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24. August 2011
Ein Blick ins Staatsarchiv: Schätze oder Altpapier
Das Staatsarchiv hat von allen Freiburger Archiven die größte Raumnot – und es beherbergt wahre Schätze für denjenigen, der sie zu heben weiß.
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Kurt Hochstuhl, Leiter des Staatsarchivs Foto: Bamberger
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Rudi Dutschke (im Kreis) und Lord Ralf Dahrendorf (sitzend, hellere Kleidung) während der Studentenunruhen in Freiburg im Jahr 1968 Foto: Pragher/Staatsarchiv
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Ein Wahlplakat von 1932 mahnt an, den Radikalismus nicht ans Ruder zu lassen. Der Erfolg hielt nur ein Jahr Foto: Staatsarchiv
Das Haus ist alles andere als schmuck. Doch der nüchterne Klotz in der Colombistraße 4 beherbergt das Freiburger Staatsarchiv, und das birgt Schätze. Man muss sie nur sehen. "Wenn keiner kommt, ist es Altpapier, aber wenn man Fragen an die Unterlagen stellt, ist es Gold", sagt Archiv-Chef Kurt Hochstuhl. Das Archiv ist mit Schätzen voll bis unters Dach. Und das ist das Problem.
Es gibt Leute, die Antworten in den alten Papieren suchen. Im Lesesaal geht ein Paar aus Südafrika Standesbücher durch, ein Mann scannt Unterlagen ein. Andere kommen, um in Entnazifizierungsakten zu erfahren, was ihr Großvater in der Nazizeit getan hat; Beamte schlagen in alten Flurbereinigungsdokumenten oder Handelsregistern nach, Studenten und immer mehr Schüler forschen in den Akten. Neben dem Lesesaal, drunter, drüber und im Nebengebäude ist alles voller Regale, die Regalböden mit einer Gesamtlänge von 16 Kilometern sind voller Recherchematerial – bis auf ein paar Meter, aber das hat sich auch bald erledigt. Im Oktober, schätzt Hochstuhl.
Es ist nicht so, dass das überraschend kommt. Jedes Jahr kamen bisher neue Dokumente dazu und füllten 250 Regalmeter, da war leicht auszurechnen, wann das amtliche Gedächtnis Südbadens nichts mehr aufnehmen kann. Es ist auch nicht so, dass das niemand getan hat. Im Gegenteil, und man war mit dem absehbaren Platzproblem auch nicht allein. Vor zehn Jahren kam den Archivaren die Idee, erzählt Hochstuhl: ein gemeinsames Haus für das Staats-, das Stadt- und das Uni-Archiv, ein Novum. Es wurde geplant, ein Nutzungskonzept erstellt, erwogen, das Parkhaus bei der PH oder die Stadthalle umzubauen. 2008 war ein Neubau im Gespräch, dann Funkstille, Wirtschaftskrise, das Projekt nicht mehr auf dem öffentlichen Radar. Jetzt sagt die Universität, dass sie wichtigeres zu tun hat. Ohne sie aber dürfte sich das Verbundarchiv erledigt haben.
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Dass es eine Spitzensache wäre, da sind sich nach wie vor alle drei Seiten einig. Er würde Geld und Platz sparen. "Synergie ist das Zauberwort", sagt Kurt Hochstuhl. Lagerraum ist relativ günstig, aber statt drei Lesesälen bräuchten sie nur einen, nur einen Vortragssaal, eine Werkstatt, zudem könnten sie sich Standards leisten, die allein nicht drin sind, zum Beispiel eine Art Schaufenster. "Wir können unsere Schätze nicht präsentieren", sagt Hochstuhl. Das sei aber eine der Aufgaben des Archivs - neben Übernahme, Verwahrung und Erschließung der Unterlagen, die historisch von Wert sind. Von denen hat das Staatsarchiv am meisten, die beiden anderen wären Juniorpartner.
