Freiburg

Am Sonntag demonstriert Pulse of Europe auf dem Synagogenplatz für ein einiges Europa

Moritz Neufeld

Von Moritz Neufeld

So, 04. November 2018

Freiburg

Der Sonntag Die Straße zurückgewinnen.

Pulse of Europe in Freiburg zieht um: Statt auf dem eher abgelegenen Augustinerplatz findet am heutigen Sonntag, 14 Uhr, erstmals auf dem prominenten Platz der Alten Synagoge eine Kundgebung statt. Das soll ein Signal sein für die Europawahl im Mai.

"Es ist vielen Leuten offenbar nicht klar, dass Europa an der Kante langschlingert", sagt Moritz Pohle, Initiator von Pulse of Europe Freiburg. "Es gibt die reale Gefahr, dass Europa zerbricht." Wenn im Mai 2019 das neue Europaparlament gewählt wird, können insbesondere Parteien auf Gewinne hoffen, die die EU insgesamt ablehnen. Das wiederum bedroht die Handlungsfähigkeit des Parlaments und somit auch das Funktionieren der EU.

Doch etwa in Landwasser scheint es für die meisten nicht von Interesse zu sein, welche Volksvertreter nach Straßburg einziehen: In dem Stadtteil im Freiburger Norden ging bei der Europawahl 2014 nur rund jeder vierte zur Abstimmung. Ähnlich schlecht sah es in Weingarten aus. Ein generelles Problem: Wer in den vergangenen Monaten zu einer Kundgebung von Pulse of Europe in Freiburg ging, fand sich in einem bildungsbürgerlich geprägten, wenig gemischten Publikum wieder.

Ein Punkt, den die Freiburger Initiatoren der Europabewegung ändern wollen. Vom Umzug auf den Platz der Alten Synagoge erhoffen sie sich mehr Präsenz in der Stadt. "Jetzt schalten wir in den Wahlkampfmodus", sagt Gregor Kroschel. "Das wollen wir besonders an den Orten machen, wo das Interesse für die Europawahl bislang gering ist." Ein Wort, das Pohle im Gespräch oft benutzt, ist "niedrigschwellig". Dieses Prädikat müsse die Wahlkampfaktionen für die Europawahl auszeichnen: "Das kann ein Stadtfest sein, Aktionen auf der Straße oder einfach von Haustür zu Haustür gehen – Hauptsache, man kommt erst mal mit den Leuten ins Gespräch!"

Doch was hat ein einkommensschwacher Freiburger aus Landwasser von einer funktionierenden EU? Pohles Antwort auf diese Frage gerät zu einem leidenschaftlichen Plädoyer, in dem er von Mindeststandards bei Lebensmitteln und Reisefreizügigkeit im Beruf bis hin zu der Tatsache gelangt, dass ein geeintes Europa vor allem eines bedeutet: Garantierten Frieden auf einem Kontinent mit einer blutigen Geschichte. "Es sind so viele kleine Dinge, auch im Alltag. Das vergisst man so leicht", schließt Pohle.

Da stimmt ihm Lionel Macohr zu. Der Lebenslauf des 43-Jährigen, der sich bei Pulse of Europe engagiert, liest sich wie ein Muster europäischer Integration: Der in Paris geborene Sohn italienischer Eltern lernte seine deutsche Frau in Florenz kennen und lebt nun mit seiner Familie in Kirchzarten. Doch Macohrs Bild von Europa ist keineswegs nur romantisch: "Ich bin Unternehmer und habe eine Firma in Frankreich. Wenn wir sagen, wir wollen kein solidarisches Europa, ist das vielleicht kurzfristig gut für starke Länder wie Deutschland. Aber langfristig profitieren wir doch nur, wenn es anderen auch gut geht."

Pulse of Europe will sich nicht auf eine politische Richtung festlegen, sondern hat die – von fast allen Parteien unterstützte – europäische Integration auf seinen Fahnen stehen. Der Freiburger Moritz Pohle ist Grünen-Parteimitglied, sitzt im Frankfurter Vorstand des Gesamtvereins aber neben acht anderen Aktiven unterschiedlicher politischer Couleur.

Keiner der drei Freiburger Aktivisten ist uneingeschränkter Anhänger des politischen Systems der EU. "Vieles läuft nicht gut, vieles ist zu technokratisch und bürgerfern", sagt Gregor Kroschel. "Aber ist denn die Alternative, einfach gar kein geeintes Europa mehr zu haben?" Pulse of Europe sei kein EU-Fanclub, so Pohle. Vielmehr wolle man als Europa-Enthusiasten Anstoß zu einer Reform geben – hin zu einem "Europa für alle", wie es Lionel Macohr nennt.

Gefragt: die schweigende Mehrheit

Das ist der Grundgedanke von Pulse of Europe, der auch am heutigen Sonntag das Hauptmotiv der heutigen Demonstration sein soll: "Wir wollen die Straße zurückgewinnen und die schweigende Mehrheit mobilisieren", so Pohle. Einer Umfrage des "Eurobarometers" zufolge finden 79 Prozent der Deutschen die Mitgliedschaft in der EU gut. "Wir wollen mit Pulse of Europe zeigen, dass wir mehr sind als diejenigen, die mit Ängsten vor Vielfalt und Überfremdung spielen."