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21. November 2012

Das Ringen um Perspektiven

Wie geht es weiter mit den Roma in Freiburg? Derzeit sind viele Fragen offen – klar ist nur, dass es für Neuankömmlinge schlecht aussieht.

  1. Zwischenlösung: Wohncontainer bei St. Christoph Foto: Ingo Schneder

Es gibt Zeiten, da ist für die Hajrizis alles noch angespannter als sonst. So wie jetzt, wenn sich die Risse in den Decken und der Schimmel in der Flüchtlingsunterkunft in der Hammerschmiedstraße mehr und mehr ausbreiten. Und wenn wieder die Angst wächst, dass sie doch noch abgeschoben werden – obwohl sie seit 13 Jahren hier sind. Die Hajrizis sind Roma, und eigentlich haben sie Glück: Sie gehören zu denen, für deren Bleiberecht sich die Stadt Freiburg einsetzt. Neuankömmlinge dagegen gelten nun als "Touristen".

Kürzlich kam Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach bei den Hajrizis vorbei. Nach seinem Rundgang in allen Flüchtlingsunterkünften will er 600 000 Euro bereitstellen, gegen die drängendsten Probleme in den vor zwei Jahrzehnten nur provisorisch angelegten Wohn-Baracken, die längst über ihre Zeit hinaus sind. Eine Zwischenlösung wird bereits umgesetzt: Auf dem Gelände der Unterkunft "St. Christoph" beim Flugplatz in der Hermann-Mitsch-Straße wurde kürzlich ein neuer Wohncontainer mit Platz für 75 Menschen aufgestellt. Über weitere Wohncontainer wird nachgedacht. Eine Arbeitsgruppe soll ein Konzept für Ersatzneubauten erarbeiten. Denn Sanierungen würden rund fünfeinhalb Millionen Euro kosten und wären bei der maroden Bausubstanz teils unmöglich.

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Die Hajrizis zeigen Gästen bereitwillig, wie sie leben: Die Risse in den Decken, die sich vertiefen, Schimmel überall, den sie immer wieder überpinseln. Wenn es regnet, kommt Wasser durch die Fenster, vom Stockwerk drüber dringt dauernd Wasser nach unten. Am meisten Sorgen macht sich Igbaj Hajrizi (34) um seine fünf Kinder. Wird der Schimmel sie krank machen? Mohammed (10), die Zwillinge Dzuljana und Dzuljeta (12), Rambo (15) und Djelana (17) haben, wie ihre Eltern, in Freiburg nie ein anderes Leben als das in einer Flüchtlingsunterkunft kennen gelernt. Nach ihrer Flucht aus dem Kosovo lebten die Hajrizis erst sieben Jahre in der Unterkunft in den Hagelstauden in St. Georgen, danach in der Hammerschmiedstraße.

Nachts schlafen die Eltern im Wohnzimmer, alle fünf Kinder im Zimmer nebenan. Toiletten, Dusche und Küche teilen sie mit anderen, insgesamt sind sie zwölf auf dem Flur. Die Enge ist schlimm, der ständige Lärm noch schlimmer, sagen die Hajrizis: Die Eltern brauchen Schlafmittel und viele andere Medikamente, sie sind körperlich und psychisch angeschlagen. Auch die Kinder haben Schlafstörungen, ruhige Orte für Hausaufgaben gibt’s nirgends. Igbaj Hajrizi findet keine Arbeit, seine Frau hat einen "Ein-Euro-Job": sie hilft beim Putzen der Unterkunft. Unzählige Male war Igbaj Hajrizi bei der Freiburger Stadtbau, seit dreieinhalb Jahren ist die Familie dort wohnungssuchend gemeldet. Immer wird er aufs Warten vertröstet, erzählt er: "Wie viele Jahre noch?"

