Wahlnacht 2011: „Die Uhren werden heute zweimal umgestellt“

Joachim Röderer

Von Joachim Röderer

Mo, 28. März 2011

Freiburg

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt: Bei den Wahlpartys der Parteien war gestern das ganze Spektrum der Gefühle zu erleben.

GRÜNE

Wahnsinn. Unglaublich. Gigantisch. Das sind die meist verwendeten Worte im "Waldsee", wo die Grünen im Grünen die Siegerparty feiern, Und was für eine. Adelheid Hepp, grüne Stadträtin, kommentiert das Ergebnis mit dem besonderen Satz: "Heute wurden die Uhren in Baden-Württemberg zweimal umgestellt". Die ersten landesweiten Prognosen werden im Waldsee euphorisch bejubelt. Ein sicherer Stimmungsbringer ist immer auch jede TV-Einblendung des mickrigen Prozent-Balkens für die FDP. Die zwei Jungwählerinnen Maria Harter, 22, und Luise Leiser, 21, strahlen: "Wir sind froh, dass wir mit unserer Stimme den Wechsel mitwählen konnten", sagen sie und hoffen, dass die neue Regierung sich mehr für Ökologie und Bildung einsetzt. Grünen-Stadtrat Helmut Thoma tritt da noch ein bisschen auf die Euphoriebremse: Er sorgt sich noch wegen der Überhangmandate: "Lieber den Champagner noch nicht öffnen", rät er zu dem Zeitpunkt.

Mit Sprechchören werden um 18.30 Uhr Edith Sitzmann und Reinhold Pix empfangen. Sitzmann hat da ihren Wahlkreis schon fast in der Tasche. 40 Prozent der Stimmen – "ein gigantisches Ergebnis", sagt sie. Reinhold Pix liegt zu dem Zeitpunkt im Zwischenergebnis noch zurück. Die Grünen sind so mit Jubeln, Staunen, Gratulieren, Sektanstoßen und Fernsehschauen beschäftigt, dass sie gar nicht mitbekommen, dass beim Ost-Wahlkreis die Freiburger Wahlbezirke erst am Ende en bloc addiert werden.

Das bedeutet: Im"Waldsee" bekommt niemand diese Freiburger Sensation mit: wie der Wahlkreis von Schwarz zu Grün kippt. Den tatsächlichen Stand der Dinge übermitteln freundlicherweise per Telefon Stefan Schillinger und Joachim Fritz von der SPD aus dem Freiburger Rathaus – Grün-Rot funktioniert also aus dem Stand. Bei den Grünen will die Nachricht zunächst niemand glauben. Dann werden die Zahlen bestätigt: Jetzt gibt’s kein Halten mehr: "Ich hab’ immer gesagt, wir müssen den ländlichen Raum gewinnen, dann kommen wir auch in die Regierung", sagt Reinhold Pix, der sich den Filbinger-Wahlkreis geangelt hat. Pix vermutet: "Der wird sich im Grabe rumdrehen".CDU
Das schiere Entsetzen erfasst die CDU-Mitglieder um 19.34 Uhr. Soeben verraten die bunte Balken, die vom Landratsamt via Internet auf die Leinwand gebeamt werden: Das Direktmandat ihres Parteivorsitzenden Klaus Schüle im Wahlkreis 46 (Freiburg Ost und Hochschwarzwald) ist weg. Das Unmögliche ist möglich geworden. Schüle tritt ans Rednerpult und rettet sich in die Rolle des Politikers. Er gratuliert den grünen Konkurrenten, liefert seine Analyse und hält an der Kurskorrektur in der Atompolitik fest. Natürlich sei er traurig, nach zehn Jahren im Landtag. Er verteilt Blumen und Wein an die Freiburger Wahlkämpfer – und bekommt selbst lang anhaltenden Applaus. "Das tut gut."

