OB-Wahl in Freiburg

Der Wahlkampf um Likes und Stimmen hat seine Tücken

Carolin Buchheim

Von Carolin Buchheim

Mo, 02. April 2018 um 16:46 Uhr

Freiburg

Am 22. April wählt Freiburg seinen Oberbürgermeister. Auch in den Sozialen Medien sind die Kandidierenden aktiv. Dass der Online-Wahlkampf ganz eigene Fallstricke hat, musste ein Kandidat über Ostern feststellen.

Überschwänglich kommentiert die Nutzerin das Video-Interview mit OB-Kandidat Martin Horn auf dessen Facebook-Seite. "Vielen Dank für ihre wertvollen und durchdachten Antworten. Es ist schön zu spüren, dass Ihnen Freiburg wirklich am Herzen liegt. Meine Stimme haben Sie!" Dabei kann die junge Frau mit dem Profilbild in schwarz-weiß keine Stimme für ihn abgeben – denn sie wohnt in Wien. Die junge Frau ist die Schwester von Martin Horn.

Ausgerechnet Jan Otto, hauptamtlicher Wahlkämpfer von Dieter Salomon, war dies aufgefallen. "Ich habe die Seiten der Mitbewerber natürlich im Blick. Da fiel mir auf, dass Herrn Horns Schwester ihn plötzlich siezte und vorgab, eine Wählerin aus Freiburg zu sein", sagt er. "Damit wollte ich jemandem, der sich Digitalisierung, offenen Dialog und Transparenz auf die Fahne schreibt, konfrontieren." Otto kommentierte, doch von Horns Seite wurden sowohl der Kommentar der Schwester als auch die Reaktion darauf entfernt. "Das war bezeichnend", sagt Jan Otto. "Anstatt in den Dialog zu gehen, wurde gelöscht."
Social-Media-Expertin über Wahlkämpfe: "Interaktion gibt es grundsätzlich zu wenig"

Doch das Internet vergisst nichts, wovon es Screenshots gibt: Freiburger Grüne teilten ebendiese am Karfreitag mit diebischer Freude. "Wahlkampf für Fortgeschrittene" titelte etwa David Vaulont, 2010 Wahlkampfleiter von Dieter Salomon, und setzte ein Affe-der-sich-die-Augen-zuhält-Emoji dazu.

"Meine Schwester wollte mich unterstützen", sagt Martin Horn zum Vorfall am Osterwochenende, merklich geknickt. Durch das Siezen des eigenen Bruders habe sie ihre Privatsphäre schützen wollen. Ohnehin sei der Post nach drei Stunden bemerkt und sofort gelöscht worden. "Es war ein individueller Fehler."

Den Absendebutton drückt Horn stets selbst, sagt er

Dabei war der Herausforderer aus Sindelfingen bisher im Social Media-Wahlkampf geradezu vorbildlich unterwegs, tanzte ohne scheu durch Instagram-Storys oder zeigte den Andrang bei seinen "Auf ein Bier mit Martin Horn"-Events. "Was auf Facebook und Instagram passiert, ist mir so wichtig, dass ich fast alles selbst mache", sagte Horn dazu in der vergangenen Woche. Zwei Mitarbeiter würden ihn dabei unterstützen, doch den Finger auf dem Absendebutton habe er stets selbst.

"Besonders in der Kommunalpolitik können Instagram und Facebook eine Brücke zwischen jungen Bürgerinnen und Bürgern und der Politik schaffen." Martin Horn
Immer im Wahlkampf an Horns Seite ist Fionn Große. Egal ob bei einem BZ-Videodreh oder beim Rundgang durchs Rieselfeld mit dem Gewerbeverein: Der 28-jährige BWL-Student und Fotograf dokumentiert in absoluter Hochglanzoptik für die sozialen Medien die Hornschen Aktivitäten. Ehrenamtlich, wie das SPD-Mitglied betont. Und nah dabei, damit der Bürger sieht, was geht.

Die Nähe übers Netz will Horn behalten, wenn er – so sein Reden – am 1. Juli als neuer OB ins Rathaus einzieht. "Besonders in der Kommunalpolitik können Instagram und Facebook eine Brücke zwischen jungen Bürgerinnen und Bürgern und der Politik schaffen", ist Horn sich sicher, aller niedrigen Wahlbeteiligung junger Wähler zum Trotz.

Der volle OB-Terminkalender ist nicht teilbar im Social Web

Ganz so leicht, wie Horn es sich vorstellt, scheint es nicht zu sein, den Alltag eines Oberbürgermeisters für das Internet aufzubereiten. Salomons Wahlkampf-Mann Jan Otto beklagt etwa, dass der volle Terminkalender des OBs wenig leicht verdauliches Futter fürs Netz biete. "Wenn Dieter in einer nicht-öffentlichen Dezernentenkonferenz ist, liefert das kein Bildmotiv", sagt Otto. Salomon-Wahlkampf gibt es daher nur auf Facebook. "Da erreicht man die größte Zielgruppe." Auch soll es nicht aufgesetzt wirken. "Instagram ist als Medium sehr persönlich. Das muss man selbst machen, sonst wirkt’s peinlich", sagt Otto.

Kernstück der OB-Kampagne ist bisher ein schicker, knapp zweiminütiger Clip in Kino-Optik, der Salomon unter anderem beim Joggen in Herdern und auf dem Platz der Alten Synagoge zeigt.