Seit einiger Zeit ist es besonders laut und eng in der Unterkunft. Das gilt ebenso für die Baracken an der Bissierstraße, in den Hagelstauden und an der Hermann-Mitsch-Straße, die zusammen Platz für 1001 Bewohner bieten. Alle sind voll belegt, und das liegt nicht nur an der steigenden Zahl von Flüchtlingen aus arabischen Krisengebieten, sondern vor allem an der verhältnismäßig großen Zahl der Roma-Flüchtlinge. 2011 strandeten 160 Roma in Freiburg sagt Ulrich von Kirchbach, bis zur ersten Septemberwoche 2012 waren es bereits 210. Vermutet wird, dass die meisten der Roma aus Mazedonien und Serbien stammen, weil die Visumspflicht wegfiel. Schwierig findet Ulrich von Kirchbach nicht nur, dass die Unterkünfte alle voll belegt sind – was daran liegt, dass davor jahrelang Plätze abgebaut wurden. Besonders problematisch ist aus Sicht der Stadtverwaltung, dass ihre Bitten von der grün-roten Landesregierung nicht erfüllt werden. Weder mit dem Vorschlag, die in Freiburg ankommenden Roma über das Land zu verteilen, noch mit dem Wunsch nach finanziellem Ausgleich war die Stadtverwaltung erfolgreich. Einziges Entgegenkommen: Die Roma werden seit April auf die Asylbewerberquote angerechnet, das heißt, dass Freiburg wegen der Roma weniger Asylbewerber zugewiesen bekommt.

Allerdings sind Asylbewerber "einträglicher" für eine Kommune als Roma, die in der Mehrzahl keine Asylanträge stellen und für deren Aufnahme – im Gegensatz zu Pauschalen für Asylbewerbern – keine Kosten erstattet werden. Derzeit sieht Ulrich von Kirchbach keine Anzeichen, dass sich an der Haltung der Landesregierung Wesentliches bewegt. Da habe sich seit dem "zynischen Verhalten" der letzten Landesregierung, die sämtliche Anfragen aus Freiburg zurückgewiesen hatte, nicht so viel geändert, bilanziert er.

Aber was folgt daraus? Die Stadtverwaltung hat klare Konsequenzen gezogen: Die Freiburger Linie gegenüber Roma-Flüchtlingen ist inzwischen eine andere als früher. Zwar sprach sich der Gemeinderat kürzlich wieder in einer seit Jahren immer wieder erneuerten Resolution für eine gute Eingliederung der Freiburger Roma aus. Doch diejenigen, die künftig neu ankommen, sollen nicht darunter fallen. Sie werden als "Touristen" behandelt und haben lediglich Anspruch auf die Unterbringung in einer Wohnungslosenunterkunft, bis ihre Papiere geklärt sind, erläutert Ulrich von Kirchbach. Andere Städte würden ähnlich vorgehen, seit die neue Strategie bekannt sei, seien keine Roma mehr in Freiburg aufgetaucht.

Die geänderte Strategie der Stadt stößt auf Kritik. Zum Beispiel bei Wolfgang Schäfer-Mai, dem Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, das in der Unterkunft an der Bissierstraße für die Betreuung der Bewohner zuständig ist: Er findet nicht, dass sich die Not der Roma so bewältigen lässt, auch wenn er die städtische Reaktion wegen der Haltung der Landesregierung teils nachvollziehen kann. "Dieses Vorgehen verlagert das Problem ja nur", sagt er skeptisch.

"Es gibt keine schnelle, billige Lösung", kritisiert auch Walter Schlecht von der Initiative "Aktion Bleiberecht", die gerade eine Veranstaltungsreihe "Antiziganismus" gestartet hat (siehe Infobox).

Und wie geht’s den Hajrizis inmitten der Diskussionen? Sie sind derzeit besonders unruhig, weil viele der neueren Bewohner in der Unterkunft Rückreiseaufforderungen erhalten. Seit 13 Jahren leben sie mit Angst vor Abschiebung .

Autor: Anja Bochtler