Ein Hort des Widerstands

Hans Sigmund

Von Hans Sigmund

Mo, 02. Januar 2012

Freiburg

WIEDERSEHEN! Im fast 120 Jahre alten Pfarrhaus der Christuskirche in der Wiehre trafen sich Gegner der Nazidiktatur.

MITTELWIEHRE. Die erste evangelische Stadtkirche, die Ludwigskirche, wurde 1838 in der Nordstadt Freiburg gebaut. Ihr folgte im Jahre 1891 in der Südstadt die Christuskirche, die an der Kreuzung von Zasius- und Turnseestraße errichtet wurde.

Hier befand sich ein großes unbebautes Gelände, das nicht nur Platz für die Kirche bot, sondern auch ein Pfarrhaus war dort in der Planung. Dieses wurde 1892/93 an der neu geschaffenen Maienstraße durch den Freiburger Architekten Martin Reiher gebaut. Es erwies sich allerdings für die schnell wachsende protestantische Gemeinde ihre Belange bald zu klein, sodass bereits vier Jahre später im weiteren Straßenbogen (heute Nr. 2) durch die Architektensozietät Walther und Jacobsen ein größeres Gebäude erstellt wurde. Es war im damals sehr beliebten späthistoristischen Stil gestaltet. Die am Gebäude angebrachten Schmuckmedaillons zeigen bekannte Reformatoren.

In diesem fast 120 Jahre alten Gebäude wurde nicht nur lokale, sondern auch überregionale Geschichte geschrieben. Hier hat sich unter anderem zwischen 1935 und 1945 der "Freiburger Kreis" als professoraler Widerstand gegen die Nazidiktatur immer wieder heimlich getroffen. Persönlichkeiten wie Gerhard Ritter, Walter Eucken, Constantin von Dietze, Adolf Lampe und Pfarrer Hermann Weber sind heute noch ein Inbegriff als Gegner dieses menschenverachtenden Regimes. Sie gehörten damit auch zur Widerstandsgruppe um Dietrich Bonhoeffer und Carl von Goerdeler.

Frieder C. Schmitthenner, heute in der Dreisamstraße wohnend, war vor seinem Wechsel in die Wissenschaft und Pädagogik von 1965 bis 67 als Vikar an der Christuskirche tätig. Er erinnert sich noch sehr gut daran, wie nach dem Zweiten Weltkrieg Hildemargret Ritter, Tochter des Widerständlers Hermann Weber, dort den Arbeitskreis Behinderte an der Christuskirche (ABC) begründet und aufgebaut hat. Heute noch befindet sich diese Einrichtung in dem Gebäude, das heute ein großes und über Freiburg hinaus bekanntes und gesuchtes diakonisches Unternehmen geworden ist.

Dass jetzt die evangelische Stadtkirchengemeinde wegen knapper Kassen den oberen Teil des Gebäudes, das erste Obergeschoss und das Dachgeschoss, an Investoren verkaufen will, beschäftigt die Gemeindeglieder der Christuskirche stark. Sie haben jetzt einen "Verein der Freunde der Maienstraße 2" gegründet, der auf die Auswirkungen eines solchen Vorhabens hinweisen und finanzielle Alternativen zur Erhaltung des ganzen Hauses mitsamt seiner Geschichte und Nutzung für die Gemeinde aufweisen will.

Wer das Foto aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem heutigen vergleicht, wird zunächst feststellen, dass ein hoher Wiedererkennungsgrad besteht. Trotzdem hat sich einiges verändert. So sind die seinerzeit gepflanzten Mammutbäume riesengroß geworden. Die klassizistische Balustrade am relativ flachen Dach wurde irgendwann durch eine Mauer und die gleichartige Balustrade am mittleren Balkon durch ein Eisengeländer ersetzt. Die beiden Blautannen im Vorgarten fehlen inzwischen ganz. Die doppelten Portale und das Eingangsgitter links samt Vordach am Eingang und Aufgang zur Pfarrwohnung sind bisher erhalten geblieben. Im hinteren Winkel zur "Turnseeschule hat man inzwischen auch einen neuen Gemeindesaal angebaut. Dieser Saal mit dem Erdgeschoss soll der Christusgemeinde erhalten bleiben, alles andere wird sich in den nächsten Monaten entscheiden.