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10. September 2017 15:17 Uhr

BZ-Wahltag

Auf der Rückbank mit Kandidaten für die Bundestagswahl

Zwei Fremde, eine Rückbank: Beim BZ-Wahltag konnten Wähler mit drei Direktkandidaten für die Bundestagswahl während einer Taxifahrt diskutieren. Wie viel Nähe verträgt das Volk?

  1. Jonathan Löffelbein mit Adrian Hurrle (FDP) (von links) Foto: Moritz Lehmann

  2. Friedhelm und Annkathrin Egerer mit Julien Bender (SPD) (von links) Foto: Moritz Lehmann

  3. Herbert Kost mit Adrian Hurrle (FDP) Foto: Moritz Lehmann

Es ist ein beliebter Vorwurf gegenüber Politikern: Sie hätten ihre Bodenhaftung verloren und wüssten nicht, was dem Volk am Herzen liegt. Wie viel näher kann man einem Politiker kommen als sich mit ihm die Rückbank eines Autos zu teilen? Eine Art "Blind Date", das ist in etwa die Idee, die die Freiburger Außenstelle des Landesamts für politische Bildung (LpB) mit ihrem Wahltaxi verfolgt. Denn die Kandidaten wissen nicht, wer sich da zu ihnen auf die Rückbank quetscht.

Seit Freitag tourt die LpB mit den Freiburger Wahlkreiskandidaten in einem Volvo durch Freiburg, so auch am großen BZ-Wahltag am Samstag. Per Mail hatten Interessierte die Möglichkeit, sich für ein Date mit einem Kandidaten ihrer Wahl – Volker Kempf (AfD), Adrian Hurrle (FDP) oder Julien Bender (SPD) anzumelden und mit ihm für eine gute halbe Stunde ins Gespräch zu kommen. Eine halbe Stunde, in der es kein Entkommen gibt. Wie viel Nähe verträgt das Volk?

Zunächst herrscht Einigkeit

"Eine witzige Idee", findet Adrian Hurrle (FDP). Es ist 11 Uhr morgens, von dem angemeldeten Mitfahrer keine Spur. War es ihm dann doch zu viel der Nähe? Spontan entscheidet sich Herbert Kost, 63 Jahre alt, mit Hurrle ins Auto zu steigen. Hurrle und Kost sind sich schnell einig: Es gibt zu wenig Freiheit in diesem Land.

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Die Bürger würden durch den Staat viel zu oft bevormundet, die Steuern seien zu hoch, vor allem für die Leistungsträger der Gesellschaft. Der Spitzensteuersatz greife viel zu früh. "Man sollte den Leuten mehr Geld im Portemonnaie lassen. Die Bevölkerung kann besser mit Geld umgehen als der Staat", sagt Kost. FDP-Kandidat Hurrle nickt eifrig. Man versteht sich, die halbe Stunde ist schnell vorbei. Am Ende spricht man über Fußball, Kost will gleich noch ins SC-Stadion.

Schluss mit der Gemütlichkeit

Mit dem nächsten Gast soll es nun ein wenig ungemütlicher werden für Adrian Hurrle. Die Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung lassen Jonathan Löffelbein neben ihm Platz nehmen, auch er springt spontan ein. Der 26-Jährige studiert in Tübingen Rhetorik und ist Poetry Slammer. Er streitet gern. Soeben hat er auf der Bühne noch über den FDP-Chef Christian Lindner gelästert.

Löffelbein ist nicht Mitglied einer Partei, verortet sich selbst aber links. Er wirft der FDP vor, sie sei unsozial: "Die Reichen müssen wenig Steuern zahlen, die Rechte der Arbeitnehmer werden abgebaut." Der Liberalismus, für den seine Partei stehe, sei "grundsozial", versichert Hurrle. Er wolle die Schulen gut ausstatten und für Chancengleichheit sorgen. Das sei gerecht. Von einem Abbau der Arbeitnehmerrechte sei im Parteiprogramm der FDP nicht die Rede.