Mit dem Uni-Archiv war es schon mal unter einem Dach: "Es saß in den 70ern auch in der Colombistraße 4." Die ist jetzt allein zu eng. Mistet ein Archiv mal aus? Mal eine Doublette, sagt Hochstuhl – "ein Tropfen auf den heißen Stein". Digitalisieren ist kein Ersatz fürs Original und zudem teuer. Eine Zusammenlegung mit dem Generallandesarchiv in Karlsruhe, wie es der Rechnungshof des Landes vorgeschlagen hat, findet Hochstuhl betriebswirtschaftlich überlegenswert, "wenn’s dort 25 Kilometer freie Regalfläche gäbe, gibt es aber nicht". Soviel benötige das Staatsarchiv, um für die nächsten 30 Jahre versorgt zu sein. Außerdem wären die Akten in Nordbaden. Kulturgut, lautet ein Grundsatz, gehört in die Gegend, wo es entstanden ist.
Freiburg war nach 1945 die Hauptstadt des Landes (Süd)Baden, deshalb sitzt das Staatsarchiv hier. Das war früher selbstständig und ist heute einer von fünf Standorten des Landesarchivs, das der Rechnungshof unter die Lupe genommen hat. Er machte in Freiburg und Sigmaringen Sparpotenzial aus. Schon mal lief der Vorschlag, die kleinen Standorte zu schließen, ins Leere. Das Wissenschaftsministerium in Stuttgart lehnt das auch diesmal ab. "Der Rechnungshof macht seine Arbeit", sagt Hochstuhl, "wir kriegen jedes Jahr die Denkschrift. Wir archivieren sie auch."
Das Archiv bewahrt alle Unterlagen des Landes Baden, auch von Gerichten, Ermittlern und den Landesbehörden im heutigen Regierungsbezirk Freiburg auf. Zwischen grauen Aktendeckeln stecken schillernde Geschichten wie der Prozess gegen den Revoluzzer Gustav Struve 1849. In den Regalen steht die Entnazifizierungsakte der Regisseurin Leni Riefenstahl, die einst in Königsfeld gelebt hat, ebenso die von Hans Filbinger, Ministerpräsident aus Freiburg, deren Sperrfrist in sechs Jahren abläuft; die Sammlung des Fotojournalisten Willy Pragher; der Nachlass des südbadischen Staatspräsidenten Leo Wohleb und der Peter Baudendistels.
Der Filmemacher aus St. Peter war renommiert, führte aber auch die Kamera bei "Gina Wildkatze", einem Film einer Freiburger Nachtclub-Chefin über einen Nachtclub und seine Chefin von 1974, der nicht brillierte. Aber, erzählt Hochstuhl, zur Premiere wurde Maria Schell eingeflogen. Ein Star in Freiburg. Glamour in der Schatzkiste an der Colombistraße.
Freiburger Archive in Zahlen
Staatsarchiv: Hat 16 Regalkilometer voller Dokumente, ein Regalmeter entspricht 2200 Blatt Papier. 1055 Nutzer kommen im Jahr vorbei, dazu erteilt das Archiv 1200 schriftliche Auskünfte, die telefonischen zählte es nicht. Das Archiv hat sechs Mitarbeiter auf fünf Stellen, dazu kommen sieben Mitarbeiter, die mit Drittmitteln für Projekte oder dem Arbeitsamt finanziert werden. Ein Teil der Archivalien zeigt es im Internet, mehr Infos unter http://www.landesarchiv-bw.de/staf
Stadtarchiv: Das Stadtarchiv ist fast so alt wie die Stadt. Platz ist für 5,5 Regalkilometer, jedes Jahr kommen 30 Meter hinzu, sagt Leiter Dieter Ecker. Die Dokumente der Stadtverwaltung reichen von der Urkunde, mit der Kaiser Karl IV. 1357 das Stadtrecht bestätigte, bis zum Nachlass der Bürgerinitiative gegen den Bau der B 31 Ost, zudem gibt es Bücher. Jeden Tag sitzen etwa zehn Leute im Lesesaal, dazu kommen schriftliche Anfragen. Mehr Infos unter http://www.freiburg.de
Uni-Archiv: Das Universitätsarchiv, erstmals im 15. Jahrhundert erwähnt, ist auf fünf Standorte verteilt (Büro Werthmannstraße 14). Das Archiv unter Leitung von Dieter Speck dient Forschung und Lehre, auch Externe können es nutzen. Das Archivgut (sechs Kilometer) besteht aus Unterlagen der Uni-Einrichtungen und Nachlässen wie Dokumenten von Professoren, die sich im "Freiburger Kreis" gegen das Nazi-Regime gestellt hatten. Mehr Infos unter
http://www.uniarchiv.uni-freiburg.de
Autor: sh
Autor: Simone Höhl


