft. Jeder macht für den Führerschein den Erste-Hilfe-Kurs. Es wäre doch nur logisch, auch Sterbenden beizustehen. Vor allem in dem Wissen, dass wir selbst irgendwann dieser Hilfe bedürfen. Der Tod ist für uns unausweichlich. Es macht Sinn, sich früh mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Kurse gehen dreieinhalb Stunden. Der erste Block soll aufzeigen, wie das Sterben als natürlicher Teil des Lebens abläuft. Dann geht es um Vorsorge und Entscheiden im konkreten Fall, zum Beispiel, wie man seinen Willen in einer Patientenverfügung zum Ausdruck bringt. Der dritte Teil befasst sich mit den biologischen und den seelischen Schmerzen. Zum Schluss geht es darum, wie man mit dem Abschied eines geliebten Menschen umgeht. Damit wollen wir bürgerliches Engagement fördern. Wenn jemand vom Fahrrad fällt, fasst man sich ein Herz und hilft. Das kann man auch auf das Lebensende übertragen.

Immer weniger Kinder werden in den vergangenen Jahren geboren. Sterben wir auch deshalb in Zukunft nicht mehr im Kreis der eigenen Familie?

Wiegmann: Wir müssen realistisch sein: Es gibt viele Sterbende, die keine Familie mehr haben. Die Vorstellung, am Lebensende allein zu sein, macht den Menschen Angst. Sie stellen sich den Tod dann würdelos vor. Wir dürfen das Thema nicht ausklammern, sondern mehr in die Gesellschaft reinholen. Es gibt zwar Anlaufstellen wie Palliativstationen, aber die Lösung könnten und sollten in Zukunft die Bürger sein. Wir müssen das System so erweitern, dass man der kranken Nachbarin, die man schon lange kennt und die keine Kinder hat, beim Sterben beisteht. Wir müssen gemeinsam das biologische Sterben wieder lernen.

Mehr zum Thema: