Rüstungsgegner Jürgen Grässlin bei "Nachgefragt"

Ein glücklicher Pazifist

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Sa, 26. März 2016

Freiburg

Der Rüstungsgegner Jürgen Grässlin bei der Talkshow "Nachgefragt" am Rotteck-Gymnasium.

Klatschen? Zu gewalttätig für einen Pazifisten. Als Lisa Heinrich (17) und Manuel Quinten (16) am Mittwochabend ihren Gast Jürgen Grässlin (58) in der Talkshow "Nachgefragt" am Rotteck-Gymnasium empfingen, gingen die Hände in die Luft und drehten sich hin und her, dazu gab’s leises Johlen. Jürgen Grässlin machte mit – spontan, schlagfertig, gutgelaunt. Das blieb so zwei Stunden lang, in denen er kaum zu stoppen war. Dem Publikum gefiel’s: Auch zwischendrin gab’s spontanen Applaus.

Er erzählt und erzählt und erzählt. Und sprüht vor Energie. Keine Frage: Jürgen Grässlin könnte noch lange weitermachen. Vor halb zwei nachts gehe er ohnehin nie ins Bett, sagt der Mann, den die "Zeit" als "Deutschlands bekanntesten Rüstungsgegner" bezeichnet hat – um sechs Uhr stehe er wieder auf.

Er kokettiert gern damit, dass ihm vier Stunden Schlaf genügen. Irgendwie muss er ja auch erklären, wie er neben seinem Vollzeit-Lehrerjob an der Lessing-Realschule all das schafft, was ihn prominent macht: Die Reisen in Kriegsgebiete, die aufwändigen Recherchen, die vielen Bücher, mit denen er seine Gegner in der Rüstungsindustrie immer wieder attackiert. Dazu kommen unzählige politische Aktionen – zum Beispiel im von ihm gegründeten "Rüstungsinformationsbüro", als Bundessprecher der "Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen", bei den Kritischen Aktionären oder mit der "Aktion Aufschrei", die den Opfern des Waffenhandels eine Stimme gibt.

Jürgen Grässlin hat von Hunderten ihre "immer gleich furchtbaren Geschichten" gehört, er erzählt, wie er sich mit Fotos von Waffen des Oberndorfer Rüstungsunternehmens "Heckler und Koch" auf kurdische Dorfplätze stellte und umringt wurde von Menschen. Sie hätten auf die abgebildeten G3-Gewehre gezeigt, die ihre Mutter getötet oder ihrem Bruder den Arm abgerissen hätten.

Er hat früh gewusst, was er will. Als Lehrer und als Aktivist

Irgendwann seien sie dann meist wütend geworden: Auf ihn als Deutschen. Auf ihn als Bürger einer Regierung, die aus seiner Sicht immer noch mehr Unheil anrichtet, ihre Waffenlieferungen seit 2013 vervierfacht und mitgeholfen habe, den IS "bis unter die Zähne zu bewaffnen". Es sei eine gefährliche Illusion, dass es "gute" Waffenlieferungen gebe: "Waffen wandern." Wenn Waffen zur Bekämpfung des IS geliefert würden, landeten sie irgendwann auf der Gegnerseite. "Aber was kann man tun gegen den IS?", will Lisa Heinrich von ihm wissen. "Ausbluten lassen", rät Jürgen Grässlin – Geld-, Öl- und Waffenströme stoppen. Um Antworten ist er nie verlegen, das junge Moderatorenpaar und das Publikum sind beeindruckt, vielleicht auch etwas erschlagen angesichts der Infofülle, die sich vor ihnen ausbreitet. Die verbindet Grässlin bisweilen unterhaltsam mit Anekdoten aus seinem Leben, zum Beispiel als er erzählt, wie ihn die Bundeswehr einst zum Pazifisten machte: Damals hätte er das Schießen wahrscheinlich mal ausprobiert, sagt er – doch dann sah er, dass er auf menschliche Silhouetten mit asiatischen Gesichtszügen hätte zielen müssen. Da machte er nicht mit.

Während Jürgen Grässlin mit Lisa Heinrich und Manuel Quinten an der "Anfassbar" steht und seinen geliebten Whisky trinkt, ertastet er in den vorbereiteten Säckchen Dinge, die symbolisch stehen für sein Leben: eine Armbanduhr und zwei ineinander verwobene Ringe.

Das mit der Uhr ist klar: Er nutzt jede Minute. Wie das gelingt? "Man muss sich Lebensziele setzen." Er hat früh gewusst, was er will: In seinem Beruf als Lehrer, der seine "Berufung" sei. Und als Aktivist gegen die Rüstungsindustrie. Zweifel scheint er nicht zu kennen – er ist einer, der es nicht naiv findet, dafür einzutreten, die Welt besser zu machen.

Die Ringe stehen für die lange Ehe mit der Frau, die er als Schüler am Kepler-Gymnasium kennenlernte und die seine erste Freundin war, bevor die beiden 1979 heirateten. Grässlin hat zwei Kinder, drei Enkel und "ein schönes Leben" und betont gern, ein glücklicher Mensch zu sein.