Freiburg

"Art’s Birthday" – "Der Versuch, zwei Brücken zu bauen"

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Do, 11. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Kunst

Im Freiburger E-Werk wird der Geburtstag der Kunst gefeiert. Ein Interview mit dem Hörspiel-Dramaturgen Frank Halbig über das "Art’s Birthday"-Programm.

Dieses Jahr feiert das E-Werk vor. Die Kunst wird es verzeihen, denn bei einem Alter von über einer Million Jahren kommt es auf ein paar Tage nicht an. "Art’s Birthday" wurde vom Fluxus-Künstler Robert Filliou am 17. Januar 1963 ins Leben gerufen, das Spektakel dazu hat sich als sparten- und raumübergreifende Veranstaltung zu einer festen und spannenden Größe im Freiburger Kulturleben etabliert. Frank Halbig kuratiert die Auftritte im Saal an diesem Samstag. Joachim Schneider sprach mit dem 47-Jährigen.

BZ: Nachdem das SWR-Sinfonieorchester den Breisgau verlassen hat, ist Freiburg mit dem E-Werk nun die Avantgarde-Hauptstadt für den SWR geworden?
Halbig:
Die Lage am Dreiländereck prädestiniert Freiburg zur Avantgarde-Hauptstadt. Jedes Jahr immer wieder neue interessante Künstlerinnen und Künstler aus der Region aufzutun, könnte auch erschöpfend sein, aber dazu ist das Angebot aus der Oberrheinregion – wenn man sie mit Zürich-Basel, Mulhouse-Strasbourg und Freiburg-Karlsruhe etwas ausdehnt – zu reichhaltig.
BZ: Aber der SWR hatte das so nicht im Sinn, oder?
Halbig: Der Wechsel von ZKM und HfG Karlsruhe ans E-Werk Freiburg im Jahr 2014 kam durch die Anfrage von Nicoletta Torcelli im Rahmen ihres Projektes "Sounds Surrounds" zustande; seitdem organisieren wir den "Art’s Birthday" gemeinsam. Nach sechs Jahren war eine Veränderung ganz gut. Wir haben diesen Schritt nie bereut, da er uns auf beiden Seiten eine neue Form von Veranstaltung ermöglicht hat, und dazu ein Publikum, das großen Spaß daran hat. Unsere eingeladenen Künstler sind vom Ort wie vom Publikum gleichermaßen begeistert.
BZ: Was macht ein Dramaturg beim Radio?
Halbig: In der einzigen aus dem Medium Radio selbst hervorgegangenen Kunstform, dem Hörspiel, gibt es auch die Personengruppe der Dramaturgen, die normalerweise eher dem Theaterkontext zugerechnet werden. Kerngeschäft ist sicher die Arbeit mit den Hörspielautorinnen und -autoren an den Manuskripten, das Auswählen der Stoffe aus der Vielzahl der Angebote – gerade jetzt bei der Umstellung auf Trimedialität – aber auch viel Bürokratie und Organisation. Die Arbeit für den Sendeplatz SWR 2 ars acustica ist nochmal spezieller, da dort der Übergang zwischen Literatur, Bildender Kunst und Musik fließend ist und es nicht immer ein Hörspielmanuskript im klassischen Sinne gibt.
BZ: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Hauptacts aus? In den vergangenen Jahren gab es bei "Art’s Birthday" experimentelle Elektronik, eine Art androide Pop-Diva oder HipHop und nun Dark-Jazz mit dem Kammerflimmer Kollektief …
Halbig: Für die Auswahl der Hauptacts gibt es für mich kein direkt anwendbares Kriterium. Es ist der Versuch, zwei Brücken zu bauen: eine für das Publikum zu den vermeintlich sperrigen Angeboten der ars acustica oder dem Hörspiel überhaupt. Die andere Brücke führt zu den für mich spannenden Künstlerinnen und Künstlern aus dem Musikbereich, um sie für dieses Thema zu sensibilisieren. Das hat ja über die vergangenen elf Jahre schon zu einigen längerfristigen Zusammenarbeiten geführt. Dieses Jahr wird es mit dem Kammerflimmer Kollektief der umgekehrte Weg sein. Ich habe mit dessen Mitglied Thomas Weber ja bereits vier Hörspiele produziert.
BZ: Speziell noch ein paar Worte zu Andrea Belfi, der den Konzertabend im großen Saal abschließen wird ...
Halbig: Er hat sich von seinen jungen Anfängen in der Welt des Punk und Hardcore, über sein Studium der Kunst zu einem eigenwilligen Zuschnitt entwickelt – einer Art One-Man-Band mit Perkussions-Antrieb, die sich in den Orbit großer Soundscapebögen katapultiert. Ihm dabei zuzusehen, macht besonders viel Spaß.
BZ: "Art’s Birthday" wird auch heuer wieder ein schöner Abend, wobei immer der Nachgeschmack bleibt, das der mit dem sonstigen Radioprogramm des SWR nicht viel gemeinsam hat …
Halbig: Da finden sich durchaus viele Perlen, aber tatsächlich findet eine Umstellung statt. Auch der Sender muss sich über einen Generationenwechsel Gedanken machen. In der Programmleitung hat er unter anderem schon stattgefunden.
BZ: Und Gedanken zum Inhalt auch?
Halbig: Wir müssen mehr Profil und Leidenschaft zeigen, und dürfen nicht in die Falle geraten, nur Radio nach Analysen und Statistiken zu machen. Immerhin haben wir mit "Art’s Birthday" schon den Auftrag zur Trimedialität geschafft. Wir sind vor Ort, im Radio und im Internet.
BZ: "Art’s Birthday" ist ja am 17. Januar – was machen Sie an dem Abend?
Halbig: Nun, ich werde das Radio einschalten und hören, wie die Performance über den Äther klingt. Und dann habe ich auch mal die Möglichkeit zu schauen, was die Kollegen in anderen Ländern und Sendern so machen.


Frank Halbig (47) studierte Medienkunst in Karlsruhe. Er ist Dozent für Akustische Kunst/Hörspiel in Karlsruhe und Dramaturg beim SWR 2. "Art’s Birthday", Sa., 13. Jan, 19 Uhr, E-Werk. Live-Videostream auf
swr2.de/artsbirthday