Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. Juni 2009 16:09 Uhr

Toll, toll, toll

Das Musikprojekt "Der Schrei" feiert in Freiburg Premiere

"Lass raus, was in dir steckt!" Unter diesem Motto haben 200 Jugendliche aus Südbaden zusammen mit dem SWR-Synfonieorchester ein musikalisches Projekt gestemmt, das so manchen Skeptiker überzeugt haben dürfte.

  1. Lass raus, was in dir steckt! Foto: Wolfram Lamparter

  2. Premiere im Konzerthaus: „Der Schrei“ Foto: Wolfram Lamparter

  3. Premiere im Konzerthaus: „Der Schrei“ Foto: Wolfram Lamparter

  4. Premiere im Konzerthaus: „Der Schrei“ Foto: Wolfram Lamparter

  5. Premiere im Konzerthaus: „Der Schrei“ Foto: Lamparter

  6. Premiere im Konzerthaus: „Der Schrei“ Foto: Wolfram Lamparter

Samstag Abend, 19.30 Uhr. Durch die junge Dame im Grundschulalter geht ein Ruck. "Schnell, die spielen schon", ruft sie auf dem Weg von der Tiefgarage zum Freiburger Konzerthaus ihrer Familie zu. Und tatsächlich trommelt es einem von oben schon mächtig entgegen – eine gute halbe Stunde vor Beginn des Konzertgroßereignisses. Vieles ist anders an diesem Abend. Die Dolden gelber Luftballons auf dem Platz vor dem Konzerthaus; das in der Alterstruktur deutlich bunter gemischte Publikum; die Musikgruppen auf dem Außenbalkon; die jungen Damen, die einen im Foyer freundlich, aber bestimmt auffordern, mit ihnen mal auf Kommando loszuschreien: Haben Sie heute schon geschrieen? – Äh, nein. – Na dann los, eins, zwei, drei. Und dann lässt auch so mancher Besucher mit Inbrunst raus, was die Kehle hergibt.

ENDLICH DER ERSTE TON

"Lass raus, was in dir steckt!" Das war die Parole zum einjährigen Projekt "Der Schrei", in dessen Mittelpunkt 200 Jugendliche aus der Region stehen, die das musikalische Miteinander mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg probten. Manch kritische Zeitgenossen argwöhnten dahinter einen populistischen Event, andere waren vom Scheitern des Projekts überzeugt: Klassik-Profis und musikalisch vollkommen unterschiedlich sozialisierte Jugendliche – das kann nicht funktionieren...

Werbung


Und wie es funktioniert! Ein Grund dafür ist, neben aller harten Übe-, Arrangier- und Probearbeit, die spannende Dramaturgie des Abends. Aufgelöst sind die Konzertkonventionen: sich in den Saal setzen, warten, Orchester kommt, stimmt, Licht geht aus, Dirigent kommt, Applaus, Anspannung – und endlich der erste Ton. Der ist schon längst da, in Form von so genannten Signalrufen und Klanginseln, und irgendwann, kurz nach Acht, hören die Unterhaltungen im Foyer einfach auf, weil man spürt, da passiert etwas; die machen Musik, immer wieder anders, immer wieder aus anderen Ecken, in anderen Stilen, anderen Mischungen, aber mit der Wucht fortgesetzter riesiger Begeisterung. Die haben die beiden Motoren des Projekts, der Freiburger Musikpädagoge Werner Englert und Sylvain Cambreling, Chefdirigent der SWR-Sinfoniker, den jungen Leuten mit ihrem Konzept – Gratulation – offenbar wie einen Virus eingeimpft, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit ausbreitet an diesem Abend.

Was passiert da eigentlich Alles? Man kann es gar nicht so leicht aufzählen, denn zu vielfältig und spontan sind die Eindrücke. "Der Schrei" ist vieles an diesem Abend: aufrüttelnd, erschütternd, berührend, laut, leise, freudig, traurig – nur eines ist er nicht: beliebig. Denn man erlebt so etwas wie eine gemischte Chronologie und Typologie des Schreiens, beginnend mit einer Art Urlaut und Sprechmotette, deren Botschaft auf den Beginn des menschlichen Lebens hindeutet: Am Anfang ist der Schrei. Immer mehr verästeln sich seine Charakteristiken, was im Programmheft mit "Zappen durch das Gefühlschaos" beschrieben wird. Und so unterschiedlich wie Schreie sein können, so unterschiedlich sind die musikalischen Metaphern dafür: zart, herzlich, ausgelassen, brutal.

MUSIKALISCHES DAUER-CRESCENDO

Daraus entstehen musikalische Collagen, die heterogener oft nicht sein könnten, manchmal mehr rhythmisch dominiert, manchmal durch ein stärker melodisches Instrumentarium. Hier ein Rap mit Saxophon und Violine, da auf den oberen Treppen des Foyers eine Trommler-Phalanx, zu deren Werkzeugen auch Plastikkanister und -eimer gehören, dort Guggemusik-Anklänge, die verrückt-impulsiven Streichquartettklänge des kanadischen Komponisten Raymond Murray Schafer oder die besonders bewegenden Beiträge von Behinderten.

Das alles läuft so ab, als könnte es gar nicht anders sein, auch der Wechsel vom Foyer in den Saal, ohne Aufforderung, ohne Pause. Und dann Beethoven – ta, ta, ta, taaa. Kombiniert mit Briefzitaten des ob seiner allmählichen Taubheit Aufschreienden, mit einem Trauermarsch-Blues im New-Orleans-Stil oder dem harten Beat nach Art des "Schrei"-Songs der Teenie-Band Tokio Hotel. Danach eine Rumba, bei der mal das Orchester begleitet und die perfekten Soli (Oboe, Klarinette) junger Musiker aufhorchen lassen. Und schließlich Salvatore Sciarrinos atomisierte, oft kaum hörbare Mikroklangmodule – Stille und Anspannung allüberall, auch beim Publikum. Klar, so kann der Abend nicht enden, und so gibt es ein furioses Finale mit allen Beteiligten, ein musikalisches Dauer-Crescendo, an dessen Ende eine freche Samba steht, für die Darius Milhauds witziger Titel "Le bœuf sur le toit" Pate stand. Der letzte Schrei ist nicht einstudiert: Es ist der jubelnde, fast ekstatische Aufschrei des Publikums nach dem Schlusstakt. Toll, toll, toll.
Weitere Konzerte am 9. Juli im Lörracher Burghof und am 11. Juli im Europa-Park Rust.

Autor: Alexander Dick