"An Ressourcen anknüpfen"

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Sa, 18. August 2018

Freiburg

DREI FRAGEN AN Sarah Gugel von der Bahnhofsmission.

FREIBURG. Die Bahnhofsmission ist eine Anlaufstelle bei akuter Not – doch immer mehr Menschen kommen auch regelmäßig vorbei. Im Herbst startet die Veranstaltungsreihe "Nachtcafé", die Stammgäste gestalten sollen. Die Deutsche-Bahn-Stiftung unterstützt das Projekt mit 23 700 Euro. Anja Bochtler hat mit der evangelischen Religionspädagogin und Sozialarbeiterin Sarah Gugel (30) gesprochen. Sie leitet die Einrichtung mit einem katholischen Kollegen.

BZ: Mit dem Titel "Nachtcafé" verbinden viele die Gesprächsreihe im SWR-Fernsehen mit ausgewählten Gästen zu einem Thema. Ist das Ihr Vorbild?
Gugel: Nur teilweise – insofern, dass wir auch jeweils ein Thema haben werden, und dass die Veranstaltungen abends ab 20.30 Uhr beginnen, damit sie nicht den regulären Alltag der Bahnhofsmission mit rund 90 Gästen täglich beeinträchtigen. Es ist noch offen, was genau stattfinden wird – im September machen wir einen Ideen-Workshop mit unseren Stammgästen. Denkbar sind nicht nur Gespräche, sondern auch eine Schreibwerkstatt, bei der ein Schriftsteller an biografisches Schreiben heranführt, Malen, musikalische oder spirituelle Angebote. Unsere Stammgäste planen diese Abende, die einmal im Monat stattfinden sollen, mit uns und bereiten alles vor.
BZ: Welche Menschen werden zu Stammgästen der Bahnhofsmission?
Gugel: Neben denen, die nur einmal kommen, wegen Reiseproblemen oder etwa weil sie vor häuslicher Gewalt Schutz suchen, kommen rund 80 Prozent unserer Besucher öfter. Ungefähr die Hälfte davon kommt über Monate und Jahre. Das sind meist Menschen mit großen psychischen Problemen oder Suchterkrankungen, viele haben auf mehreren Ebenen Schwierigkeiten. Zwei Drittel sind Männer, ein Drittel ist wohnungslos, aber es gibt auch verarmte alte Menschen. Die Stammgäste bleiben bei uns wegen unserer Niederschwelligkeit, und weil sie nicht genug Energie haben, die Fachstellen zu nutzen, an die wir sie weitervermitteln. Bei uns haben sie immer Ansprechpartner, wir haben mehr als 20 ehrenamtliche Mitarbeitende.
BZ: Ein Abend im Monat – ist das nicht viel zu wenig, um Ihren Stammgästen neue Perspektiven bieten zu können?
Gugel: Es wäre zu wenig, wenn es nur der Abend wäre. Aber es geht darum, dass acht Leute den Abend vorbereiten, das Konzept mitentwickeln, Gäste auswählen, sich um Werbung, Finanzierung und Bewirtung kümmern. Es sollen Themen sein, die sie beschäftigen, wie die Frage, warum Wohnungslose kein kommunales Wahlrecht haben. Dadurch können sie sich informieren und Handlungsperspektiven überlegen – was könnte man tun, um die Dinge zu ändern? Wir wollen an die Ressourcen der Menschen anknüpfen, ihnen ihre Fähigkeiten wieder bewusst machen, die viele vergessen haben.

Infos: Bahnhofsmission Freiburg, Bismarckallee 7f (Hauptbahnhof), Tel. 0761/228 77, http://mehr.bz/bahnhofsmission