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13. April 2011
Die Frage nach den Idealen
BZ-SERIE (IX): Kulturhauptstadt Freiburg 2020 – Für und Wider.
Soll Freiburg – und damit die Regio – in den Wettbewerb um die nächste europäische Kulturhauptstadt, mutmaßlich 2020, eintreten? Das Für und Wider wägen die politischen Vertreter in einer Reihe von Gastbeiträgen in der BZ ab. In unserer vorletzten Folge ist für die Grüne Alternative Freiburg Coinneach McCabe an der Reihe.
Freiburg hat über die Jahre hinweg die eine oder andere Auszeichnung bekommen. Die Fragen, die sich dazu stellen, sind folgende: Braucht sich Freiburg überhaupt noch als Kulturhauptstadt zu bewerben? Wird durch eine Bewerbung eine bessere Stadt entstehen? Die Antwort auf diese beiden Fragen ist nicht zwangsläufig Ja, denn es ist eine Frage der Leitlinie, nämlich wie diese Bewerbung ausgerichtet sein wird.Die Bewerbung birgt Risiken, aber auch Chancen. Wir sehen in der Bewerbung die Möglichkeit, die Frage zu stellen, in was für einer Stadt wir leben wollen. Wie wird Freiburg 2020 sein und welche Ideale wollen wir für das gesellschaftliche Leben anstreben. Der Begriff der Kultur ist ein vielfältiger und sollte auch nicht auf wenige Formen eingeengt werden. Als Beispiel zur Verdeutlichung kann man das Thema Nachhaltigkeit anführen: In Freiburg wird viel über Nachhaltigkeit diskutiert, aber diese Diskussionen werden in der Regel nicht über unsere Abhängigkeit von Ressourcen hinaus geführt. Der Begriff wurde verengt und auf diese eine Komponente reduziert. Wir sollten Verengungen aufbrechen und uns Fragen stellen, die uns erlauben, weiterführend zu denken.
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Wie gut ist ein ÖPNV-System, das für viele Menschen zu teuer ist? Wie fühlt es sich an, sich durch eine Stadt zu bewegen, wenn das Einzige, mit dem man sich identifizieren kann, von anderen als lästig empfunden wird (Stichwort: Graffitis)? Warum ist Freiburg mehr an Stuttgart und Berlin orientiert als an Basel und Strasbourg? Warum haben wir ein Herz für Wohnungslose pünktlich zu Weihnachten und nicht zu anderen Jahreszeiten? Kann man wirklich nur am Rosenmontag Spaß haben? Ist Cinemaxx eine kulturelle Einrichtung?
Eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt wird uns dann etwas bringen, wenn wir uns Gedanken darüber machen, wo wir sind und wohin wir uns entwickeln wollen. Viele andere Städte haben das Projekt der Europäischen Kulturhauptstadt als ein wirtschaftlich orientiertes Stadterneuerungsprojekt benutzt, als Werbung, die einen Anstieg des Tourismus zum Ziel hatte. So ein Projekt wäre für Freiburg sehr bedenklich, denn Freiburg ist für einen großen Teil der Bevölkerung schon jetzt nicht, beziehungsweise kaum mehr bezahlbar. Die Anzahl an Touristen hat bereits das Limit erreicht und eine dahin gehende Planung würde auf Leuchtturm-Projekten basieren, die nicht nachhaltig wären. Es stellt sich dann auch die Frage, was das eigentlich mit Kultur zu tun hat.
Kunst – als Teil von Kultur – ist eine Ausdrucksform, ein Produkt von Prozessen, das in der Regel keiner bestimmten, vorgegebenen Funktion nachkommt. Kunst kann einen Raum bieten, in dem es möglich ist, Impulse und Anregung zu bekommen, etwa zu Lebensgestaltungen und darüber, wie sich die Zusammenhänge zwischen anderen Menschen und "Umwelt" gestalten.
Wir können Kunst schön oder ekelig finden, sie kann uns in Frage stellen oder bestätigen, wir können angeregt oder gelangweilt sein, eine Interpretation finden oder über die Unverständlichkeit frustriert sein. Es ist eine ideelle Form von allen Kulturformen, in denen wir uns tagtäglich befinden.
Hierbei sind die sogenannten Kulturschaffenden wichtige AgentInnen, aber es sollte damit nicht aufhören. Kunst als Abstellplatz für besonders kreative Menschen, wo die "normalen" Menschen bei Gelegenheit für ein bisschen Unterhaltung vorbeikommen können, kann hier nicht das Ziel sein. Der Prozess sollte auch nicht missionarisch sein. Es geht nicht darum, dass ExpertInnen LaiInnen erklären, was Kultur ist, sondern um einen wechselseitigen Prozess. Deswegen wird dieser Prozess einen Bezug zu vielen, wenn nicht allen Lebensgestaltungen in der Stadt haben.
Jede/r wird für sich selbst entscheiden können, ob und wie er/sie an diesem Prozess teilnehmen möchte. Manche wird es nicht interessieren, manche werden dagegen sein – auch das gehört dazu. Jede Debatte in Freiburg, die zur Zeit stattfindet, fängt an und endet mit dem Thema Geld. Können wir uns Kultur überhaupt leisten? Das Syndrom der Verwertungslogik ist leider weit vorangeschritten. Kultur wird es sowieso geben, mit oder ohne "Kulturhauptstadt", die Frage bleibt aber, wie diese Kultur aussehen wird.
Autor: bz