Video: Dieter Salomon – Natürlich Freiburg


In einem weiteren Video kommt eine Erzieherin von Salomons mittlerweile lang erwachsener Tochter zu Wort und dient als Charakterzeugin für sein Engagement für bessere Kinderbetreuung.

#teamstein hat das Kampagnen- Logo im Profilbild

"Wir sind sehr themenstark."
Auf deutlich weniger aufwendige Art deklarieren Fürsprecher von Monika Stein ihre Zugehörigkeit zu #teamstein: Auf Facebook verzieren sie Profil- oder Titelbild mit dem Kampagnen-Schriftzug und liefern sich auch auf den Profilen der anderen Kandidaten feurige Debatten. "Wir sind sehr themenstark", sagt Social-Media-Manager Felix Beuter über das Wahlkampfteam um die Stadträtin. "Wir haben zwar nicht die große Unterstützung durch eine Partei, aber können auf die Standpunkte verweisen, die Monika im Gemeinderat vertreten hat."

Mutig ziehen Kandidatin und Team auch unkonventionelle Aktionen durch, die nicht nur im Netz stattfinden. In einem Facebook-Video preist etwa Steins JPG-Fraktionskollege Sergio Schmidt den smaragdgrünen Likör "Salomons Albtraum" an; den gibt’s in einigen Freiburger Kneipen, ein Euro vom Verkaufspreis gehen an die Stein-Kampagne. Auch Instagram nutzt die Kandidatin, der Look ist dort weit weniger geschniegelt als bei Horn. "Wir haben halt keinen Fotografen dauerhaft dabei", sagt Beuter. "Das macht, wer beim Termin ist."

Video: Monika Stein – "Salomons Albtraum"


Anton Behringers Facebook-Seite ist im Vergleich dazu geradezu verwaist. Intensive Social Media-Arbeit sei für ihn nicht zu stemmen, sagt er. "Die meiste Aufmerksamkeit bekommt der, der das größte Wahlkampfbudget und das größte Team hat", sagt der parteilose Kandidat. "Nicht der mit den besten Ideen." Auch Manfred Kröber scheint Online-Wahlkampf nicht zu priorisieren, auf Facebook postet er fast nicht, erfolgreichster Beitrag ist ein Foto des Kandidaten mit einer Zwiebelpizza.

"Was wirklich was bringt ist, in Landwasser am Einkaufszentrum stehen." Stephan Wermter
Kandidat Stephan Wermter hingegen ist ein intensiver Facebook-Nutzer. Dementsprechend überrascht seine Einschätzung zur Bedeutung von Facebook im Wahlkampf: "Ich schätze das für Freiburg als nicht so wichtig ein", sagt er. Wermter nutzt vor allem sein Privatprofil für das Verbreiten seiner Meinung. Äußerungen ebenda bescherten ihm Anzeigen wegen Volksverhetzung. "Privat kann man das aber nicht mehr nennen", sagt er. Wichtiger sei ohnehin der direkte Kontakt mit dem Wähler. "Was wirklich was bringt ist, in Landwasser am Einkaufszentrum stehen." Viel Geld scheint keine Kampagne auf Facebook zu investieren: sowohl Horn als auch Salomon und Stein geben nach eigenen Angaben jeweils einen niedrigen dreistelligen Euro-Betrag für gekaufte Reichweite aus. Auch Wermter schaltet "einige kleine Anzeigen".

Martin Horns Schwester hat sich am Karfreitag nicht nur bei ihrem Bruder, sondern auch auf Facebook entschuldigt. "Ich habe keinen Wahlkampf für Fortgeschrittene betrieben", kommentierte sie kleinlaut bei David Vaulont. "Sondern einen Fehler begangen."
Wer macht was?

  • Dieter Salomon
    Der OB ist ein Spätzünder: Erst mit Start seiner Wählerinitiative gingen seine Facebook-Seite und die der Initiative on. Kernstück: Ein Videoclip in Kino-Optik.
    Facebook: Dieter Salomon
    Facebook: Stimmen für Salomon
  • Martin Horn
    Auf Instagram präsentiert Horn seine Tour durch Institutionen. Auf Facebook gibt’s Inhalte, Themenvideos und Supporter-Fotos. Das scheint Nutzern zu gefallen: Er liegt rein zahlenmäßig vorn.
    Facebook: Martin Horn
    Instagram: @martinhornfrbg
  • Stephan Wermter
    Wermter nutzt meist sein privates Facebook-Profil für den Wahlkampf und scheut Konflikte nicht. Auf seinen zwei Facebook-Seiten ist im Vergleich dazu wenig los.
    Facebook-Profil: Stephan Wermter
    Facebook-Seite I: Stephan Wermter
    Facebook-Page II: Stephan Wermter
  • Monika Stein
    Auf Facebook und Instagram zeigt #teamstein mit Logos in ihren Profilbildern Flagge für die Kandidatin, auf Instagram zeigt sie Wahlkampfalltag. Auch auf Twitter ist Stein aktiv. Gesamteindruck: Inhaltsstark mit Improvisationstalent.
    Facebook: Monika Stein
    Instagram: @obmonikastein
    Twitter: @obmonikastein
  • Anton Behringer
    Auch Behringers Seite ist wenig aktiv: Mehr, so sagt der Kandidat, sei mit seinem kleinen Team nicht machbar.
    Facebook: Anton Behringer

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