Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

25. Juni 2010

Die Erfinderin von „S’Einlädele“ verabschiedet sich von Freiburg

Schwester Inge geht nach Berlin

  1. Schwester Inge im „S’Einlädele“ Foto: ingo schneider

Kaum ist sie von Freiburg nach Berlin umgezogen, da wurde dort schon ihr Fahrrad gestohlen. Dabei könnte Schwester Inge Kimmerle es gut gebrauchen, um zu ihrem neuen Arbeitsplatz zu radeln: dem "Zentrum am Hauptbahnhof", wo sie im Auftrag der Berliner Stadtmission gerade ein Gesprächs-, Geschenke- und Gebetslädchen aufbaut. Ähnlich dem von ihr gegründeten Freiburger "S’Einlädele". Heute kehrt Schwester Inge, wie sie alle nennen, noch einmal zurück, um sich in der Stadt verabschieden zu lassen, in der sie insgesamt 33 Jahre lang wirkte.

Untrennbar ist der Name der Diakonisse mit dem "S’Einlädele" an der Ecke Wanner-/Guntramstraße verbunden. "Wir suchten damals im November 1991 eine Bezeichnung, die zur Begegnung einladen sollte", erinnert sich Schwester Inge. Wenn das Apostroph wegfällt, ist es auch als "Sein Lädele" zu lesen, Gottes Lädele. "Ich bin ein Mensch, der begeistert ist, mit der oberen Bühne zusammenarbeitet" – zugunsten derer auf der unteren Bühne. Einerseits damals zugunsten eines Freiburger Arztehepaares, das 1991 nach Kamerun ging und mit dem Erlös aus dem "S’Einlädele" unterstützt wurde. Zum anderen zugunsten der Menschen in Freiburg, die hier stöbern und "en passant in tiefste Gespräche kommen".

Werbung


Genauso hatte sich Schwester Inge das vorgestellt. Nicht vorhergesehen hat sie dagegen, was ihr dann 1993 widerfuhr: Just als das unterstützte Arztehepaar nach Freiburg zurückkehrte, baten Ingenieure aus Kiew um Hilfe: "Kommen Sie, und teilen Sie, was Sie sind." Ganz naiv sei sie damals in die ukrainische Hauptstadt geflogen, organisierte mit einer Spende 1700 Exemplare des Neuen Testaments für Gymnasien. Drei Jahre lang lud das "S’Einlädele" jeweils 25 Kinder, die nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl scher erkrankt waren, in den Schwarzwald ein. Und bald gab es sozusagen kein Zurück mehr. "Ich muss mich der Not aussetzen, sie an mich heranlassen, ich kann da nicht weggucken."

Erste Hilfstransporte bauten eine mit der Zeit immer stabilere Brücke nach Kiew. Als Schwester Inge dort dem Elend von 25 000 Straßenkindern begegnete, entstand das "Vaterhaus", in dem seither an die 500 dieser Kinder ein Zuhause , schulische und berufliche Ausbildung bekamen. Zur Unterstützung wurde mittlerweile ein landwirtschaftlicher Betrieb aufgebaut. Alles mit Spenden vor allem aus Freiburg. "Und irgendwann kam ich nicht mehr an Babi Jar vorbei." An dieser Schlucht vor den Toren Kiews, wo Ende September 1941 ein deutsches Sonderkommando binnen zweier Tage 33 771 jüdische Menschen niederschoss. Zehn der Überlebenden hat Schwester Inge kurz vor ihrem Umzug nach Berlin noch als Gäste in Freiburg willkommen geheißen und sich damit einen Herzenswunsch erfüllt. "Wir wollten den Menschen einfach nur wohl tun."

Heute nun wird Schwester Inge in einem Gottesdienst, der um 17 Uhr in der Pauluskirche beginnt, und mit einem Empfang verabschiedet. Dort also, wo sie von 1977 bis 1991 Gemeindediakonin der damaligen Paulus-Pfarrei war. Gleichzeitig wird Volker Höhlein als Geschäftsführer von "S’Einlädele" eingeführt, das künftig von der Evangelischen Stadtmission Freiburg getragen wird. Zur großen Beruhigung der 70-jährigen Diakonisse, deren Mutterhaus in Aidlingen bei Böblingen ist. "Es erleichtert kolossal zu wissen, dass es in einem guten Sinne weitergeht."

Autor: Gerhard M. Kirk