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08. Mai 2009

Der fremde Bräutigam wird vergrault

Weil sie einen Film über Zwangsheirat gedreht haben, sind Schülerinnen der Hebelschule beim Bundespräsidenten eingeladen.

Am nächsten Mittwoch wird Bundespräsident Horst Köhler ihnen die Hand schütteln. Semra Yildirim und Özge Ilkhan sind zwei von 30 Jugendlichen aus ganz Deutschland, die Köhler eingeladen hat, um mit ihm den 60. Geburtstag des Grundgesetzes zu feiern. Nach Berlin reisen dürfen die Schülerinnen, weil sie an der Freiburger Hebelschule den Kurzfilm "Der fremde Bräutigam" gedreht haben. Darin erzählen sie die Geschichte einer Zwangsheirat – ein Thema, das die muslimischen Mädchen aus nächster Nähe kennen.

"Unglaublich" findet die Freiburger Filmemacherin und Sozialpädagogin Barbara Davids die Einladung des Bundespräsidenten. Und noch viel unglaublicher sei, dass auch zwei der muslimischen Mädchen mit ihr nach Berlin fahren dürfen – bei Klassenausflügen müssen die nämlich oft zu Hause bleiben, weil ihre Eltern ihnen die Teilnahme verbieten. "Mein Vater wollte zuerst wissen, ob auch Jungs mit nach Berlin fahren", erzählt Semra, die in ein rotes Kopftuch und eine weiße Strickjacke gehüllt ist. Als sie die Frage verneinte, bekam sie die Erlaubnis. Daran hätte sie selbst nicht geglaubt. "Unsere Eltern sind stolz auf das, was wir erreicht haben", sagt das Mädchen selbstbewusst. Gemeint ist der Film, den sie mit vier anderen muslimischen Mädchen und zwei Jungen in der Schule gedreht hat. "Der fremde Bräutigam" heißt der 16 Minuten lange Streifen über das Thema Zwangsehe.

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Ein dreiviertel Jahr lang hat die Gruppe unter der Regie von Barbara Davids an dem Kurzfilm gearbeitet. "Sie haben alles selber gemacht, Drehbuch, Kamera, Ton und Schnitt", schwärmt diese. Natürlich sei dem Ergebnis anzusehen, dass da keine Profis am Werk waren. Aber das macht gerade den Charme der Geschichte aus. Die handelt von der 15-jährigen Gülcan, die erfährt, dass ihre Eltern sie mit einem Unbekannten verheiraten wollen. "Mein Leben geht kaputt", sagt das Mädchen zu einer Freundin. Als der junge Mann zur Vorstellung im heimischen Wohnzimmer aufkreuzt, setzen die Frauen des Hauses alles daran, ihn zu vergraulen – mit Erfolg.

"Am Schluss haben wir ewig herumgemacht", erzählt Barbara Davids, zumal die Gruppe kein Ende mit Mord und Totschlag wünschte. "Im Film ist der Vater versöhnlich, weil Menschen ja lernfähig sind." Sie selbst hat im Gespräch mit ihren Schützlingen und deren Eltern in den vergangenen Monaten auch viel gelernt. In einer türkischen und einer kurdischen Familien wurde sogar gedreht. "Die Mütter waren so dankbar, dass wir das Thema angehen", erzählt sie, zumal deren Hochzeiten allesamt arrangiert worden seien.

"Meine Mutter hatte Glück", erzählt Semra, die mit ihrer Familie erst vor vier Jahren aus der Türkei nach Freiburg gekommen ist. Ihr Vater sei nämlich ein netter Mann. Indes weiß sie von etlichen Freundinnen und Verwandten, die gegen ihren Willen verheiratet wurden. "Mit dem Film wollen wir zeigen, dass die Zwangsehe nicht von der islamischen Religion vorgegeben wird", sagt das Mädchen. Die Sitte, dass Eltern ihre Töchter an meist ältere Männer verkaufen, sei kulturell bedingt. "Diese Kultur wollen wir ändern", sagt Semra. In ihrer Familie könne sie immer die Meinung sagen: "Meine Mutter sagt immer, dass ich erstmal die Schule machen soll und eine Arbeit finden, mein Vater lacht dann nur." Zur Ehe würden ihre Eltern sie nicht zwingen.

Zu sehen war der Film bislang beim Neujahrsempfang in der Hebelschule. Und bei einer Fachtagung zum Thema Schulentwicklung in Jena. "Dort wollten ihn alle sehen und waren beeindruckt", sagt Davids. Aus diesem Publikum heraus müsse der Hinweis nach Berlin gegangen sein, der zur Einladung Horst Köhlers führte. Und was will Semra dem Bundespräsidenten sagen? "Hey, Alter, was geht?", rutscht es ihr heraus. Das war natürlich nur Spaß. Vielleicht wird sie ihm vom nächsten Projekt ihrer Gruppe berichten: ein Film über das Kopftuch.

Autor: Heike Spannagel