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20. Mai 2017

Brückentag

BZ-HAUTNAH:Bei einer exklusiven Führung durch die Kronenbrückenbaustelle sehen Leserinnen und Leser den Fortschritt der Arbeiten /.

Eigentlich baut man ja Brücken, damit Menschen trocken über Flüsse kommen. Das funktioniert am Freitag auf der Baustelle der neuen Kronenbrücke nur bedingt. Es regnet in Strömen als sich Leserinnen und Leser der BZ die Arbeiten von nahem ansehen. Dabei erhalten sie einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf die prominente Baustelle.

Die wuchtigen Stahlträger über ihren Köpfen sind einen Meter dick. Sie liegen quer über der Dreisam, rund 40 Stück, insgesamt 670 Tonnen schwer. Unter der Hilfskonstruktion zum Bauen ist nicht viel Luft. Regen tropft auf die blauen Helme der Gruppe. Ein Mann guckt nach oben, wo ein Stück der neuen Kronenbrücke zu sehen ist. "Es wird filigran, denk ich", sagt Peter von Lüpke. Er ist einer von rund zwei Dutzend wasserfesten Lesern, die Johannes Scherer in zwei Gruppen durch die Baustelle schleust.

"Betreten auf eigene Gefahr", sagt Scherer, bevor’s auf die Baustelle geht. Er ist der Mann für die Kronenbrücke beim städtischen Garten- und Tiefbauamt, das die Bauleitung für die Verkehrs-AG macht. Die Brücke ist Teil des Großprojekts Rottecktram. Die Straßenbahnlinie ist der Grund, warum die halbe Innenstadt eine Baustelle ist: Sie wird von der Kronenstraße über den Rotteck – und den Friedrichring zum Siegesdenkmal gebaut. Die Linie soll 55,1 Millionen Euro kosten und den Bertoldsbrunnen entlasten. Zudem erweitert die Stadt ihr Zentrum, der Umbau von Plätzen und Wegen soll die Stadtkasse 11,4 Millionen Euro kosten.

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Noch sieht sie nicht danach aus, aber die Brücke ist auf zehn Millionen veranschlagt. Nach dem Baubeginn im Februar 2015 hat man auch nicht gesehen, dass viel vorwärts geht – dabei stand die Deadline: Ende 2018. Die ersten Monate erfolgten Vorarbeiten für die Behelfsbrücke, erklärt Projektleiter Scherer. "Und dann war das Problem mit der Gasleitung."

Mit Charme, Sarkophag

und Geschwemmsel

Über der Hochdruckleitung stehen die Besucher am Südufer der Dreisam. Direkt daneben tauchten bei den Arbeiten alte Fundamente auf. "Von denen wusste man nichts." Sie mussten raus und für den heiklen Job eine Art Sarkophag gebaut und handliche Betonbrocken rausgebrochen werden. Dann hatte sich das Planungsbüro noch verrechnet, es mussten 1700 statt 1100 Kubikmeter Beton abgerissen werden. Kurz: Verzug. Inzwischen summiert er sich auf ein Jahr.

Ein Leser fragt sich, ob die alte Kronenbrücke mit ihrem tatsächlichen Volumen nicht stabil genug für die Straßenbahn gewesen wäre. Scherer erklärt, dass es nicht nur um die Belastung ging. Die Geometrie der Trasse hätte die Gleise durch das Loch des Elefantenklos geführt, es hätte Probleme mit einer Konstruktion in der Dreisam gegeben und: Sanieren hätte man die Brücke auch müssen, für den Neubau gibt’s 85 Prozent Zuschuss.

Scherer erzählt von Mikropfahlgründungen, Widerlagern und "Geschwemmsel" bei Hochwasser, zeigt Köpfe von Ankern unter der B 31 und beantwortet Fragen. Marie Krieg radelt immer an der Baustelle vorbei und hätte es sinnvoller gefunden, den Zubringer unter der Brücke durchzuführen. "Das wäre sicher eine charmante Sache", meint Scherer – aber nicht mit einem Stadttunnel vereinbar.

Das neue Stück Brücke, das die Leser gesehen haben, ist ein Teil der Unterkonstruktionen mit "Fingern", Schwertransporter hatten sie nachts geliefert. Einige Finger ragen oben aus der gelben Fläche aus Schalungsbrettern, die Besucher sehen die aus Stahlstangen geflochtenen "Endquerträger". In das Geflecht und auf die Bretter wird die Betonplatte der Brücke gegossen – 150 Betonmischerfuhren in 17 Stunden am Stück, sagt Scherer: "Vieles läuft hier spektakulär."

Autor: Simone Höhl und Ingo Schneider (Fotos)