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24. Juni 2015

Fachgespräch im Friedrichsbau

Der Film "Beyond Punishment" beleuchtet die Komplexität des Täter-Opfer-Ausgleichs

Fachgespräch mit Experten zum Thema Täter-Opfer-Ausgleich.

Der Norweger Erik, die New Yorkerin Leola und ihre Tochter Lisa und der Deutsche Patrick sind allesamt Hinterbliebene von Opfern von Gewaltverbrechen: Eriks damals 16 Jahre alte Tochter Ingrid-Elisabeth wurde von ihrem Freund Stiva aus Eifersucht erschossen, Leolas Sohn Darryl nach einem belanglosen Streit von Sean in einem Supermarkt getötet, und Patricks Vater, der Diplomat Gero von Braunmühl, wurde 1986 das Opfer unbekannter RAF-Terroristen. Sie alle sind (bewusst nur beim Vornamen benannte) ebenso wie RAF-Terrorist Manfred Grashof Hauptfiguren in Hubert Siegrists hoch gelobtem Dokumentarfilm "Beyond Punishment", in dem es um Schuld und Vergebung, ums Nicht-Vergessen-Können und um das Ringen um den inneren Frieden von Opfern und Tätern geht. Über das Bemühen eines Ausgleichs zwischen beiden Seiten sprachen am Montag nach der Vorführung des Films im Friedrichsbau Strafverteidiger Jens Janssen, Psychotherapeut Peter Schröder und Bewährungshelfer Peter Asprion von der Organisation Neustart.

Der im Strafgesetzbuch verankerte Täter-Opfer-Ausgleich, findet Moderator Asprion, werde in der Praxis viel zu wenig angewendet. Das findet auch Strafverteidiger Janssen: "Die Praxis korrespondiert nicht mit der gesetzlichen Regelung." Janssen weist darauf hin, dass ein Ausgleich nicht auf bestimmte Straftaten limitiert sei, und zitiert den entsprechenden Paragrafen 46a: Dieser sieht eine Strafmilderung vor für den Fall, dass der Täter "einen Ausgleich mit dem Verletzten erreicht, seine Tat wiedergutgemacht oder deren Wiedergutmachung ernsthaft erstrebt hat".

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"Es gibt einen Weg nach vorne", sagt der Freiburger Traumaexperte Peter Schröder, ehemals in Südafrika Mitglied der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die sich mit den Apartheid-Verbrechen befasste. "Ich bin überzeugt, dass das geht – dass man nach solchen Ereignissen weiterleben, dass man traurig sein und trotzdem weitergehen kann." So wie Erik aus der Provinz Rogaland im Südwesten Norwegens, der auch nach Jahren nicht in der Lage ist, den – aufgrund der milden norwegischen Gesetze frühzeitig wieder freigelassenen – Mörder seiner Tochter zu treffen. So wie Leola und Lisa, die auch nach zehn Jahren noch darauf warten, dass Sean, der verurteilte Mörder ihres Sohnes und Bruders, die Tat zugibt. Und so wie Patrick, der verstehen will, warum die Rote-Armee-Fraktion seinen Vater, einen im Hintergrund arbeitenden Diplomaten, erschossen hat. Sie alle haben in den Alltag zurückgefunden, ohne dass es je wieder war wie vor der Tat.

Wie sinnvoll ist ein Täter-Opfer-Ausgleich aus Sicht des Psychotherapeuten? "Es kann nur ein Angebot sein", sagt Peter Schröder. Traumatisiert seien sowohl Opfer als auch Täter, beide würden leiden. Voraussetzung für einen Ausgleich sei, dass der Täter die Tat zugegeben habe und mit dem Opfer oder dessen Hinterbliebenen zu reden bereit sei. Versöhnung könne indes nur vom Opfer ausgehen. Wenn dann ein Kontakt zustande komme, könne das für beide Seiten eine Chance sein, Frieden zu finden. Er selbst habe als Diebstahlgeschädigter einmal sehr gute Erfahrungen gemacht. Ihm habe die Begegnung mit dem Täter die Angst und sein falsches Bild von einem "blutrünstigen Halunken" genommen. Und beim Täter habe der Ausgleich dazu geführt, dass dieser – "da bin ich mir ganz sicher" – nie wieder straffällig werde.

Autor: Frank Zimmermann