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18. Mai 2011

"Die Natur holt sich das zurück"

LEUTE IN DER STADT:Der Kölner Künstler Ralf Witthaus stellt mit seinen Rasenkunstwerken flüchtige Installationen her.

  1. Foto: INGO SCHNEIDER

  2. Foto: INGO SCHNEIDER

"Außerhalb" heißt eine Initiative des baden-württembergischen Kunstbüros. Außerhalb finden auch die Installationen des Kölner Künstlers Ralf Witthaus statt. Stimmig war also, dass die Gruppe "V8" von der Karlsruher Kunsthochschule mit dem Freiburger Künstlerzusammenschluss "PlanB" für die Teilnahme an "Außerhalb" Ralf Witthaus einlud. Drei Tage lang arbeiteten alle gemeinsam mit Rasenmähern und Harken an seinem Rasenkunstwerk auf dem Stühlinger Kirchplatz. Das perspektivgebende Riesenraster wird heute um 18 Uhr eingeweiht.

Viel, viel kleinformatiger hat Ralf Witthaus schon als Kind künstlerisch losgelegt. Die Zeichnung war sein Ding – und blieb es während seines Kunststudiums. Im westfälischen Löhne aufgewachsen, wirkten als "Hintergrundmusik seines Lebens" die Eindrücke, die seine Großmutter vermittelte: Die war Bäuerin – Witthaus’ erste Prägung mit einer unaufdringlichen und doch starken Naturnähe. Obendrein sei er "ein Kind der 80er mit den ausgeprägten Ökologiebewegungen". Zunächst aber stand für ihn an, das Zeichnen zu perfektionieren.

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Stapelweise Zeichnungen und 300 Skizzenbücher dokumentieren, wie intensiv er sich mit dem Genre auseinandergesetzt hat. Irgendwann aber war der Gedanke da: "Das ist alles für die Schublade!" Weiterkommen, das war für den damals 25-Jährigen auch der Wechsel in die räumliche Weite. Mit dem Auftrag für ein Großprojekt im westfälischen Werl setzte er zum ersten Mal eine Zeichnung um in ein landschaftliches Gebilde: Vier Jahre dauerten die Arbeiten an "Die Liegende", eine schwangere Frauenfigur als 600 Meter großes Kunstwerk aus Erdreich, Schotter und Rasen – das war zugleich Lärmschutzwall und begehbare Parkanlage – und ein Erfolg. Über 50 Rasenkunstwerke hat er seither angefertigt, dass er auch für seine Familie in Köln den Rasen mäht, versteht sich von selbst. Und er liebt auch die poetischeren kleinen Arbeiten. Wie die vier Namensfragmente, die er in Seethen in der Altmark auf 16 mal 16 Metern Rasen mähte. Sie standen für die abwandernden jungen Bewohner des Dorfes. Damit war die Abwanderungstragik sichtbares Dorfthema. Für wenige Wochen. Denn Witthaus’ Kunst hat eine kurze Halbwertzeit. "Die Natur holt sich das zurück", sagt er, "und Kunst, die nur zwei, drei Wochen existiert, muss gut kommunizieren können." Auch die Macher: "Wir stellen was sehr sichtbar in die Gesellschaft – und wir müssen aushalten können, was da zurückkommt."

Am Stühlinger Kirchplatz steht ein Pappschild: "Das hier ist keine Kunst, das ist Lärmbelästigung!" Und ja, findet Witthaus, die Arbeit mit Freischneidern von Sponsor Stihl sei laut – darüber müsse man reden. Viele loben aber auch eine enorme Aufwertung des Platzes. Dazu hat das Gartenamt beigetragen und mit dem Baumbeschnitt die Marienstatue "freigelegt", die kaum mehr zu sehen gewesen war. "So was freut mich wahnsinnig", gesteht Ralf Witthaus, "wenn meine Sachen auch Auslöser für was sind." Fernziel des Rasenkünstlers: "Mal was im Englischen Garten machen mit seinen extrem schönen 375 Hektar. Das wäre ein Traum!"

Fotos zur rasenden Entstehung der Kunst unter http://www.badische-zeitung.de

Autor: Julia Littmann