Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
24. Juli 2009
Eine Kundgebung mit persönlichen Folgen
Milad Rezvani, fast 25, ist der jüngste Engagierte im Freiburger Aktionsbündnis "Solidarität mit der Demokratiebewegung im Iran".
Er hat sich gut überlegt, was er tut. Milad Rezvani, fast 25, ist der jüngste Organisator der Kundgebung für die Demokratiebewegung im Iran, die das politisch unabhängige Freiburger Aktionsbündnis "Solidarität mit der Demokratiebewegung im Iran" für heute Abend, Freitag organisiert hat. Diese Veranstaltung, an der voraussichtlich auch Vertreter der SPD, der Linken und die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae teilnehmen werden, ist eine von vielen Aktionen weltweit an diesem Wochenende.
Eine Demo organisieren – das ist für viele in seinem Alter völlig selbstverständlich. Doch dass Milad Rezvani sich engagiert und mit seinem Namen an die Öffentlichkeit tritt, ist etwas Besonderes. Längst nicht nur, weil er zurzeit eigentlich ununterbrochen am Schreibtisch sitzen müsste. Er studiert im zehnten Semester Medizin – und in der kommenden Woche stehen seine drei letzten Klausuren an. Milad Rezvani will Kinderarzt oder Kinderchirurg werden. Viel schwerwiegender als der Prüfungsstress aber ist, dass sein derzeitiges Engagement Folgen hat: Vermutlich wird er einige Jahre nicht mehr in den Iran reisen können. Zwar ist das kein Drama, er hat die deutsche Staatsbürgerschaft, hat den Iran als einjähriges Kind verlassen, seine Heimat ist ganz klar Deutschland. Aber seine Eltern stammen aus dem Iran. Er erzählt nichts über sie, aus Sorge, sie zu gefährden.
Werbung
Und er mag die persische Kultur und die Menschen, hat es immer genossen, dort Gast zu sein und sich dabei bis vor kurzem "absolut nicht mit Politik befasst". Und jetzt? Jetzt seien viele Iraner so wie er aus einer Resignation erwacht, sagt Milad Rezvani. Bis vor kurzem habe er das Ausmaß der Diktatur im Iran nicht geahnt. Natürlich hätten sich viele, wie auch er, für den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad geschämt. Trotzdem hätten alle "eine Art Winterschlaf gehalten".
Für Milad Rezvani war’s damit "nach dem absoluten Schock" bei der Verkündung der Wahlergebnisse vorbei.
Da ging er zur ersten Demo von Iranern in Freiburg, von denen er nur einzelne zufällig kannte: "Ich suche mir meine Freund ja nicht nach der Nationalität aus". Er hatte eine selbst geschriebene Rede dabei. Und wurde schnell Teil des derzeit zehnköpfigen Organisationsteams, das großen Wert auf seine parteipolitische Neutralität legt. Alle verbindet, dass sie daran glauben, dass der Iran seinen eigenen Weg zu einem demokratischen System finden muss, keinen vom Westen vorgebenen. Das heißt zum Beispiel, dass der Islam nicht von heute auf morgen keine Rolle mehr spielen wird. Diese Haltung hat die Mehrheit der Iraner, sagt Milad Rezvani – im Iran und außerhalb.Dass es so viele sind, die plötzlich aktiv geworden sind, begeistert ihn. Das Gefühl, sich an einer historischen Umwälzung zu beteiligen, gibt ihm Sicherheit, dass alles richtig ist, wie er es macht. Weil die Menschen im Iran Solidarität brauchen. Und weil ihm wichtig ist zu zeigen, wie auch die deutsche Gesellschaft Verantwortung an der Unterdrückung der iranischen Opposition trägt: Die Unternehmen Nokia und Siemens haben der iranischen Regierung Monitoringsysteme geschickt, mit denen Kritiker ausfindig gemacht werden, sagt Milad Rezvani, auch Folterinstrumente wie Elektroschocker stammen von deutschen Firmen.
Autor: Anja Bochtler
