Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
21. Februar 2012
Freiburger Geschlechterstudien
Interview: Eva Rieger über Musik und Genderdiskurs
BZ-INTERVIEW mit Musikwissenschaftlerin Eva Rieger zu Geschlechterzuschreibungen in der Musik.
Drückt Musik Geschlechtsspezifisches aus? Die Forschung zu Gender und Musik legt das nahe. Eine Pionierin dieser Forschung ist die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger. Mit ihrem Vortrag "Von der Frauenforschung zu den Geschlechterstudien am Beispiel Richard Wagners" stimmte sie nun auf das Symposium "Musik und Genderdiskurs" ein. Damit feierte das Zentrum für Anthropologie und Genderstudies im Carl Schurz Haus die 25. Ausgabe der Zeitschrift "Freiburger Geschlechterstudien". Julia Littmann sprach mit Eva Rieger über Wotan und Werte.
BZ: Sie sind Musikwissenschaftlerin und stehen obendrein für jahrzehntelange aufklärerische Frauenforschung. Ist das noch ein aktuelles Anliegen?Eva Rieger: Oja! Nur ein Beispiel. In Liechtenstein, wo ich lebe, wurde vergangenes Jahr das Gesetz für Lebenspartnerschaften verabschiedet – und ein Leserbrief kommentierte, der Wertezerfall und der Genderwahn zerstöre ganz Europa. Rückwärtsgewandter geht’s kaum. So was macht mir große Sorge.
BZ: Wie vermitteln Sie diese Sorge heute einer Öffentlichkeit – zumal als Musikwissenschaftlerin?
Werbung
BZ: 1981 war Ihr Buch "Frauen, Musik und Männerherrschaft" eine Art Weckruf – die Frage nach Geschlechterzuschreibungen in der Musik war damit auf dem Tisch. Und wurde von den einen mit Interesse und Freude aufgenommen, von den anderen verlacht. Wie ist das heute?
Rieger: Die Geschlechterfrage in der Musik wird zumindest nicht mehr als exotisch empfunden. Und ich hoffe, dass wir mit unserem Forschungsfeld heute anerkannt sind! Denn nur, wenn wir uns alle bewusst machen wie die Kulturgeschichte auf dem Geschlechterverhältnis aufbaut, ist Veränderung möglich.
BZ: Ihr Forschungsgegenstand ist weniger abstrakt als die soziologische Analyse – nennen Sie doch mal ein Beispiel für die Wirksamkeit von Geschlechterzuschreibungen in Wagners Opern.
Rieger: Um zu zeigen, wie die Geschlechtercodes in Wagners Musik eingelagert sind, eignen sich die Nornen in der "Götterdämmerung". Die singen blass und mit fahler Begleitung so vor sich hin. Nur wenn Wotan erwähnt wird, sind Posaunen und Trompeten im Spiel und es entsteht Spannung. Der Kult des Männlichen transportiert sich musikalisch.
BZ: Kann man denn Wagner’s Opern überhaupt noch auf die Bühne bringen, wenn man endlich wegkommen will von diesen Rollenzuschreibungen?
Rieger: Klar! Man kann und soll! Ich bin durch und durch Wagner-Fan – und werde mir jetzt zum zweiten Mal die Ring-Inszenierung von Frank Hilbrich in Freiburg anschauen. Der durchbricht klug die Sehgewohnheiten und öffnet damit einen anderen, zeitgemäßen Blick auf diese vier Opern, auf die Motive der Handelnden.
BZ: Dieselbe "geschlechterspezifische" Musik, aber andere Bilder – wie geht das?
Rieger: Da ist zum Beispiel Brünnhilde, die "Weibliche", musikalisch bebildert mit diesen Sexten, die so sehr nach Liebessehnen klingen. Und Hilbrich stellt diese Brünnhilde ganz entschieden als tough und punkig auf die Bühne – das gibt der Figur eine neue starke Dimension als Handelnde.
BZ: Kommt Ihre Arbeit eigentlich auch noch bei jungen Menschen an?
Rieger: Ich selbst konnte als junge Wissenschaftlerin sehr radikal sein, weil ich eine feste unkündbare Stelle hatte. Heute sind die Jungen oft beinahe notgedrungen zaghafter. Und es ist ohnehin so ein bisschen der Trend, dass junge Frauen heute behaupten, die Ungleichheit sei überwunden. Denen kommen wir vermutlich wie so Suffragetten vor. Und es ist mir wichtig, an diesen jungen Frauen nicht vorbeizureden, sondern gerade auch mit ihnen im Gespräch zu sein.
ZUR PERSON: EVA RIEGER
Eva Rieger wurde 1940 in Großbritannien geboren, kam als Zwölfjährige nach Deutschland und wohnt seit 2000 in Liechtenstein. Sie hat sich als Wissenschaftlerin mit Friedens- und Musikerziehung, Filmmusik und vor allem mit dem Themenkreis "Frau und Musik" beschäftigt. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher, bezeichnet sich noch immer als Feministin.
Autor: lit
Autor: lit
