Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. Juli 2009

Der Tag der Genossen

Von der Molkerei bis zu den Friedhofsgärtnern: Leistungsschau auf dem Kartoffelmarkt.

Abseits vom Mainstream, aber dennoch zentral: Der Kartoffelmarkt ist Freiburgs Platz für ganz spezielle Veranstaltungen. Am Samstag hatte die Genossenschaftsfamilie rund um den Brunnen ihre Zelte und Stände aufgebaut. Um sich zu zeigen und zu erklären, was Genossenschaften überhaupt sind. Als "Zusammenschluss von Gleichgesinnten" genieße diese Unternehmensform gerade jetzt wieder mehr Sympathien, sagte Oberbürgermeister Dieter Salomon zu Beginn. Nachdem der spekulative Finanzkapitalismus zusammengebrochen sei, seien Eigenverantwortung und Selbstverwaltung Werte, auf die man sich wieder besinne.

In Südwesten ist die Tradition besonders gut verankert: 800 Genossenschaften gibt es landesweit, erklärte Herbert Schindler vom baden-württembergischen Genossenschaftsverband. 43 aus der Region beteiligten sich an der Leistungsschau anlässlich des weltweiten Tages der Genossenschaften. "Von der Wiege bis zur Bahre" könne man sich von Genossenschaften begleiten lassen. Angefangen mit dem Nahrungsmittel nach der Muttermilch: Breisgaumilch wird von genossenschaftlich organisierten Bauern im Schwarzwald nach Freiburg geliefert. "Aber warum haben denn dann die Bauern neulich gegen die Molkerei demonstriert?" fragt ein älterer Mann am Info-Stand. "Nicht gegen die Molkerei, gegen die Discounter und die Politik", korrigiert Ruth Vogler den Mann.

Werbung


Genossenschaftlich Milch trinken, bei Familienheim, Heimbau oder Bauverein wohnen, beim Raiffeisen-Center Blumenerde und bei der Winzergenossenschaft Wein kaufen, das Geld liegt auf dem Konto bei der genossenschaftlichen Volks- oder Raiffeisenbank. Genossenschaftliches Denken kann sogar über den Tod hinaus reichen: Die Genossenschaft Badischer Friedhofsgärtner sorgt für die Dauergrabpflege – wichtig, wenn es keine Hinterbliebenen gibt.

Mit zwölf Ständen suchten engagierte Genossinnen und Genossen das Gespräch mit den interessierten Bürgern über ihre Produkte oder ihre Philosophie. Manchen fällt das leicht: Die Markgräfler Weinprinzessin Sandra Hilfinger aus Tunsel musste nichts erklären, sondern einfach nur das Erzeugnis der Winzergenossenschaft ausschenken. Die fünf Volksbanken und Raiffeisenbanken der Region mussten dagegen mit Kugelschreibern und Argumenten überzeugen. Die Wohnungsgenossenschaften und das Raiffeisen-Center lockten mit Glücksrad, Luftballons und Baumaterial.

Und was ist denn nun eine Genossenschaft? Keine Ahnung, sagt vor allem die Jugend. Sogar viele, die in einer Genossenschaft arbeiten, tun sich schwer mit Erklärungen. Anders sieht es bei denen aus, die sich erst gegründet haben und zwar ganz bewusst als Genossenschaft, weil die Mitbestimmung der Eigentümer dort am größten ist: Jedes Mitglied hat eine einzige Stimme, egal wie viele Anteile es besitzt. Bolando in Bollschweil ist solch eine Neugründung. 240 Bürger wollen dort Deutschlands erste genossenschaftliche Dorfwirtschaft aufbauen. Bereits Ende des Jahres soll Eröffnung sein. Essen dürfen natürlich auch Nicht-Genossen.

Autor: Heinz Siebold