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07. Juli 2016

Kulturschule

Ein Besuch im Kunstraum der Max-Weber-Schule

Sie werden zu Lageristen ausgebildet und stehen inmitten von moderner Kunst: zerknüllte Leinwand in zerstörtem Rahmen, buntes Acryl auf Alu, samtige Abflussrohre. Die Berufsschüler haben Unterricht bei Alexander Bürkle, dem Elektrogroßhandel mit eigener Kunstsammlung. Kunst ist Teil der Firma. Und Kultur soll ein selbstverständlicher Teil der Max-Weber-Schule sein.

  1. Kulturschule ganz praktisch: Die angehenden Lageristen erfahren von Eveline Weber (weiße Bluse) mehr über die zerknüllte Leinwand samt Rahmen und das Walross mit Rückenleiden (ganz hinten Mitte). Foto: Thomas Kunz

"Allerbeste Aussichten" heißt die Ausstellung im "Kunstraum", durch den die rund 20 jungen Männer und eine Frau am Mittwoch von Eveline Weber geführt werden. Sie erzählt ihnen, dass die Künstler oft nicht älter als sie selbst sind, dass Dave Bopp Acrylharz auf Aluplatten aufgetragen, fotografiert, foliert und alles zu den abstrakten Werken addiert hat, die sie betrachten. Im nächsten Raum schaut ein Schüler in ein Abflussrohr, das Sandra Havlicek kuschlig beflockt hat, wie Weber erklärt. "Das soll unsere Sicht auf die Dinge verändern." Die Berufsschüler schauen interessiert, viele mit verschränkten Armen, manche lachen, als sie hören, wie Franziska Reinbothe ihr schwarzes, zum Dreieck gebrochenes Bild nennt, aus dessen Mittelgrat ein Rahmensplitter ragt: Walross mit Rückenleiden. Im Raum mit scheinbaren Bildrückseiten reibt sich einer die Augen. Langweilig? Er nickt dezent. Wie er folgen alle höflich Ausführungen über Radikale Malerei, frühere Ausstellungen und soziales Engagement des Unternehmens.

Eine Kunst für sich ist das, was die Max-Weber-Schule erreichen will: Kultur soll normal für ihre Schüler werden – im Unterricht, im Museum, im Selbstversuch. Das bildet und bildet Selbstvertrauen. Südbadens größte kaufmännische Schule wurde dieses Schuljahr zu einer von zehn Kulturschulen im Land – als einzige berufliche. Für das Modellprojekt bekommt sie im Jahr 10 000 Euro von der Karl-Schlecht-Stiftung. "Wir haben’s schon ausgegeben", sagt Schulleiterin Veronika Kaiser und lacht.

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Fahrten zur Fondation Beyeler in Riehen und ins Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, Theaterpädagogen, Musik- und Filmworkshops kosten Geld. Die Schule entwickelt alte Projekte weiter, geht neue an und bietet sie für mehr Schüler. Bei Vollzeitschülern vor allem denen, die von der Hauptschule kommen und "nicht mit einem Theater-Abo geboren" wurden. Und auch Schülern, die zeitweise im Ausbildungsbetrieb arbeiten. "Warum nicht Leute, die sonst mit Staplern durchs Lager fahren, mit Kunst ansprechen?" An der Schule gibt es Lesungen, ein Medienprojekt mit dem SC und neulich gab’s ein Fest der Kulturen samt Poesie an Wänden, 3-D-Bild im Hof und einer Cha-Cha-Cha tanzenden Direktorin. Die Kulturschule funktioniert auch dank vieler Kooperationen wie der mit Bürkle.

Im Industriegebiet Nord bekommt die Klasse auch Fachunterricht, zum Beispiel in Betriebswirtschaft mit einer Führung durch das 40 000 Quadratmeter große Lager. Das hat viele beeindruckt, auch Daniel Geldmacher. Als Ausbildungsleiter Andreas Treffeisen wissen will, ob’s noch Fragen gibt, witzelt der 29-Jährige: "Wo kann ich mich bewerben?" Wegen der Ausstellung? "Kunst ist nicht so meins", sagt er. Aber interessant fand er’s.

Autor: Simone Höhl