BZ-Ferienaktion "Mit Ecken und Kanten" (10)

BZ-Leser gehen bei der Ferienaktion hinter Gitter

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Mi, 06. September 2017 um 15:05 Uhr

Freiburg

Rund 60 Leserinnen und Leser warfen einen Blick ins alte Gefängnis eserinnen und Leser warfen einen Blick ins alte Gefängnis im Innenhof des Amtsgerichts.

Bevor das Gefängnis am Holzmarkt im November abgerissen wird, konnten 60 Leserinnen und Leser am Dienstag einen Blick in das 1850 gebaute Gebäude werfen. Dort haben 22 Künstlerinnen Zellen gestaltet (Fotos).

Seit 13 Jahren ungenutzt

Seit 2004 wird die Justizvollzugsanstalt (JVA) schon nicht mehr genutzt. In den letzten paar Jahren wurden dort nur noch Angeklagte in längeren Verhandlungspausen "zwischengeparkt", wie Strafrichter Lars Petersen erklärte. Zwischen 1993 und 2001 wurde das Gefängnis noch voll genutzt, vor allem für vorläufig Festgenommene und Verdächtige in Untersuchungshaft. "Es ging zu wie im Taubenschlag", sagte Patrik Lux, der seit den 90ern im Justizvollzugsdienst tätig ist. Zu Spitzenzeiten seien bis zu 70 Gefangene inhaftiert gewesen. "Hier eingesperrt zu sein, war ein hartes Brot."

Vor dem Abriss gibt’s jetzt Kunst im Knast

"Ist mal jemand abgehauen?", wollte eine Zuhörerin wissen. Lux erinnerte sich an einen Fall, als einer beim Hofgang es geschafft hat, über die Mauern in einen Baum zu hüpfen. "Haben Sie den wieder erwischt?" – "Wir kriegen sie alle", meinte Richter Petersen. Eine Anekdote fiel auch Sybille Wermelskirchen ein, die als zweite Vorsitzende der Gedok-Künstlerinnengemeinschaft das Projekt "Knast Kunst" mit umgesetzt hat und lange Zeit Richterin am Amtsgericht war: Ein Vollzugsbeamter hatte einst seinen Schlüssel vergessen und prompt waren er, ein Richter und der Gefangene im Verhörzimmer eingesperrt. Auf einem Balkon gegenüber frühstückten Leute, denen riefen sie zu: "Wir sind eingesperrt. Können Sie uns rausholen?" – "Die haben genauso gelacht wie Sie jetzt", sagte Wermelskirchen.

Insgesamt gibt es in dem Gebäude 22 Zellen auf drei Etagen und im Keller einen BGH – einen besonders gesicherten Haftraum. "Die Zellen waren mit dem Nötigsten ausgestattet", sagte Lux. Manche hätten sich einen Spaß daraus gemacht, die Notrufanlage zu drücken. "Das war eine Rennerei", erinnerte er sich. Die unterschiedlichste Klientel sei dort untergebracht gewesen – "vom Hühnerdieb bis zum Mehrfachmörder".

Ein Neubau für mehr Sicherheit

Die Leserinnen und Leser erfuhren jedoch nicht nur, was hinter den Gefängnismauern damals vor sich ging; Künstlerinnen der Gedok waren ebenfalls da, um die von ihnen gestalteten Zellen vorzustellen. Einige Besucher wagten sich in die Zelle von Moni Bosch und schrieben an die Wand, warum sie sich schuldig gemacht haben. Da stehen bereits Stichworte wie: "Abtreibung", "Geld gestohlen", "Affäre" oder "Mercedes-Sterne abgetreten". "Eine eindrückliche Erfahrung", wie eine Leserin fand.

Warum das alte Gefängnis und zwei weitere Gebäude einem Neubau weichen, erklärte Thomas Kummle, Präsident des Amtsgerichts: "Wir haben großen Raumbedarf." Zudem soll der Neubau mehr Sicherheit schaffen, den öffentlichen und internen Bereich trennen. Kummle erzählte von einem Richter, der mit einer Waffe bedroht wurde, und von einem Mann, der mit Axt im Familiengericht herumlief. "Wenn’s sicherer ist, können wir auch ruhiger schlafen", sagte Kummle, stellte aber klar: "nicht während der Arbeitszeit." Eines beschäftigte eine Leserin, als sie den Entwurf des Neubaus sah, der 2020 stehen soll: "Wo wird denn geparkt? Richter brauchen doch einen Parkplatz." Parkplätze gebe es tatsächlich wenige, dafür aber 210 Fahrradstellplätze, sagte der Gerichtspräsident.
Wegen der großen Nachfrage veranstaltet die Gedok am Samstag, 9. September, 11 bis 16 Uhr, eine Finissage zur Ausstellung im alten Gefängnis am Holzmarkt 2. Eintritt frei, Spenden erwünscht.

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