Begegnungen beim BZ-Wahltag

Moritz Lehmann

Von Moritz Lehmann

Mo, 11. September 2017

Freiburg

Auf der Rückbank mit einem Kandidaten

Zwei Fremde, eine Rückbank: Eine Art "Blind Date" bietet die Freiburger Außenstelle der Landeszentrale für politische Bildung in ihrem Wahltaxi an. Seit Freitag tourt sie mit den Freiburger Wahlkreiskandidaten in einem Volvo durch die Stadt, so auch am BZ-Wahltag am Samstag. Interessierte meldeten sich für eine Fahrt mit Volker Kempf (AfD), Adrian Hurrle (FDP) oder Julien Bender (SPD) an und kamen mit diesen für eine gute halbe Stunde ins Gespräch. "Eine witzige Idee", findet Adrian Hurrle (FDP). Es ist elf Uhr morgens, vom angemeldeten Mitfahrer keine Spur. Spontan entscheidet sich Herbert Kost (63) dafür, mit Hurrle ins Auto zu steigen. Die beiden sind sich schnell einig: Es gibt zu wenig Freiheit in diesem Land.

Die Bürger würden durch den Staat bevormundet, die Steuern seien zu hoch, vor allem für die Leistungsträger der Gesellschaft. "Man sollte den Leuten mehr Geld im Portemonnaie lassen. Die können besser mit Geld umgehen als der Staat," sagt Kost. FDP-Wahlkreiskandidat Hurrle nickt eifrig. Man versteht sich, die halbe Stunde ist schnell vorbei. Mit dem nächsten Gast wird’s ein wenig ungemütlicher. Jonathan Löffelbein nimmt neben Hurrle Platz. Der 26-Jährige studiert in Tübingen und ist Poetry Slammer. Soeben hat er auf der Bühne noch über FDP-Chef Christian Lindner gelästert. Löffelbein ist in keiner Partei Mitglied, verortet sich selbst aber links. Er wirft der FDP vor, sie sei unsozial: "Die Reichen sollen wenig Steuern zahlen, die Rechte der Arbeitnehmer werden abgebaut." Die FDP sei "grundsozial", entgegnet Hurrle. Man wolle die Schulen gut ausstatten und für Chancengleichheit sorgen. Von einem Abbau der Arbeitnehmerrechte sei im Programm der FDP nicht die Rede. Und was hält Hurrle vom Mindestlohn? "Nichts", sagt dieser. "Der Mindestlohn ist entweder zu hoch und macht Arbeitsplätze kaputt, oder er ist zu niedrig." Das gelte auch für die Mietpreisbremse. "Die Leute sollen so bezahlt werden, dass sie davon leben können", findet Löffelbein. Die Beiden liefern sich ein Ping-Pong-Spiel. Bevor er aussteigt sagt Löffelbein: "Im Grunde wollen wir das Gleiche. Aber wir sind uns nicht einig, wie wir da hinkommen."

Mehr dazu, auch wie es auf der Rückbank mit Julien Bender (SPD) war, unter http://mehr.bz/wahltaxi

Wie arbeitet ein Hauptstadt-Journalist?

Beim TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz war Schnelligkeit angesagt, als die Kanzlerin und ihr Herausforderer sich längst wieder entspannen konnten: Christopher Ziedler, Leiter des siebenköpfigen Berliner Gemeinschaftsbüros von Badischer Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, hatte nur 40 Minuten Zeit, um seinen Text zu schreiben und zu verschicken: In Freiburg wurde er dann gegengelesen und in die Seite eingepasst. Für die ersten Lokalausgaben der BZ hat das nicht mehr gereicht, aber die meisten Leserinnen und Leser konnten am Montag in der Zeitung lesen, wie Ziedler den Abend erlebt hat.

Häufig, aber nicht immer stehen Journalisten unter solchem Zeitdruck, verriet Ziedler im Gespräch mit BZ-Politikchef Dietmar Ostermann im BZ-Museum. Es sollte einen Einblick in den Alltag eines Hauptstadt-Journalisten geben. Ziedler (43) war sechs Jahre Korrespondent in Brüssel und wechselte im April 2016 nach Berlin. "Merkel macht sich rar", sagte Ziedler auf Ostermanns Frage, wie nahe ein Korrespondent den Politikern komme. "Andere sieht man mehr." Das liege auch daran, dass die Ministerien genau wüssten, welches Medium wie viel Aufmerksamkeit erreiche. "Exklusive Meldungen werden dann eher an die Kollegen vom Spiegel oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durchgestochen." Auch der Allgegenwart des Fernsehens muss der Vertreter der regionalen Qualitätszeitung sich manchmal beugen: So zuletzt beim Dieselgipfel, bei dem Ziedler ein Interview mit dem Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn verabredet hatte. "Dann kamen die Tagesthemen – und ich musste warten." Dennoch ist der Journalist froh, dass er für Regionalzeitungen schreibt: "Wir können unabhängiger agieren." Ein Notizzettel an seinem PC erinnert Ziedler daran, verständlich zu schreiben. "Mein wichtigster Redakteur ist meine Frau", sagte der Korrespondent – sie lese seine Texte aus Sicht einer Leserin.