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06. Mai 2011
"Anders als in Deutschland"
BZ-INTERVIEW mit dem Chirurgen Helmut Berenskötter vom Verein "Interplast Germany".
Jedes Jahr bricht der Chirurg Helmut Berenskötter (66) irgendwann auf. Dann arbeitet er zwei, drei Wochen weit weg von seinem üblichen Arbeitsplatz im Zentrum für ambulante Diagnostik und Chirurgie im Stühlinger. Er ist für "Interplast Germany" im Einsatz – dem Verein, der Menschen in medizinisch schlecht ausgestatteten Ländern nach Kriegs- und Gewaltverletzungen oder Krankheiten operiert. Anja Bochtler sprach mit Helmut Berenskötter.
BZ: Wo war Ihre bisher schwierigste Operation?Berenskötter: Besonders belastend ist es meist in Indien, dort war ich schon vier Mal – zuletzt vor acht Wochen, in einer katholischen Klinik im Slum von Kalkutta. Unser kleines Team behandelt da sehr viele Frauen mit schwersten Verbrennungen. Sie sind Folge der "Bestrafung" durch ihre Ehemänner oder deren Familien, zum Beispiel weil die Mitgift der Frau zu klein war, sie keine Kinder bekommen kann oder schon die zweite Tochter statt des gewünschten Sohns geboren hat. Manchmal sind diese Verbrennungen so großflächig, dass die Arme und der Brustkorb nicht mehr unterscheidbar sind. Wir versuchen dann, vorsichtig die Arme herauszulösen, damit sie wieder bewegt werden können.
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Berenskötter: Nein, sie selbst erzählen höchstens erfundene Geschichten. Sie sind viel zu gedemütigt, um die Wahrheit sagen zu können. Wir behandeln die medizinisch schwierigsten Patienten am Beginn unseres Aufenthalts, damit wir sie eine Weile beobachten können. Solche starken Verbrennungen bekommen die meisten Chirurgen in Deutschland nie zu sehen, weil sie in spezialisierte Verbrennungszentren kommen.
BZ: Ähnlich ist es mit Kindern, die mit Fehlbildungen wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten geboren werden, die sieht man in Deutschland auch fast nie?
Berenskötter: Ja, das wird in Deutschland sehr früh behandelt, in manchen Ländern aber ist das nicht möglich. Umso befriedigender ist es, als Chirurg dort medizinisch notwendige Operationen machen zu können – ganz anders als in Deutschland, wo oft aus fragwürdigen Gründen operiert wird. Da gibt es manchmal keinen medizinischen Nutzen, sondern es geht darum, Geld zu verdienen. Gut ist auch, dass wir bei unseren Einsätzen in Namibia, Nepal oder Indien nicht viel Zeit für Verwaltungsaufgaben brauchen – im Gegensatz zu Deutschland.
BZ: Sie sind immer nur in einem kleinen Team im Einsatz?
Berenskötter: Ja. Mit meinem Kollegen Martin Schwarz, der OP-Schwester Christiane Engstfeld und zwei Anästhesisten aus anderen Städten. Wir arbeiten gleichberechtigt mit Kollegen vor Ort zusammen und bilden sie aus. Unsere Verwaltungskosten liegen unter fünf Prozent. Unsere Organisation ist klein und braucht Spenden, darum habe ich mich gerade sehr über die größte Summe gefreut, die wir je auf einmal bekamen: 10 000 Euro von dem Radiologen Hans-Herbert Weyer.
Autor: anb
