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24. August 2011

Das Gemeinde- und Pfarrhaus der Christuskirche soll verkauft werden

Das Gemeinde- und Pfarrhaus der Christuskirche soll verkauft werden – für neue Wohnungen.

  1. Das Gemeindehaus der Christuskirche soll verkauft werden – für neue Wohnungen. Foto: Michael bamberger

  2. Als Ensemble mit der Christuskirche (oben) steht die Maienstraße 2 unter Denkmalschutz. Foto: Michael Bamberger

Dass das im Denkmalbuch eingetragene Gebäude aus dem Jahre 1896 eine lange Tradition hat und kein gewöhnliches Pfarrhaus ist – das ist auch dem evangelischen Dekan Markus Engelhardt klar. Dennoch will die Freiburger evangelische Kirchengemeinde das Gemeindehaus der Christusgemeinde Maienstraße 2 an einen Investor verkaufen. "Diese Vorstellung ist bedrückend", sagt Gisela Wagner, Vorsitzende des Ältestenkreises der Christuskirche. Nicht zuletzt, weil dann der Arbeitskreis Behinderte an der Christuskirche seine Heimat verlieren würde.

"Bis 2019 fehlen uns 2,5 Millionen Euro im Baubudget", erklärt der Leiter des Kirchenverwaltungsamts Friedhelm Roth. Da gleichzeitig Schulden in Höhe von 3,2 Millionen Euro auf der Kirchengemeinde lasteten, könne sie auf keinen Fall obendrein die auf 1,8 bis drei Millionen Euro veranschlagten Sanierungskosten für die Maienstraße 2 aufbringen. Es sei also "keine mutwillige Verscherbelung von Tafelsilber", beteuert Markus Engelhardt. Zumal da mögliche Käufer bei den Verhandlungen in Kauf nehmen sollten, dass das Erdgeschoss des Gemeindehauses Eigentum der Gesamtkirchengemeinde bleiben soll, während in den beiden Geschossen darüber neue Wohnungen geplant sind).

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"Der untere Bereich bleibt für die Gemeinde erhalten", versichert ebenfalls Pfarrerin Ute Jäger-Fleming. Also Saal, Küche, Kirchendiener-Wohnung, die Räume des ehemaligen Pfarramts der Christuskirche, die zusammen mit anderen früher selbständigen Pfarreien nun zur Pfarrgemeinde Ost gehört. Es gehe um die Frage: "Welche Räume brauchen wir?" Zuvorderst den Saal für Proben, da der Schwerpunkt der Christus-Pfarrei die Kirchenmusik sei. Zudem gibt die Pfarrerin zu bedenken: "Wir leben heute in einer anderen Zeit als um 1900, wollen aber das Haus erhalten." Wobei sie durchaus um den Zündstoff weiß, den ein möglicher Verkauf der Maienstraße 2 birgt: "Viel Tradition – viel Emotion."

In der Tat steht das alte Pfarrhaus als Ensemble mit der Christuskirche als "eine stadtbaukünstlerisch gelungene Sachgesamtheit" unter Denkmalschutz. Vor allem aber steht beides für den Widerstand der Bekennenden Kirche während der Nazi-Zeit in Freiburg. "Angeführt von der Christusgemeinde", hält der Freiburger Historiker Professor Bernd Martin fest, "brach die Freiburger Evangelische Kirche zum Widerstehen gegen den Totalitätsanspruch auf."

Auch Gisela Wagner, Vorsitzende des Ältestenrats der Christuskirche, lässt keinen Zweifel daran: "Die Christusgemeinde hat einen wichtigen Stellenwert in der Stadt." Kirche sowie das Gemeinde- und Pfarrhaus gehörten nun mal zusammen. Wenn dieses nun verkauft werden solle, müsse das der Gemeinde vermittelt werden. Nicht zuletzt mit Blick auf den Arbeitskreis Behinderte an der Christuskirche (ABC), der mit seiner vierzigjährigen Geschichte neben der Kirchenmusik das Profil der Christuskirche ausmache.

Für Markus Engelhardt indes ist klar: "Der ABC wird dort nicht bleiben können." Zur Zeit ist er, den Monat für Monat 400 bis 600 verschiedene Frauen und Männer besuchen, im zweiten Obergeschoss zu Hause (im ersten gerade eine Studierenden-WG). "Das Problem ist, dass noch nie mit dem ABC gesprochen wurde", bedauert Jochen Pfisterer, Geschäftsführer des Diakonischen Werks, das den ABC trägt, "es wird zu unserem Problem gemacht – so stell’ ich mir das eigentlich nicht vor." Gemeinsam nach Lösungen zu suchen, ernsthaft beteiligt zu werden, sieht für ihn jedenfalls anders aus. Außerdem, sagt ABC-Leiter Bertram Goldbach: "Der ABC ist Teil der Christusgemeinde, hier entstanden, hier gewachsen – man nimmt den Menschen was." Dabei könne diese Behindertenhilfe "ein wunderbares Gemeindeprofil sein, aber davon sind wir jetzt nach vierzig Jahren leider weit entfernt".

Die Maienstraße 2 in der Wiehre wäre nach dem Gerhard-Ritter-Haus in Herdern die zweite Immobilie, die die evangelische Kirchengemeinde verkaufen würde. "Wir wollen Kontakt zu Investoren aufnehmen, das können auch Privatleute sein", bestätigt Jörg Frenzel, Vorsitzender des Finanz- und Planungsausschusses, "wir haben aber noch keine Gespräche geführt." Auf jeden Fall sei das 115 Jahre alte stattliche Anwesen "nichts für Schnäppchenjäger".

Autor: Gerhard M. Kirk