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11. November 2017

Prozess am Landgericht Freiburg

Anklage fordert acht Jahre Haft für Messerangriff an Ampel

Eine Freiheitsstrafe von acht Jahren hält Oberstaatsanwalt Matthias Rall für die beinahe tödlichen Messerstiche eines 50-Jährigen in die Brust seines vermeintlichen Nebenbuhlers für angemessen.

In seinem Plädoyer hat er die Tat vom Nachmittag des 31. Mai 2017 am Fahnenbergplatz anhand von Zeugenaussagen und Indizien als versuchten Mord bewertet. Auf fünf Jahre Freiheitsentzug wegen gefährlicher Körperverletzung lautete hingegen der Strafvorschlag von Wahlverteidigerin Carolin Hierstetter.

Wenn ihr Mandant den Beifahrer im Auto seiner geschiedenen Frau an der roten Ampel tatsächlich hätte töten wollen, dann hätte er nicht in den rechten Brustkorb, sondern in den Hals oder ins Herz gestochen, so die Verteidigerin. Dabei zitierte sie eine Aussage ihres Mandanten: Der hatte seine Messerattacke auf den Beifahrer damit begründet, dass dieser ihn als "Hurensohn" beleidigt habe und er ihn deshalb nur verletzten wollte.

Pflichtverteidiger Wolfgang Spoor lehnte eine Verurteilung wegen versuchten Mordes oder Totschlags ebenfalls mangels Nachweisen ab. Anders als der Ankläger sah er es als nicht erwiesen an, dass der Angeklagte die Arg- und Wehrlosigkeit des im Wagen sitzenden Nebenbuhlers seiner geschiedenen Frau zur Ausführung der Tat ausgenutzt habe. Sein Mandant habe durch das offene Fenster geschaut, die Beleidigung gehört und deshalb spontan zugestochen.

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Für den Fall, dass das Gericht in seiner Beratung nicht zu einer gefährlichen Körperverletzung, sondern zu einem versuchten Totschlag komme, so Spoor, sei angesichts der vielen Kränkungen des Mandanten durch seine ehemalige Ehefrau zuvor von einem minderschweren Fall auszugehen. Dafür wären fünf Jahre als Strafe ausreichend.

Das Thema häusliche Gewalt wird nicht mehr verhandelt

Es geht bei der Urteilsfindung nicht mehr um die ursprünglich mitangeklagten acht Fälle von häuslicher Gewalt, die der 50-Jährige von 2016 bis Ende Mai 2017 begangen haben soll. Mehrfach, so die Aussage der Frau, sei sie von ihrem Mann geschlagen, ein Mal auch heftig gedrosselt worden sein. Entsprechende Verletzungen sind aktenkundig. Zwei Mal erhielt der 50-Jährige einen Platzverweis. Alle diese Anklagepunkte sind auf Antrag von Oberstaatsanwalt Rall nach einem Gespräch aller Prozessbeteiligten eingestellt worden. Der Schwurgerichtskammer war es darauf angekommen, in diesem Familiendrama nicht auch noch die Kinder als Zeugen vernehmen zu müssen. Dies hatte die Verteidigung beantragt.

Seit März 2017 ist die Ehe des Angeklagten und seiner Frau in der Türkei geschieden. Beide sind Kurden. Der Angeklagte, ein Analphabet, behauptet, von seiner Frau getäuscht worden zu sein, als sie ihn um eine Unterschrift unter eine Vollmacht bat. Dass es sich um den Antrag auf die Scheidung gehandelt habe, will er nicht gewusst haben.

Außerdem habe nicht er seine Frau, sondern sie ihn mehrfach geschlagen. Ihm sei es nur um das Wohl der Kinder gegangen. Seine Frau habe ein Geschäft geführt und deshalb ihre Aufgaben in der Familie vernachlässigt. In seinem sogenannten letzten Wort erklärte er jedoch, dass jeder wisse, dass eigentlich er und nicht seine Frau das Geschäft geführt habe.

Sowohl seine Ex-Frau als auch der Verletzte haben vor Gericht ausgesagt, keine Beziehung gehabt zu haben oder zu haben. Sie hatten sich 2017 in einem türkischen Gericht kennengelernt und angefreundet. Er war auf Einladung der Frau zum Urlaub nach Freiburg gekommen. Die Verteidigung bezweifelte den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen. Sie unterstellte in den Plädoyers ein Liebesverhältnis. Das Schwurgericht will am Montag ein Urteil verkünden.

Autor: Peter Sliwka