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01. April 2015

Uniklinik Freiburg

Die Psychosoziale Krebsberatungsstelle bietet Patienten Hilfe im Niemandsland - und braucht dringend Geld

Die psychosoziale Krebsberatungsstelle am Tumorzentrum der Universitätsklinik Freiburg braucht neue Geldgeber / Beraterinnen und Betroffene erzählen.

  1. Eine Krebserkrankung – auf dem Bild sieht man Melanomzellen – verändert das Leben komplett. Foto: dpa

  2. Die Sozialberaterinnen Karin Wielpütz und Erika Bächle (rechts) Foto: m. bamberger

Die psychosoziale Krebsberatung am Tumorzentrum der Universitätsklinik steht derzeit im Fokus: Als die Deutsche Krebshilfe die Fördermittel reduzierte – ob rechtzeitig angekündigt oder nicht, darüber gehen die Meinungen auseinander –, offenbarte sich eine Finanzierungslücke. Für die Patientinnen und Patienten ist die Einrichtung indes wichtig, wie sich bei einem Besuch der BZ zeigte.

SCHWÄCHE ZEIGEN DÜRFEN
Martin Przibille weiß noch genau den Tag, an dem die Leidenszeit seiner Lebensgefährtin begann: Es war der 16. Januar 2012, als sie zu Hause umfiel. Warum, wusste erst einmal niemand. "Ich dachte mir aber, dass da was nicht stimmt", sagt der 52-Jährige. Seine Freundin Regine L. kam ins Krankenhaus, wo sie die niederschmetternde Diagnose erfuhr: Die damals 39 Jahre alte Grafikdesignerin hatte einen Gehirntumor. Mit einem Hubschrauber wurde sie in die Universitätsklinik Freiburg gebracht und dort operiert.

Es war im darauffolgenden Jahr – nach der zweiten Operation, zwischen Chemotherapie und Bestrahlung –, als Martin Przibille und Regine L. das erste Mal die psychosoziale Krebsberatungsstelle aufsuchten. Durch einen Flyer, den sie in der Klinik bekommen hatten, waren sie auf das Angebot aufmerksam geworden. Der Tumor war nachgewachsen, es stand schlecht um seine Partnerin, erinnert sich Przibille. "Nur noch mit Glück und Gottes Hilfe konnte es gut gehen." Natürlich habe man gehofft, aber eigentlich, sagt er, sei klar gewesen, dass sie daran sterben würde. "Wir waren damals im Niemandsland", erinnert er sich daran, als er und seine kranke Freundin die Beratungsstelle an der Hauptstraße in Herdern aufsuchten. Mehrfach war das Paar in der Folge gemeinsam bei Sozialberaterin Erika Bächle. Einmal ging Regine L. alleine in die psychologische Beratung.

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Die psychosoziale Krebsberatung im Tumorzentrum der Universitätsklinik gibt es seit 2009. Sie ist kostenlos und steht allen Krebspatientinnen und -patienten aus Südbaden, egal wo und wann sie behandelt wurden, und deren Angehörigen offen. Viele kommen mehrfach. Es gibt persönlichen, telefonischen oder schriftlichen Kontakt. Wer anruft – das ist der Anspruch des Beratungsteams – bekommt innerhalb von sieben Tagen einen Termin.

Die Beratung habe ihnen gut getan, sagt Martin Przibille. "Wir wurden in der Beratungsstelle verstanden mit unseren Gefühlen und Belastungen." Immer stark und positiv zu sein, das sei irgendwann nicht mehr gegangen. Seine Lebensgefährtin sei in der Beratung auch darin bestärkt worden, schwach sein zu dürfen – "dass das selbstverständlich ist", erzählt Przibille und ergänzt: "Wenn wir bei Frau Bächle waren, gab uns das wieder Kraft und wir wussten, dass wir gemeinsam auf dem richtigen Weg waren. Man konnte es ertragen." Es sei gut gewesen zu wissen, dass man immer, Tag und Nacht, bei der Beraterin habe anrufen können; "dass da jemand ist, der einen versteht und weiß, wie es in einem aussieht".

Heute, ein dreiviertel Jahr nach dem Tod seiner Freundin, wirkt es, als habe Martin Przibille seinen Frieden mit der heimtückischen Krankheit gemacht. "Ich konnte Regine meine Liebe und Zuneigung geben", sagt er über die Zeit ihres Krankseins, in der er sich oft hilflos fühlte. Er selbst habe natürlich versucht, seiner Freundin gegenüber stark zu sein. Für ihn selbst war es auch nicht leicht, im Alltag zu "funktionieren", doch sie bekamen von Freunden, Bekannten, Nachbarn so viel Liebe und Unterstützung, wie er es sich niemals hätte vorstellen können. Erika Bächle bestärkt ihn rückblickend, das Richtige getan zu haben: "Es ist schön, dass Sie bei ihr waren und zu jedem Termin mit erschienen sind."

