Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. März 2009

Eigeninitiative als Ausweg

Vor fünf Jahren wurde die "Hirschen-WG" für Menschen mit Demenz gegründet / Vorbild für andere Projekte in der Region.

Seine Mutter Ruth ist eine "Ureinwohnerin" der Hirschen-WG, sagt Rainer Bruckhoff. Anfang März 2004 ist sie in die Wohngemeinschaft im ehemaligen Gasthof Hirschen eingezogen. Das alte Gebäude liegt Mitten in Ebnet; der erste Stock war einmal der Tanzsaal. Genau vor fünf Jahren entstand hier Freiburgs erste Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz. Acht Zimmer hat die WG, in einem von ihnen wohnt Ruth Bruckhoff.

Manchmal sitze seine Mutter mit den anderen Bewohnern oder den Betreuern zusammen und erzähle ihnen eine Geschichte von einem Gorilla, der Topflappen verkauft, sagt Rainer Bruckhoff. "Ihre Welt ist relativ klein – aber in sich schlüssig. In dieser Welt lebt sie." Bevor sie in die Hirschen-WG zog, habe seine Mutter im "betreuten Wohnen" gelebt. "Das bedeutete: Es gab einen Bewegungsmelder in der Wohnung und eine Cafeteria im Haus." Seit sie in der Wohngemeinschaft lebe, gehe es nicht nur ihr besser, sondern auch ihm selbst: "Ich habe das Gefühl gewonnen, meine Mutter ohne schlechtes Gewissen hier lassen zu können."

Die Unzufriedenheit mit der Lebenssituation ihrer Angehörigen stand am Anfang der Hirschen-WG. Er sei damals "zwischen Depression und Explosion" hin- und hergependelt, erzählt Thomas Speier. Gemeinsam mit anderen Angehörigen von Menschen mit Demenz gründete er 2003 den Verein Labyrinth, zu dessen Vorstand er heute noch gehört. Der Verein wiederum gründete dann die Hirschen-WG, nach dem Vorbild einer Berliner Einrichtung. "Eigeninitiative als Ausweg" nennt Speier das.

Werbung


Organisatorisch, rechtlich und finanziell sei das ein eben so anstrengender wie aufregender Weg gewesen: "Uns hat getragen, dass wir Werte und Inhalte an den Anfang gestellt haben – und nicht die Frage nach einem Budget." Um so etwas durchzukämpfen, brauche es "im positiven Sinn Verrückte", sagte Oberbürgermeister Dieter Salomon, der die WG zum Geburtstag besuchte: "Sie waren Pioniere." Inzwischen sind mehrere ähnliche Projekte in der Region in Gründung.

2003 bot ein interessierter Bauträger dem Verein Labyrinth den 280 Quadratmeter großen ersten Stock des ehemaligen Gasthofs Hirschen an. Dort entstanden acht Zimmer, die in einen großen, hellen Gemeinschaftsraum mit Sitzecken, riesigem Esstisch und offener Küche führen. Im März 2004 zogen die ersten Bewohnerinnen und Bewohner ein, im April war die WG komplett.

In der Hirschen-WG zu leben ist nicht billig; die Kosten entsprächen einem Heimplatz "im oberen Preissegment", sagt der Verein. Zur Zimmermiete kommt der Beitrag an die Haushaltskasse der WG und die Rechnung des Pflegedienstes, dessen Kosten nur zum Teil durch die Pflegeversicherung gedeckt sind.

Der Eigenanteil eines Bewohners kann so insgesamt bei über 2000 Euro pro Monat liegen, das ist häufig weit mehr, als die Bewohner Rente bekommen. Dann müssen die Angehörigen einspringen – wenn sie denn können. An der Finanzierung solcher Projekte müsse sich dringend etwas ändern, sagt Stadträtin Lioba Grammelspacher, deren Mutter bis zu ihr- em Tod in der Hirschen-WG lebte. "So eine Einrichtung soll für jeden möglich sein."

Die Bewohner der WG sind Anfang 60 bis Mitte 80, sie alle sind dement. Betreut werden sie von den Mitarbeitern eines Pflegedienstes, nachts von einer, tagsüber von zwei Pflegerinnen oder Pflegern. Dazu kommt als dritte Person ein Schüler, ein Praktikant oder ein Angehöriger. Die Angehörigen übernehmen auch die Einkäufe für die WG und verwalten die Haushaltskasse. Die Hirschen-WG ist Teil ihres Alltags.

Neulich hat Rainer Bruckhoff seine Mutter gefragt, was der Gorilla eigentlich mit dem Geld macht, das er für die verkauften Topflappen bekommt. "Neue Wolle kaufen natürlich", hat sie geantwortet.

http://www.labyrinth-freiburg.de

Autor: Thomas Goebel