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06. Juli 2015

Auf ein Strichmännchen mit Peter Gaymann

Der bekannte Cartoonist gibt interessierten Comiczeichnern im Museum für Neue Kunst ein wenig Starthilfe in einem Workshop.

Ein Stuhl auf einem Podest. Peter Gaymann stellt sich davor und hievt den rechten Fuß auf die Sitzfläche. Den Oberkörper beugt er nach vorne, während er mit dem rechten Ellenbogen auf dem rechten Knie Halt sucht. Die Brille baumelt an einem Band vor der Brust. "Und nun", sagt Gaymann, "zeichnet mich als Strichmännchen."

Neun Teilnehmer sitzen vor weißen Papierbögen. Mit Bleistiften bewaffnet, mit Kreativität und Feinmechanik gesegnet. Die Zeichnungen erinnern an die von Grundschulkindern: ein Kreis und sehr viele kleine Striche. Aber so will es der Künstler in seinem Workshop. "Die meisten Cartoonprofis fangen genau so an", sagt Gaymann, der im Museum für Neue Kunst derzeit eine Ausstellung hat und den mehrwöchigen Aufenthalt in seinem Geburtsort nutzt, um wissbegierigen Menschen etwas von seinem Schaffen näherzubringen. 60 Euro kostet die Teilnahme am eintägigen Workshop. Seine Mutter habe es ihm gezahlt, sagt Laurens Prasch, der schon als Kind immer viel malte und zeichnete. Er möchte neue Inputs vom Kurs mitnehmen. "Von einem richtigen Profi", wie der 17-Jährige betont. Einen Cartoon zu zeichnen, sei gar nicht so leicht, findet der Schüler der Wiehre-Waldorfschule. "Es gibt Schritte, die man beherrschen muss, auf gut Glück geht da nix." Ob er später beruflich in die Richtung gehen wolle, wisse er noch nicht. "Dafür muss man schon sehr gut sein und viel üben", sagt Prasch. "Ich will einfach mal vorankommen."

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Regine Mensing malt aus Zeitvertreib. Seit ihrer Pensionierung versucht sich die Sexauerin an Aquarellen. Sie stöbert in Zeitschriften und schaut sich Architekturen an, um sich inspirieren zu lassen. "Im Ruhestand muss man sich ja mit etwas beschäftigen", sagt Mensing, "und an Malen und Zeichnen habe ich sehr viel Spaß." Von dem Kurs habe sie in der Zeitung erfahren und sich gleich angemeldet. "Ich finde den Gaymann ja so toll", flüstert sie, "da habe ich nicht gezögert." Comics seien für sie ungewohnt. "Und sie sind anspruchsvoller, als man denkt", versichert die Rentnerin. Die Proportionen müssten stimmen, und Mimik und Gestik seien gar nicht so leicht. "Ich bin sehr dankbar für den Kurs", sagt Mensing, "man nimmt sehr viel mit."

Gaymann ist begeistert von seinen Teilnehmern. "Sie müssen ja keine Profis werden, sollen aber Gefallen an Cartoons finden und Anleitung kriegen, um selber weiterzuüben", sagt der 65-Jährige, der in Freiburg Sozialpädagogik studierte und nie an einem Zeichenkurs teilgenommen hat. Nachdem der lässig auf dem Stuhl lehnende Strichmännchen-Gaymann auf die Papierblöcke kopiert wurde, sollen die Teilnehmer den Körper füllen. "Nun kommt es drauf an, was das für eine Figur werden soll", sagt Gaymann. "Es liegt an euch." Aus dem Strichmännchen kann mit wenigen Schwüngen Mann oder Frau werden, es kann Sommerklamotten oder Schals und Wintermäntel tragen, lachen oder weinen, es kann barfuß laufen oder in Gummistiefeln patschen, einen Drachen steigen lassen oder mit dem Kochlöffel schwingen. Peter Gaymann geht umher und gibt Hilfestellungen, den Rest überlässt er der individuellen Kreativität.

Autor: Christian Engel