Natürlich habe man alles probiert – Alternativtherapien, Nahrungsumstellungen und, und, und. Das Paar klammerte sich an jeden Strohhalm. "Das hat schon noch mal Hoffnung gemacht. Man hatte ein Ziel, eine Perspektive. Man dachte: Vielleicht schafft der Körper es doch noch."

Als es Regine L. sehr schlecht ging und sie nicht mehr in der Lage war, in die Beratung zu kommen, besuchte Erika Bächle sie mehrfach zu Hause. Rund ein Jahr lang habe sie das Paar begleitet, sagt die Sozialpädagogin. Zweieinhalb Jahre insgesamt war Martin Przibilles Freundin krank. Sie starb am 30. Juli 2014 daheim, mit 42 Jahren. "Das war das Wichtigste – dass sie zu Hause einschlafen konnte. Ich hatte mir teilweise Urlaub genommen, und ihre Mutter war die letzten Monate zu uns gezogen. Wir haben sie gemeinsam gepflegt und wurden von Gott und den besten Freunden, die man sich vorstellen kann, getragen."
In der Krebsberatung arbeiten Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen mit psychoonkologischer Zusatzausbildung. Es gibt Einzelberatung und Gruppenangebote wie Kunsttherapie und Yoga für Krebskranke. Die Psychologinnen helfen Patientinnen und Patienten bei der Bewältigung von Ängsten und Belastungen während und nach der Behandlung.

GANZ PRAKTISCHE HILFE
Als Sybille W. (Name von der Redaktion geändert) an Brustkrebs erkrankte, war sie alleinerziehend. Ihr Mann war im Oktober 2010 an einer seltenen Krebsart gestorben. Sie selbst wurde drei Mal operiert, bekam Chemotherapie und Bestrahlung, war abwechselnd in der Klinik und zu Hause. "Das war eine harte Zeit", sagt die 53-Jährige. Sie erinnert sich, dass sie zuerst nicht in die Krebsberatung habe gehen wollen. "Ich dachte, ich packe es alleine und kämpfe mich da durch." So sei sie eben. Dann habe ihre Schwester sie überredet und sie seien zusammen in die Beratungsstelle gegangen. Als alleinerziehende Mutter und Witwe, die nun selbst nicht mehr arbeiten konnte, hatte W. große Geldsorgen. "Das war mein Hauptproblem."

Sybille W. hatte Glück – sie war mit ihrer Krankheit nicht alleine. Zwei ihrer vier Kinder, heute 13 und 16 Jahre alt, wohnen bei ihr. "Sie haben mich unterstützt und mir sehr viel Kraft gegeben." So hätten sie zum Beispiel extra Kochen gelernt. "Ich selbst hatte durch die Therapie keinen Geschmack mehr." Die Krankheit habe alle zusammengeschweißt.

Durch die Krankheit verlor W. ihren Job – ihr befristeter Vertrag bei einem Hol- und Bringdienst in einem Krankenhaus wurde nicht verlängert. Als die 78 Wochen, in denen sie Krankengeld bezog, vorbei waren, hatte sie ein großes Problem: Die Witwenrente reichte nicht aus, doch auf Sozialleistungen hatte sie keinen Anspruch, da sie knapp über der Bemessungsgrenze lag. Es sei "extrem" gewesen, in einer ohnehin schwierigen Situation als Krebspatientin, ohne Geld dazustehen. "Ich habe mich geschämt. Manchmal hatten wir zu dritt für den ganzen Monat nur 300 Euro." Für Alleinerziehende mit niedrigem Einkommen sei oft schon die Krankengeldphase wegen der Abzüge schwierig, weiß Beraterin Karin Wielpütz. Ein gesunder Partner mit zweitem Gehalt könne den Ausfall hingegen zunächst meist auffangen.

In der Krebsberatungsstelle konnte man Sybille W. pragmatisch, schnell und unbürokratisch helfen. Bei sechs Stiftungen stellte ihre Beraterin Anträge: Mal brauchte W. eine neue Matratze, mal Geld für Schulausflüge, mal für die Ferienfreizeit der Kinder. Insgesamt bekam sie auf diesem Weg 3600 Euro. "Das reichte, um die größten Löcher zu stopfen", sagt sie.

