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15. Mai 2009 18:22 Uhr

Immer mehr Fälle

Drogenschmuggel im Körper: Drehscheibe Freiburg

Die Zahl der Körperschmuggler hat in Zügen auf der Rheintalschiene explosionsartig zugenommen. Diese Kuriere schlucken Päckchen mit Drogen und transportieren sie so über die Grenze. Ein lebensgefährliches Geschäft.

  1. Dutzende mit Drogen gefüllte Kondome schlucken Schmuggler, um die Rauschmittel unbemerkt zu transportieren. Foto: Poilzei

  2. Bisheriger Rekordfund: 151 Päckchen hatte ein Mann geschluckt, der in einer Regionalbahn von Freiburg nach Basel festgenommen wurde. Foto: Zollfahndungsamt Stuttgart

Platzt eines der zum Teil mehr als 100 so genannten Bodypacks, die ein einzelner Schmuggler intus hat, hat das tödliche Folgen.

Die Zollfahnder sehen Freiburg mittlerweile als eine "Drehscheibe" dieser Form des Schmuggels.

Einer von vielen Fällen ist der von Uche Ekpo (Name geändert), der Mitte Januar am Freiburger Hauptbahnhof festgenommen wurde. Der 33-jährige Nigerianer war den Bundespolizisten aufgefallen, weil er in ihr Fahndungsraster passte: Ein junger, allein reisender Schwarzafrikaner mit wenig Gepäck, der sich gerade eine Fahrkarte für den Regionalzug nach Basel kaufte. Im Krankenhaus schied er dann nach und nach 81 Bodypacks aus: mit Kokain gefüllte Kondome im Gesamtgewicht von 806 Gramm. Letzte Woche stand Ekpo vor dem Freiburger Amtsgericht – wegen unerlaubtem Drogenbesitz und Beihilfe zum Drogenhandel.

Schon jetzt 19 Kuriere aufgeflogen

Im Jahr 2009 seien bereits 19 Körperschmuggler auf der Rheintalschiene festgenommen worden, sagt Sabine Kukral vom Zollfahndungsamt Stuttgart; Todesfälle habe es zum Glück noch nicht gegeben. Die meisten Bodypacks trug ein 43-jähriger Mann im Körper, der im März bei Eimeldingen im Regionalzug nach Basel festgenommen wurde: 151 Stück mit einem Gewicht von 1,7 Kilo. Mit dem Beitritt der Schweiz zum Schengen-Abkommen im Dezember 2008 sind die allgemeinen Grenzkontrollen zwar weggefallen, Bundespolizei und Zoll hätten aber in den Zügen und am Hauptbahnhof inzwischen "den Fahndungsdruck verstärkt", sagt Kukral: "Die Rheintalschiene ist für Schmuggler absolut interessant – die Drogen kommen häufig aus den Niederlanden und in der Schweiz sitzen die Abnehmer." Der Freiburger Hauptbahnhof werde oft zum Umsteigen in die weniger stark kontrollierten Regionalzüge genutzt.

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Geldsorgen als Motivation

In der Verhandlung vor dem Amtsgericht erzählte Uche Ekpo, wie er zum Körperschmuggler wurde: 2001 kam er mit einem Studentenvisum nach Griechenland, doch das Geld reichte nicht zum Studieren. Er arbeitete als Lackierer, heiratete eine Griechin und bekam mit ihr eine Tochter. "Ich stehe unter extremem Druck meiner afrikanischen Familie", berichtete er. Sein Vater lebe nicht mehr, von den sechs Geschwistern habe nur eines Arbeit, die Familie sei arm und verschuldet – und erwarte, dass er Geld aus dem reichen Europa schicke.

Ein Bekannter, der von seiner Geldnot wusste, organisierte den Kontakt zu einem westafrikanischen Drogendealer in Frankfurt, der Ekpo dort am Flughafen abholte und ihm auch zeigte, wie man die Päckchen schluckt. Als er nach 70 Stück nicht mehr konnte, führte er sich auf Anweisung des Händlers weitere elf Bodypacks rektal ein. Mit einem ICE fuhr er anschließend nach Freiburg, wo er umsteigen und dann in Basel einen Kontaktmann treffen sollte. 2000 Euro waren ihm dafür versprochen worden, 500 Euro hatte er bereits als Vorschuss erhalten.

2 Jahre und 8 Monate für den Kurier

"Die Körperschmuggler sind das bemitleidenswerteste Glied in einer langen Kette von Kriminalität", sagt Roland Beckert. Der Freiburger Anwalt verteidigt regelmäßig Drogenschmuggler und hat auch Uche Ekpo vor dem Amtsgericht vertreten. Ob ihre Zahl in Freiburg und Umgebung tatsächlich zugenommen hat oder ob Zoll und Polizei inzwischen nur gezielter suchen, könne er nicht sagen. Dass überhaupt Menschen für die hoch riskanten Kurierdienste ihren Körper zur Verfügung stellten, hänge mit der enormen Armut gerade in Nigeria zusammen, sagt Beckert: "Es gibt verschiedene Exportschlager: Frauen, die sich in Europa prostituieren, und Männer, die Drogen schlucken." Viele Familien legten zusammen, um ein Kind legal oder illegal nach Europa zu schicken – in der Hoffnung, von diesem dann versorgt zu werden.

Uche Ekpo wird vom Freiburger Amtsgericht zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt. Er habe zwar unter erheblicher Geldnot gestanden, heißt es in der Urteilsbegründung, sich aber aus freien Stücken entschieden, am kriminellen Handel mit Drogen mitzuwirken. Dass Gefängnisstrafen künftige Körperschmuggler abhalten werden, glaubt Anwalt Beckert nicht: "Solange es dieses Wohlstandsgefälle gibt, wird es auch Leute geben, die für ein paar Euro ihr Leben riskieren."

Autor: Thomas Goebel