Falsche Ehre

Beschlossene Sache: Drei Straßen in Freiburg heißen künftig anders

Thomas Goebel

Von Thomas Goebel

Mi, 29. November 2017 um 09:07 Uhr

Freiburg

In Freiburg werden mehrere Straßen umbenannt. Ihre alten Namensgeber hatten Hexenverbrennungen angeordnet oder mit den Nazis sympathisiert. Geehrt werden nun andere – was nicht alle Anwohner gut finden.

Mehr als ein Jahr lang haben Experten und Politiker, Bürger und Anwohner öffentlich diskutiert – jetzt sind erste Entscheidungen gefallen: Drei Freiburger Straßen werden umbenannt. Der Gemeinderat beschloss am Dienstagabend mit deutlichen Mehrheiten, dass Rennerstraße, Eckerstraße und Ludwig-Heilmeyer-Weg neue Namen bekommen.

Anwohner im Stühlinger wollten die Rennerstraße behalten

Sie sind die ersten von zwölf Straßen, deren Namensgeber eine Expertenkommission als ungeeignet für diese Ehrung eingestuft hatte. Zuvor waren vor allem gegen die vorgeschlagene Umbenennung der Rennerstraße im Stühlinger Proteste von Anwohnern und dem Bürgerverein laut geworden. Die Straße ist nach dem Stifter und Stadtrat Johann Jacob Renner benannt, der Anfang des 17. Jahrhunderts für die Verbrennung von so genannten Hexen verantwortlich war. Die Proteste wollten die Freien Wähler aufnehmen, erklärte Fraktionsvorsitzender Johannes Gröger: "Wir sind generell für einen Verzicht auf Umbenennungen, erläuternde Schilder reichen." Der Aufwand für Anwohner sei hoch, die Verfehlungen der Namensgeber lägen zum Teil weit in der Vergangenheit. Sollte die Straße doch umbenannt werden, dann aus lokalen Gründen in "Löwenbräustraße".

Die Verwaltung hatte als neue Namenspatronin die Politikerin Elisabeth Schwarzhaupt vorgeschlagen; die Idee stieß wegen ihres fehlenden Bezugs zu Freiburg aber auf wenig Zustimmung. Die CDU sprach sich ebenfalls gegen Umbenennungen aus.

Grüne wollen Vertagung

Die Grünen beantragten eine Vertagung, um eine Benennung nach einem Opfer der Hexenverfolgung vorzubereiten, fanden damit aber keine Mehrheit. Die fand schließlich der Vorschlag der SPD, die Straße nach der Freiburger Frauenrechtlerin Grete Borgmann zu nennen. "Das Argument, die Fehler der Namensgeber seien schon lange her und ihre Namen erinnerten auch an dunkle Seiten der Geschichte, ist Humbug", argumentierte Simon Waldenspuhl (JPG), "denn die Benennungen sind ja gerade als Ehre gedacht." Die Umbenennung der Rennerstraße fand eine Mehrheit von 26 zu 18 Stimmen.

Auch die Streichung des Namens Ludwig-Heilmeyer-Weg fand eine Mehrheit. Statt nach dem prominenten Mediziner, der unter anderem nach dem Zweiten Weltkrieg ein wohlwollendes Gutachten über einen KZ-Arzt schrieb, heißt die Straße im Rieselfeld künftig nach dem ungarischen Chemie-Nobelpreisträger George de Hevesy, der wegen seiner jüdischen Herkunft seinen Lehrstuhl in Freiburg verlor.

Am wenigsten umstritten war die Umbenennung der anwohnerlosen Eckerstraße im Institutsviertel, benannte nach dem Anatomie- und Anthropologieprofessor Johann Alexander Ecker, der im 19. Jahrhundert eine umstrittene Schädelsammlung gründete und dessen Forschungen ein Nährboden der Rassenkunde waren. Sie heißt künftig Ernst-Zermelo-Straße, benannt nach einem NS-kritischen Freiburger Mathematiker.

Michael Moos von den Unabhängigen Listen widmete sich in der Debatte auch der von Bürgern gelegentlich gestellten Frage, ob der Gemeinderat keine anderen Sorgen habe als Straßennamen. Für ihn sei "Rückbesinnung wichtig, um richtige Entscheidungen für die Zukunft zu treffen", so Moos. Die Auseinandersetzung habe "viel gebracht".

Vor einem Jahr hatte der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss gefasst, den Empfehlungen der Expertenkommission zu folgen. Über jede Straße wird nun nach und nach einzeln abgestimmt. Da der Name Grete Borgmann neu eingebracht wurde, wird hierzu noch einmal eine Bürgeranhörung stattfinden. Die ersten Umbenennungen sollen in der ersten Jahreshälfte 2018 umgesetzt sein.
Wer war Grete Borgmann?

Die neue Namensgeberin der bisherigen Rennerstraße ist die Freiburger Frauenrechtlerin Grete Borgmann (1911-2001). Sie war publizistisch tätig und gründete 1949 den Deutschen Frauenring mit, dessen Vizepräsidentin sie von 1976 bis 1982 war, baute unter anderem mit den "Freiburger Erziehungsgruppen" die Vorläuferinnen der heutigen Elternvertretungen auf und initiierte Weiterbildungsprojekte für Frauen nach der Familienphase.

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