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06. März 2014

Beistand für Eltern von Frühchen

Wenn ein Kind zu früh geboren wird, benötigen Mütter und Väter Unterstützung – der Frühchenverein ist für sie und ihre Ängste da.

  1. Vor dem Start in die Welt da außerhalb: Elias wiegt inzwischen 1995 Gramm – statt 660 . Foto: Rita eggstein

  2. Erika Casu (links) und Sonja Großmann vom Frühchenverein Foto: Rita Eggstein

Das Wärmebett braucht Elias nicht mehr – warme Decken reichen. Auch keine Magensonde ist mehr nötig: Wenn Elias Hunger oder Durst hat, meldet er sich von selbst. Sein Geburtsgewicht von 660 Gramm hat er auf 1995 Gramm gesteigert. Elias ist ein Frühchen, er wurde nach 27 Wochen und sechs Tagen Schwangerschaft geboren. Drei Monate hat ihn die Frühchen-Station der Uniklinik aufgepäppelt, nun kann er heim zu seiner Familie. Seit 2003 begleitet und unterstützt der Frühchenverein die oft sehr verunsicherten Eltern von Frühchen.

Elias wird nicht mehr lang in einem der Glaskasten-Inkubatoren auf der Frühchen-Station liegen. Bei der Kleinen im Nebenzimmer wird es noch dauern: Vor einer Woche kam sie auf die Welt, in der 23. Schwangerschaftswoche. Sie bewegt winzige Ärmchen und Beinchen, ihr Kopf steckt unter einem Verband. Sie hat einen Tubus in der Nase, der sie mit allem versorgt, was sie braucht.

Routiniert kommt die Kinderkrankenschwester Ina Scheibe mit dem Fiebermesser, tastet sich den kleinen Körper entlang – alle zwei bis drei Stunden kontrolliert sie die Temperatur, damit bei Komplikationen sofort reagiert werden kann. Auf Monitoren werden die Herzfrequenz und die Versorgung mit Sauerstoff überprüft.

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Wenn Erika Casu vom Frühchenverein das kleine Wesen sieht, erinnert sie sich an Johannes, ihren inzwischen achtjährigen dunkellockigen Sohn, der voller Lebenslust steckt. "Er war eine Handvoll Kind, 450 Gramm leicht, mit rosa-durchsichtiger Haut – wie ein nacktes Kätzchen." So sah er aus, als sie ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekam, im Inkubator, an Schläuche und piepsende Apparate angeschlossen. "Eine überwältigende Erfahrung" – eine Überwältigung, die der Verarbeitung bedurfte. Umso mehr, weil alles so schnell und unvorbereitet passiert war, angefangen mit der Schwangerschaft, die Erika Casu überrascht hatte.

Sie hatte zwei ältere Kinder, es war die erste Schwangerschaft in einer neuen Beziehung, sie freute sich mit ihrem Partner auf das Baby. Vier Monate vor dem Geburtstermin bekam sie kurz vor einem Wochenende plötzlich Bauchschmerzen. Ihr Arzt schickte sie ins Josefskrankenhaus, von dort wurde sie in die Uniklinik verlegt. "Alles eskalierte von einem Moment zum nächsten", erinnert sie sich, doch in einem war sie immer überzeugt: Sie sagte den Ärzten, dass sie alles versuchen sollten, um das Kind zu retten.

Johannes kam als Sturzgeburt um sechs Uhr früh zur Welt, Erika Casu hatte es noch nicht mal in den Kreißsaal geschafft. Die Fruchtblase wurde in einer Petrischale aufgefangen, in der Klinik war gerade Schichtübergabe und überall Unruhe.

Im Kreißsaal wurde die Fruchtblase geöffnet: "Da hat Johannes gezeigt, dass er leben will!" Die anwesende Assistenzärztin entschied sich, zu intubieren, vier Stunden später konnte seine Mutter ihn zum ersten Mal sehen.

Von den Eltern haben viele Rede- und Informationsbedarf

Doch bis zum ersten wirklich schönen Moment dauerte es noch. Er kam erst nach eineinhalb Wochen, als eine Pflegerin Erika Casu überredete, den winzigen, zerbrechlich wirkenden Johannes im bequemen Känguru-Stuhl vorsichtig auf ihren Bauch zu legen.

Dieser Körperkontakt zu den Eltern ist für Frühchen umso wichtiger, weil er erstmal keine Normalität, sondern nur begrenzt möglich ist – und weil sie ohnehin riesigem Stress ausgesetzt sind mit Dauerbeleuchtung und piepsenden Geräten rund um die Uhr. Darum finanziert der rund 50 Mitglieder starke Frühchenverein" unter anderem die Känguru-Stühle mit – und organisiert Vorträge für die Eltern, von denen viele Rede- und Informationsbedarf haben.

"Nebenan auf der Station sieht man glücklich krähende Wonneproppen, und das eigene Baby ist klein und stumm und auf Maschinen angewiesen", bringt es Sonja Großmann auf den Punkt. Ihre Zwillinge kamen vor zwei Jahren statt an Ostern schon an Weihnachten zur Welt – nach 27 Wochen und sechs Tagen Schwangerschaft. Genau wie Erika Casu stieg sie im Frühchenverein ein, um denen beizustehen, die durchmachen, was sie hinter sich hat.

Sie erinnert sich, wie sie mit ihrem Mann neben den kleinen Söhnen in ihren Glaskästen saß, wie ihr Mann ihnen aus den Börsennachrichten vorlas – einfach nur, damit sie sich an seine Stimme gewöhnen konnten. Und wie sie als Eltern allmählich in die Pflege miteingebunden wurden und zum ersten Mal die Windeln wechselten – immer in der Angst, die zarten Körper zu verletzen.

Frühchen-Eltern brauchen gute Nerven. Es kann zu Komplikationen kommen, zu Hirnblutungen, der Verlegung des Darms nach außen, zu Augenproblemen wie grauem Star. Und auch wenn die Babies endlich mit nach Hause dürfen, ist weiter Wachsamkeit gefragt: Die ersten Jahre untersuchen die Kinderärzte besonders engmaschig, oft seien Frühchen-Kinder lange besonders klein, hätten Ess-Störungen, weil sie sich erst an die Nahrungsaufnahme mit dem Mund gewöhnen müssen, sagt Sonja Großmann.

Auch die Dauer-Unruhe der ersten Lebensmonate hinterlasse Spuren: "Oft sind sie bis ins Schulalter besonders hibbelig, haben Konzentrationsprobleme." Die Zwillinge sind deshalb in einer Kita mit besonders vielen Betreuern, und Johannes geht auf eine Schule für Kinder mit speziellem Förderbedarf. "Er ist sensibel und braucht mehr Zeit zum Kuscheln – und die kriegt er!" sagt seine Mutter.

Infos zum Frühchenverein unter Tel. 0176 / 3214 7279 und im Internet http://www.fruehchen-freiburg.de

Autor: Anja Bochtler