Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
26. Juli 2010 07:45 Uhr
BZ-Interview
Die Architekten zum Umbau des Platzes der Alten Synagoge
An den Plänen zur Umgestaltung des Platzes der Alten Synagoge am Rotteckring arbeiten der Freiburger Architekt Volker Rosenstiel und der Freiburger Landschaftsarchitekt Martin Schedlbauer (Faktorgrün). Uwe Mauch hat sich mit den beiden unterhalten.
BZ: Immer wieder ist die Kritik zu hören, Ihr Entwurf sei eine einfallslose Fläche mit ein paar Bäumen. Wie lange haben Sie denn daran gearbeitet?
Rosenstiel: Mindestens drei Monate.
Schedlbauer: In einem Wettbewerb wird der Entwurf etwas überspitzt dargestellt, damit das Konzept deutlich ablesbar wird. Da geht man etwas klarer ran, stellt einen Baum weniger dar, der später dann doch erhalten bleibt. In der Ausformulierung sieht der Plan dann schon differenzierter aus.
BZ: Die vier Bestplatzierten des Realisierungswettbewerbs haben allesamt einen großen, freien Platz entworfen. Im Vergleich zum Zweitplatzierten haben Sie ja fast schon einen Wald vorgesehen. Von welcher Idee haben Sie sich leiten lassen?
Rosenstiel: In der Auslobung war der Konflikt zwischen dem Bedürfnis der Universität nach Ruhe und dem Wunsch der Stadt nach einer vielfach nutzbaren Fläche klar beschrieben, und deswegen haben wir den Platz diagonal geteilt in einen ruhigen Bereich mit Bäumen, wo die alte Synagoge stand und in einen mehr dynamischen Bereich an der Kreuzung Bertoldstraße/Rotteckring.
Werbung
Schedlbauer: Ich finde, Freiburg verträgt einen urbanen Platz. Das hat auch das Ergebnis des Wettbewerbs gezeigt. Das Heraustreten aus der mittelalterlichen Stadtstruktur, das Durchatmen auf einem freien Platz war schon eine tragende Idee.
BZ: Vielleicht passt das nicht zur Freiburger Gemütlichkeit, wo man gerne unter einen Baum hockt und die Füße ins Bächle hängt?
Rosenstiel: Das können die Freiburger ja trotzdem. Wir haben in nächster Nähe mit dem Colombi-Park und der Hochallee einen Grünraum. Dazwischen gibt es nun eben vor dem Theater und der Universität einen städtischen Platz, der an der Achse vom Konzerthaus zum Bertoldsbrunnen schon richtig liegt. Ein Ort für Veranstaltungen und Feste. Der Platz wird ja heute schon intensiv genutzt.
BZ: Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung gewesen?
Rosenstiel: Die vielen widerstrebenden Ziele unter einen Hut zu bringen. Wir haben sehr lange überlegt, etwas baulich auf den Platz zu bringen. Schließlich haben wir das Platzhaus entwickelt. So ein vertikales Element gibt einem Platz einen ganz eigenen Charakter.
BZ: Das Platzhaus sieht ein wenig aus wie eine Mischung aus Bahnhofsvordach und Kiosk. Welche Funktion hat dieses Gebäude?
Rosenstiel: Es ist ein Informationspavillon für Stadt und Universität.Wie das genutzt wird, ist noch offen. Gleichzeitig hält es die Infrastruktur für den Platz vor, wie Elektro- und Wasseranschlüsse. Wir hatten auch daran gedacht, dass man aus dem Gebäude heraus bei Festen wirten kann, mit einer Catering-Küche.
BZ: Davon ist die Universität nicht so begeistert.
Rosenstiel: Das ist richtig.
Schedlbauer: Das Platzhaus soll auch ein Zeichen sein, als eine Art Raumkante. Denken Sie sich das Gebäude weg, und der Platz verliert und wird beliebiger.
Rosenstiel: Der ruhige Bereich ist am Platz der Alten Synagoge. Dort setzt man sich hin, um zu entspannen oder wenn es heiß ist. Das Platzhaus wird zum Treffpunkt für die jungen Leute. Meine Kinder haben sich immer am Bert, am Bertoldsbrunnen, verabredet. Künftig treffen sie sich am Platzhaus.
BZ: Nach Meinung der Grünen soll das Platzhaus weichen und an seiner Stelle sollen Bäume gepflanzt werden. Dürfte Ihr Entwurf so ohne weiteres geändert werden oder müssen Sie zustimmen?
Schedlbauer: Sie sprechen das Urheberrecht an. Diese Diskussion gäbe es bei einem Kunstwerk. Aber Bauherr und Auftraggeber ist die Stadt, und theoretisch dürfte sie das.
Rosenstiel: Aber wir müssen aufmerksam machen auf die Konsequenzen und dass wir nicht die Verantwortung für die städtebaulichen und funktionalen Nachteile übernehmen können.
Schedlbauer: Wir haben einen Dreiklang mit dem Wasserspiegel am Platz der Alten Synagoge, mit dem Wasservorhang vor dem Theater und mit dem Platzhaus als drittem Element. Wenn Letzteres fehlt, verliert der Platz an Qualität.
BZ: Wie leidensfähig muss ein Architekt sein? Es ist wie beim Bundestrainer – jeder glaubt zu wissen, wie es besser ginge?
Rosenstiel: Das ist heutzutage häufig der Fall. Wir müssen argumentieren, um den entscheidenden Leuten klar zu machen, dass sie die Verantwortung haben für die Veränderungen.
Schedlbauer: Das ist der Alltag des Planers. Aber es lohnt sich zu kämpfen. So entstehen die besten Ergebnisse.