Streit um den Mindestlohn

Das klinge ja alles ganz gut, sagt Löffelbein. Bis vor wenigen Minuten wusste er nicht, dass er gleich mit einem FDP-Politiker auf der Rückbank sitzen wird. In der Kürze der Zeit hatte er nicht die Gelegenheit, das FDP Wahlprogramm unter die Lupe zu nehmen.

Aber was hält Hurrle vom Mindestlohn? "Nichts", sagt dieser. "Oh", sagt Löffelbein. Er hingegen hält viel vom Mindestlohn. "Der Mindestlohn ist entweder zu hoch und macht Arbeitsplätze kaputt, oder er ist zu niedrig," sagt Hurrle. Das lasse sich auch auf die Mietpreisbremse übertragen.

"Die Leute sollen so bezahlt werden, dass sie davon leben können", sagt Löffelbein. Und schiebt hinterher: "Die Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Wirtschaft." Das bestreitet Hurrle nicht. So geht es weiter, die beiden liefern sich ein argumentatives Ping Pong Spiel. Am Ende sagt Löffelbein: "Im Grunde wollen wir das Gleiche. Nur sind wir uns nicht einig, wie wir da hin kommen."

Den Diskurs offen halten

Adrian Hurrle hatte Spaß. Am liebsten würde er gleich nochmal ins Taxi steigen – aber seine Zeit ist um. Und wie war’s für Jonathan Löffelbein? "Ganz gut", sagt er. Aber auch ein wenig mühsam: "Ich musste ihn immer wieder im Thema-Hopping bremsen", sagt er. Trotzdem: Er würde es jederzeit wieder tun. "Man muss den Diskurs offen halten."

Der letzte Kandidat, der auf der Rückbank des Wahltaxis Platz nimmt, ist SPD-Kandidat Julien Bender. Ihn erwarten zwei Jungwähler: das Geschwisterpaar Friedhelm (20) und Annkathrin (27) Egerer. Beide studieren Jura. Friedhelm fragt: "Und, wie ist die Stimmung"? Die Stimmung ist solala. Die neusten Umfragewerte seien vernichtend, gibt Bender zu. "Aber die Grundstimmung in der Partei ist gut", versichert er. "Wir sind so viel unterwegs wie nie", sagt er. Wie passt das zusammen? "Das Wahlprogramm passt wieder zu uns."

Wird die SPD mit der Linken koalieren?

Das TV-Duell mit Merkel und Schulz hat Bender enttäuscht. "Eine Demokratie braucht Streit, und der fehlt im Moment," sagt er. Annkathrin Egerer hat bei dem Duell eine klare Aussage Schulz’ bezüglich seiner Haltung zu einer Koalition mit der Linken vermisst. Denn von dieser hält sie nichts: "Die Linke ist eine Gegen-Alles-Partei", findet sie.

Julien Bender hat da auch seine Bedenken. Er wirft aber ein: "In Regierungsverantwortung ist das anders". Und er gibt zu bedenken: "Im Parteiensystem hat sich etwas verändert. Ich war ein großer Fan von Rot-Grün. Aber diese Regierung wird es wohl nicht geben". Entscheidend sei eben, dass man eine Regierung bilden könne. "Und ich bin gegen die große Koalition." Diese müsse eine Ausnahme bleiben und dürfe nicht zur Regel werden.

Was wird, wenn Merkel nicht mehr da ist?

"Gibt es in vier Jahren mehr Chancen, wenn Merkel weg ist?", will Friedhelm Egerer wissen. "Na, wir wollen das Ruder in den nächsten zwei Wochen noch rumreißen", sagt Bender. Und fügt hinzu: "Aber ja, wenn Merkel dann wirklich weg ist, dann klafft in der CDU ein Loch".

Wie hat es den beiden gefallen? "Super", sagt Annkathrin. "Er ist total authentisch, er sagt, was er meint", sagt ihr Bruder Friedhelm. Ob Bender auf die Stimmen der beiden zählen kann? Das haben die beiden noch nicht entschieden. Bis zur Wahl ist es ja noch ein Weilchen hin.

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Autor: Moritz Lehmann