"Wir sind Lotsinnen im System", sagt Beraterin Erika Bächle. Kollegin Karin Wielpütz ergänzt: "Wir verstehen uns als Anwältinnen der Menschen", etwa wenn es darum geht, Leistungsansprüche durchzusetzen. Die Beraterinnen gehen auch mit zu Behörden. "Wir schauen", sagt Bächle, "was es für den Patienten für Möglichkeiten gibt. Wie geht es für ihn beruflich und finanziell weiter? Hat er einen Freundes- und Unterstützerkreis?" Sie erlebe immer mehr Menschen, die mit ihrer Krankheit alleine seien, sagt Bächle. "Schauen Sie, dass Sie trotz Ihrer Krankheit Ihre Beziehungen pflegen", rate sie. Sie weiß, dass viele das nicht schaffen.

Heute geht es Sybille W. viel besser. Sie lacht wieder. Zwei Jahre war sie krank, nach mühsamer Jobsuche arbeitet sie nun in einer Firma für Präzisionsdrehteile. "Das macht mir Spaß." Mit 700 Euro netto werde sie zwar nicht reich, "aber man weiß jetzt alles anders wertzuschätzen". Ihre Kinder seien ihr Ein und Alles, und das Enkelkind habe ihr "brutal Kraft gegeben".

Über die Hilfe der Krebsberatungsstelle ist Sybille W. sehr dankbar. "Unsere Gespräche haben geholfen". Mit Erika Bächle hat sie während der Krankheit viel telefoniert. Sie habe an W. geglaubt, sagt die Sozialberaterin: "Es war mir immer klar, dass sie es schaffen wird."

HINTERGRUND

Die psychosoziale Krebsberatungsstelle

Die psychosoziale Krebsberatungsstelle Freiburg am Tumorzentrum der Universitätsklinik wurde bislang maßgeblich von der Deutschen Krebshilfe finanziert: von 2009 bis Ende 2011 steuerte diese jährlich 127 500 Euro bei, von 2012 bis Ende 2014 pro Jahr 149 400 Euro, 2015 und 2016 jeweils 130 790 Euro. Bis Ende kommenden Jahres wird sich die achtjährige Förderung durch die Deutsche Krebshilfe auf knapp 1,1 Millionen Euro belaufen. Die Krebsberatungsstelle Freiburg hat einen Jahresetat von 388 000 Euro. Was nicht durch die Krebshilfe finanziert wird, trägt das Tumorzentrum der Uniklinik, städtische Zuschüsse gibt es bislang nicht. 2015 wird voraussichtlich das Land das Loch stopfen, das durch die Reduzierung der Krebshilfe-Mittel entstanden ist. Bei den Haushaltsberatungen wurde jüngst der Antrag der SPD angenommen, die Beratungsstelle 2016 mit 62 000 Euro zu unterstützen, sollte das Land nicht in die Bresche springen. Sozialbürgermeister Ulrich von
Kirchbach strebt ein gemeinsames Finanzierungsmodell mit den Nachbarlandkreisen und der AOK an. Die Krebsberatungsstelle sagt, sie sei von den Kürzungen für 2015 und 2016 um jährlich knapp 20 000 Euro im vergangenen Herbst völlig überrascht worden. Die Deutsche Krebshilfe teilt indes mit, dass im Leitfaden zur Antragstellung für die dritte und letzte Förderperiode (2015/2016), der im Mai 2013 zugestellt wurde, und im Begleitschreiben ausdrücklich darauf hingewiesen worden sei, dass in der dritten Förderperiode "ein deutlich höherer Eigenanteil der Trägerinstitutionen der Beratungsstellen" erwartet werde. Beantragt hatte die Beratungsstelle Freiburg bei der Krebshilfe für die letzte Förderperiode 290 400 Euro, bewilligt wurden 261 580 Euro. Die Krebshilfe sieht ihre Förderung als Anschubfinanzierung, sagt Hauptgeschäftsführer Gerd Nettekoven. Bundesweit hat sie 24 Beratungsstellen mit insgesamt 23,1 Millionen Euro gefördert. Nun seien die Kostenträger des Gesundheitswesens gefordert, die Regelfinanzierung zu übernehmen, so Nettekoven.

Bei der Krebsberatungsstelle Freiburg arbeiten drei Psychologinnen, zwei Sozialarbeiterinnen und eine Verwaltungskraft (5,65 Vollzeitstellen). Eine Psychologin und eine Heilpädagogin arbeiten für das Projekt Tigerherz, das sich um Kinder krebskranker Eltern kümmert. Adressen: Hauptstraße 5a (Herdern), Robert-Koch-Klinik im Uniklinikzentrum, Sir-Hans-A.-Krebs-Straße. Kontakt:
Tel. 0761/ 270-77500; krebsberatungsstelle@uniklinik-freiburg.de.

 

Autor: fz

Autor: Frank Zimmermann