BZ: Es kämpfen ja viele, unter anderem der Meteorologe Helmut Mayer, der findet, dass Ihr Entwurf den Klimawandel zu wenig berücksichtigt. Im Wettbewerb gab es dazu keine Vorgabe.
Rosenstiel: Ich kenne keinen Platz in Europa, der aus einem Klimagutachten entwickelt worden wäre.
Schedlbauer: Wenn man den aktuellen Entwurf anschaut – nicht den Wettbewerbsbeitrag – und ihn mit anderen Plätzen vergleicht, dann ist er schon sehr grün. Wir sind da auch kompromissbereit und reden gerne über ein, zwei Bäume mehr. Ich glaube, klimatologisch sind wir jetzt im grünen Bereich.
Rosenstiel: Laut Gutachten ist es an den Fußgängerüberwegen, wo die Leute warten, zehn Grad wärmer als auf dem künftigen Platz.
BZ: Oft ist von der Steinwüste die Rede, die sich im Sommer aufheizen werde. Wie schätzen Sie Ihr gewähltes Material Granit ein?
Schedlbauer: Das Klimagutachten zeigt, dass es künftig im Durchschnitt sogar besser wird. Der heutige Asphalt im Rotteckring heizt sich stärker auf als unser geplanter Granit. Der hält dafür aber die Wärme länger. Im Frühjahr und Herbst muss das gar nicht schlecht sein.
BZ: Was halten Sie von der Idee, mitten auf dem Platz als kühlendes Element ein temporäres Wasserspiel zu integrieren?
Schedlbauer: Das wäre das dritte Wasserelement. Ich bezweifle, dass die Stadt so viel Geld dafür ausgeben würde.
BZ: Aber es ist doch nicht gewollt, dass die Menschen vor dem Theater und auf dem Platz der Alten Synagoge planschen.
Schedlbauer: Das tun sie garantiert, vor allem die Kinder.
BZ: In der Bürgerbeteiligung war das Klima kein Thema?
Schedlbauer: Ja, da ging es darum, einen freien Platz zu bekommen für Veranstaltungen und Feste. Der Platz soll für die Leute sein und von ihnen genutzt werden. Mir ist es wichtig, dass alle zu Wort kommen und nicht nur spezielle Gruppen. Zur Zeit reden alle nur über die Klimathematik.
BZ: Es scheint so, als ob die Öko-Fraktion und die Uni-Fraktion aus unterschiedlichen Beweggründen ein gemeinsames Ziel verfolgen, nämlich viel Grün mit der Folge, dass möglichst wenig passiert auf dem Platz.
Schedlbauer: Genau, aber es gibt auch jene, die in dem Platz eben mehr sehen.
Rosenstiel: Intendantin Barbara Mundel ist sehr interessiert, ihr Theater an den Platz zu bringen, nach außen zu bringen.
BZ: Bei umstrittenen Projekten melden sich meist die Kritiker laut zu Wort. Bekommen Sie auch positive Reaktionen?
Rosenstiel: Ja klar, viele haben mir gesagt, dass sie die Debatte ums Klima gar nicht verstehen. Sie freuen sich darauf, in der Übergangszeit irgendwo sitzen und die Sonnenstrahlen genießen zu können.
BZ: So, wie der Platz geplant ist, könnte er ein ideales Terrain für Kampfradler abgeben.
Rosenstiel: Unter dem Dach des Platzhauses steht eine lange Bank, und entlang der Bertoldstraße fließt das Bächle, so dass man nicht diagonal über den Platz fahren kann. Es gibt auch eine Kante, die die Fahrzone begrenzt. Wenn aber mal einer quer über den Platz fährt, ist das auch nicht schlimm.
Schedlbauer: Die Gestaltungselemente wie Bänke, Bäume und Platzhaus stehen so, dass Radler eigentlich keinen vernünftigen Weg finden, um zügig durchzufahren.
BZ: Ihrem Entwurf liege eine "zurückhaltende Grundkonzeption" zugrunde, hat die Jury lobend formuliert. Genau diese Konzeption weckt bei anderen die Befürchtung, dass die Einladung zum Aufenthalt auf dem Platz fehle.
Schedlbauer: Da haben wir ja schon nachgelegt mit weiteren Sitzgelegenheiten an der Nord- und Südseite des Platzes.
BZ: Auf welche Idee sind Sie besonders stolz?
Rosenstiel: Dass wir die Belange von Stadt und Universität berücksichtigt und mit den drei Aufenthaltszonen ein markantes Konzept entwickelt haben. Das würde sicher verändert, wenn wir das Platzhaus wegnehmen müssten. Würden da Bäume stehen, hätte dieser Bereich nichts Charakteristisches mehr.
Schedlbauer: Unser zentrales, mittiges Feld als Teppich hat unseren Wettbewerbsbeitrag von den anderen unterschieden.
BZ: Wenn die Uni nicht so eine futuristische Bibliothek errichten wollte, hätte Ihr Konzept dann anders ausgesehen?
Schedlbauer: Der Platz hätte auch mit einer anderen Uni-Bibliothek funktioniert. Aber dass so ein modernes Gebäude entstehen soll, war uns sehr willkommen. Das haben wir mit dem modernen Element des Platzhauses aufgegriffen.
Rosenstiel: Die Uni will ja Bibliothek und Kollegiengebäude II künftig rund um die Uhr offen halten. Dadurch entsteht eine hohe Frequenz, die für die Planung des Platzes eine große Rolle spielte.
- Platz der Alten Synagoge: Die Kritik wird lauter
- Unvollständiges Gutachten: Doch Klimawandel durch neuen Platz der Alten Synagoge
- Kommentar: Problemzone Bertoldstraße
- Vorgeschichte: Neuer Rotteckring heizt Freiburg nicht auf
Autor: Uwe Mauch
