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19. März 2009 17:11 Uhr
Fledermäuse und Co.
Aus dem Archiv: Artenschutz gefährdet Projekte
Nicht immer bestimmen die großen Tiere die Politik. Manchmal sind es auch die kleinen. Wenn Fledermaus, Beißschrecke oder Kammmolch ans Licht der Öffentlichkeit kommen, sorgen sie für mächtigen Wirbel. Und gefährden millionenschwere Projekte.
Freiburg scheint ein Hort des zoologischen Widerstands zu sein, 2005 war das Jahr der Zwergfledermaus. Das possierliche Tier hat dem zähen Streit um die Windräder einen ganz neuen Dreh verliehen, Energiepolitik gemacht und nebenbei für eine feine Provinzposse gesorgt. Durch ihr bloßes Sein. Und ihr Sterben.
ROßKOPF-DRAMA KOSTETE WINDKRAFT SYMPATHIE
Dabei hatte sich gerade der Sturm gelegt, der den Windrädern vom Dauerlandesvater entgegenblies. Doch der Teufel ist ein Eichhörnchen, und mit der Flaute ging’s erst richtig rund. Nach lauen, windarmen Nächten lagen tote Zwergfledermäuse unter den politisch korrekten Stromerzeugern am Roßkopf. "Manipulation", rief der Betreiber Regiowind und witterte kriminelle Energie: Windkraftgegner hätten die Kadaver ausgelegt. Frei nach dem Motto "alle Räder stehen still, wenn dein schwacher Flügel es will", wurden die Rotoren sicherheitshalber in lauen Nächten abgestellt. Anzeichen für Manipulation wurden nicht gefunden, die Verschwörungstheorie gilt als abwegig. Im Kampf Grün gegen Grün siegte Artenschutz über den Umweltschutz. Der Freiburg-Krimi machte bundesweit Schlagzeilen und wirkte vor Ort weiter: Das Drama am Roßkopf kostete die Windkraft einer Uni-Studie zufolge Sympathie.
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NEUE FRONT ZWISCHEN KLIMA- UND TIERSCHÜTZERN
Seit Jahren ist der tierische Widerstand in Freiburg ungebrochen. So drohte die Braunfleckige Beißschrecke – einzigartig nördlich der Alpen – die Neue Messe zu verhindern. Am Ende kam der Bau, mit den Schrecken ging man besonders pfleglich um, es wurde still. Bis die Gelbbauchunke – besonders schützenswert – dazwischenquakte, als in ihrem Lebensraum am Lorettoberg gebaut werden sollte. Eine Bürgerinitiative unterstützte das lange nur von ihr gesichtete Tier in ihrem Daseinskampf – auch mit eigens angelegter Laichgrube. Derweil brachte schon die Mauereidechse (Podarcis muralis, stark gefährdet) den geplanten Umbau des Güterbahnhofs durcheinander. 2004 dann: Beißschrecke, die Zweite. Auf dem Flugplatz hätte sie beinahe zusammen mit den beiden Fledermausarten Großes Mausohr und Bechsteinfledermaus – nach EU-Richtlinie sehr schützenswert – die Verlängerung der Landebahn abgewendet. Die wurde trotzdem verwirklicht, aufgrund einer anderen EU-Richtlinie und zugunsten von Organtransporten. Nachdem die Witzeleien über "irgendwie geohrte Flugsäuger und diagonal geflammte Insekten" verebbt sind, bildete sich 2005 noch eine neue Front zwischen Klima- und Tierschützern. Die einen wollten auf dem B-31-Ost-Tunnel eine 3,50 Meter hohe Solaranlage aufstellen. Die anderen befürchteten, Vögel und Fledermäuse könnten nicht mehr drüberfliegen wollen. In Freiburg finden sich eben nicht nur in der Fauna besondere Spezies.
Ein Ausläufer des Wirbels in Freiburg reicht bis Lörrach, wo Eisvogel, Grauspecht, Wasseramsel, Schafstelze und Pirol (alle selten) die Diskussion um die zollfreie Straße zusätzlich ankurbelten. Aber auch in anderen Reservaten politischer correctness gibt’s tierischen Zündstoff. In Hamburg könnten – wer auch sonst – Fledermäuse verhindern, dass Airbus die Landebahn verlängert. Die Bäume auf dem Bauareal dienen ihnen als Sommersitz und dürfen laut Oberverwaltungsgericht nicht gefällt werden. Ganz ähnlich der Fall am Flughafen Hahn – wahrscheinlich die einzige Kinderstube der Mopsfledermaus in Rheinland-Pfalz. Grünen-Alphatier Joschka Fischer zufolge nicht nur eine sehr seltene sondern auch ganz besondere Art, von der man in Sachen Politik ebenso viel lernen könnte wie vom Feldhamster (geschützt). Der Nager sorgt für Wirbel, ohne sich auch nur blicken zu lassen: Im niederrheinischen Neurath genügen leer stehende Hamsterbauten, um den geplanten Bau eines Braunkohlekraftwerks ins Wanken zu bringen. Hier wird auch das Klischee vom Kampf Tierschutz gegen Energiekonzern relativiert. Hinter der Front der Naturschützer wurden die Grünen vermutet. Die stellten sich daraufhin demonstrativ hinter den Bau des besonders sauberen Kraftwerks und vermuteten ihrerseits, dass RWE den "Hamster-Wahnsinn" ausgelöst habe, um sich um das zwei Milliarden Euro teure Projekt zu drücken. Nach dem Landtag soll sich nun die EU um den Fall kümmern.
TIERE ALS HELDEN UND MÄRTYRER
"Wirbeltiere" werden nicht nur zum Politikum. In den Niederlanden wurde jüngst ein Spatz zum Märtyrer. Weil der Vertreter seiner gefährdeten Art beim Aufbau des "RTL-Domino-Days" 23 000 Dominosteine umgeworfen und damit einen Weltre kord gefährdet hatte, wurde er flugs abgeschossen. Tierschützer schalteten die Polizei ein, die stellte den Kadaver sicher. Der Schütze erhielt Todesdrohungen, der Spatz eine Kondolenzseite im Internet. RTL-Moderatorin Frauke Ludowig musste sich in der Sendung für den Abschuss entschuldigen. Andere Tiere befreien sich aus ihrer vermeintlichen Opferrolle und werden zu wahren Helden: In Hessen haben 5000 Kammmolche dem Staat eine Menge Geld gespart. Ihretwegen wurde die Trasse einer Autobahn anders geplant und das Projekt auf diesem Weg um 50 Millionen Euro billiger. Macht 10 000 Euro gesparte Steuern pro Molch.
Widerstand und kein Ende? Das von Kammmolch und Gelbbauchunke könnte absehbar sein. Einer weltweiten Amphibienzählung zufolge sind bereits 168 Arten ausgestorben, ein Drittel ist gefährdet. Dass der Streit auch dann weitergeht, kann als gesichert gelten. Bleibt doch zu klären, wer dafür verantwortlich ist.
Autor: Simone Höhl