Dass es kein guter Abend werden würde, war den 70 Christdemokraten schon vor Schließung der Wahllokale klar. Es kursierten parteiinterne Umfragen, die die CDU sogar noch schlechter gesehen hatten als die Hochrechnungen im Fernsehen. Wie versteinert sitzen Jung und Alt in den schweren Sesseln der Lounge im Kolping-Hotel, als um 18 Uhr die Prognosen auf dem Bildschirm erscheinen. "Wahnsinn", sagt Stadtrat Daniel Sander, "das ist ein historisches Ergebnis. Echt bitter." Ein älterer Parteifreund zieht schon nach einer Dreiviertelstunde seinen Mantel an und brummt: "Das hat Baden-Württemberg nicht verdient." Kurz darauf erscheinen die ersten Resultate aus Freiburg West und den vier Umlandgemeinden auf der Leinwand. Abgeordneter Bernhard Schätzle weiß nun, dass die allgemeine Befürchtung eingetreten ist: Er liegt abgeschlagen zurück. Der Wahlkreis, sagt er, habe ja eine wechselhafte Geschichte, "da war ich auf alles gefasst." Aber so eine enorme Verwerfung sei doch erstaunlich. Leise ist er, der Winzer, Stadtrat und Ortsvorsitzende von Lehen. Nach fünf Jahren im Landtag habe er sich richtig "reingeschafft", sagt er. Er hätte den Job gerne weitergemacht.
SPD
Der silberne Hase vor Gabi Rolland in der ersten Reihe hat schon eine Menge Fingerabdrücke abbekommen. Der kleine Glücksbringer bei der Wahlparty der SPD im Café Velo am Hauptbahnhof wird immer wieder gestreichelt. Mucksmäuschenstill ist’s, mit Händen zu greifen ist die Spannung unter den rund 80 Mitgliedern und Sympathisanten bevor gegen 18 Uhr die erste Prognose des ZDF über die Großbildleinwand flimmert: Riesenjubel, als für die CDU 38,4 Prozent angesagt werden. Die 23,5 für die SPD sorgen für eine Mischung aus Klatschen und gequältem Aufschrei der in schier frenetischem Applaus für die 24,5 Prozent münden, die den Grünen vorausgesagt werden. "Es reicht!" Noch einmal ein gequältes Lachen bei den 5,2 Prozent für die FDP und lautstarke Freude über die drei Prozent der Linken, deren Wähler eine grüne-rote Regierung damit nicht verhindert haben. "Ob Rot-Grün oder Grün-Rot, das spielt jetzt keine Rolle", sagt eine glückliche Gabi Rolland, die das Direktmandat für die SPD im Freiburger Westen zwar nicht gewinnen kann, weil Edith Sitzmann das erobert hat. Walter Krögner, der SPD-Abgeordnete aus dem Freiburger Osten, verfolgt im Rathaus die Auszählung, kommt erst später, ein klein wenig traurig, weil er es wohl nicht schaffen wird, aber "mit einem großen lachenden Auge", wie er später sagen wird: "Jetzt kann der ganze schwarze Staub aus allen Ecken des Stuttgarter Landtags hinweggekehrt werden." Um 21.45 Uhr steht fest: Gabi Rolland wird dem neuen Landtag angehören. "Ich bin überwältigt, ich darf mitmachen bei einer neuen Zeitrechnung." Schon heute wird sie mit den alten und neuen SPD-Landtagsabgeordneten in Stuttgart tagen.

FDP
Zitterpartie statt Wahlparty: Die FDP bangt um den Wiedereinzug in den Landtag, und die Freiburger Liberalen bangen mit. 50 Unterstützer der Kandidaten Christoph Glück (West) und Nikolaus von Gayling (Ost) verfolgen im "Schützen" die Hochrechnungen, die Mienen besorgt: 5,0 Prozent, einige jaulen auf, Parteichef Sascha Fiek schüttelt den Kopf. Aufatmen, als der Prozentpegel steigt. Glück wirkt zerknittert, doch er witzelt, als er sein Zwischenergebnis im Wahlkreis West sieht: "Ich zieh noch ein in den Landtag." Sein Endergebnis liegt bei 3,3 Prozent. Er hatte sich mehr erhofft, aber nicht mehr damit gerechnet. "Der Tsunami in Japan hat die Grünen in den Landtag gespült", sagt Glück: "Im Wahlkampf ging es nicht um Fakten und Erfolg, sondern um Emotionen." Das meint auch Nikolaus von Gayling, der 4,9 Prozent im Ost-Wahlkreis holt. "Ich war immer für den Atomausstieg, aber das ist mir nicht abgenommen worden." Die Debatte war das zentrale Thema, sagt auch Fiek, die Liberalen galten als Atombefürworter. "Das hat uns das Genick gebrochen." Die Protokollaffäre um Wirtschaftsminister Brüderle sei nicht hilfreich gewesen. "In Freiburg ist die Anti-AKW-Stimmung sehr ausgeprägt", sagt Fiek. Seine Bilanz: "Ein betrübliches Ergebnis für die FDP." LINKE
Um zwei nach sechs zieht der erste Trupp enttäuschter Anhänger schon weiter: In der Warsteiner Galerie wollte Die Linke ihren Einzug in den baden-württembergischen Landtag feiern, aber schon die Wahlprognose um sechs macht klar, das Klassenziel wurde nicht erreicht. Vor großer Leinwand drängen sich 30 Gäste im winzigen Gastraum zusammen, im Nebenraum läuft der Fernseher und zwei Dutzend weitere Linke-Sympathisanten stöhnen bei jeder der nun folgenden Hochrechnungen kollektiv auf: 2,8 Prozent – "oje!" Man tröstet sich mit dem Absturz der CDU und stöhnt erneut, als der Vorsprung für Rot/Grün zwischenzeitlich auf eine Stimme schrumpft: "Wenn am Ende Mappus bleibt, ist das Desaster perfekt." Partystimmung? Fehlanzeige. Die kommt auch nicht auf, als Lothar Schuchmann, Linken-Kandidat für Freiburg West, gegen 19 Uhr eintrudelt. Der resümiert bekümmert: "Das Ergebnis ist niederschmetternd für uns, ganz klar. Und es zeigt deutlich, dass die sozialen Themen bei dieser Wahl keine große Rolle gespielt haben. Dass wir in den großen Wahlkampfthemen Stuttgart 21 und Anti-Atomkraft eine klare Position haben, hat uns nichts genutzt – da haben die Grünen mit gepunktet."