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30. Dezember 2009
Pädagogik
Eine Schule der Ruhe
Die Maria Montessori-Schule war 1996 die erste inklusive Grundschule, die Kinder nicht einteilt in behindert und nicht behindert.
Diese Schule ist anders. Allein schon dieses Schild an der türkisfarbenen Eingangstür zur Günterstalstraße 72: "Herzlich willkommen". Gemächlich trudeln die Kinder ein. Kein hektisches Gerenne, um pünktlich zu kommen. In der Maria Montessori-Schule nämlich geht’s morgens zwischen 7.45 und 8.30 Uhr mit Gleitzeit los. Zwei Jungen betrachten in der Leseecke zusammen ein Buch. Ein Mädchen trällert, während es sich die Schuhe auszieht, ein Lied vom Nikolaus. In aller Ruhe verteilen sich die Kinder auf die drei Familien-Klassen, beginnen mit ihrer Freiarbeit. Im "Grünen Zimmer" rechnen Joey und Tara Nachbar-Zehner und -Hunderter. Neben ihnen malt Clara. Konrad schreibt am PC die Geschichte vom Nikolaus auf Weltallreise. Derweil haben Simon und Timon im Flur eine Art Apotheke aufgebaut. Mit bunten Kügelchen, Glasröhrchen und einem Lochbrett. Das alles hilft ihnen, zum Beispiel 8765 durch 5 zu teilen. Und ganz nebenbei üben sie ihre Fingerfertigkeit. Neben manchen Kindern sitzen Lehrerinnen, zur Unterstützung. Trotz der 66 Kinder, die ständig in Bewegung sind, erfüllt eine große Ruhe die alte Jugendstil-Villa.
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ist eine Pädagogik
der Vielfalt."
Sabine Eden
In der winzigen Küche kneten sechs Mädchen und Jungen hellen und dunklen Teig. Stechen Sterne, Tannenbäume, Kometen aus. Verzieren sie mit bunten Streuseln. Bald durchzieht der Duft nach Weihnachtsbrötle die alte Villa. Andrea von Lengbusch engagiert sich an diesem Vormittag als Mutter. Wie die anderen Eltern es auch immer wieder tun. Indem sie Lernmaterial herstellen. Oder Arbeitsgemeinschaften (Schach, Englisch, Klettern, Malen, Chor, Orchester) anbieten. Unter einem gelb-goldenen Baldachin in der Vorlese-Ecke des Untergeschosses liest eine "Lese-Mutter" vor. Nebenan ist gerade der "Blitzrechen-Vater" am Werk.
"Wir haben viele Eltern, die mitmachen", sagt Sabine Tripp. Einige hospitieren auch eine Zeitlang und lernen so, die Pädagogik Maria Montessoris besser zu verstehen. "Das schafft eine andere Grundlage, miteinander umzugehen."
Im "Roten Zimmer", das gleichzeitig Lehrerinnen-Zimmer ist, übt die Praktikantin Theresa Etges mit acht Kindern, sich mit Gebärden zu verständigen. Während Annika im selben Raum bei Google Bilder von Fledermäusen sucht. Neben ihr löst Olivia an einem anderen PC spielend Rechen-Aufgaben. Unterdessen präsentiert Im "Gelben Zimmer" Felix der Familien-Klasse sein Referat über Leonardo da Vinci. Bis um 9.44 Uhr Violin-Musik erklingt und die Freiarbeit beendet. Alle Kinder versammeln sich zum Plenum. Sabine Tripp fragt, wer heute die Gesprächsleitung übernehmen will. Die Wahl fällt auf Joey. "Hat noch jemand etwas zu sagen?" Zwei, drei Wortmeldungen. Sabine Tripp bedankt sich bei Joey. Dann führen die Kinder aus der Gebärden-Gruppe – David vorweg, der zuvor als "Sprecher" erkoren worden ist – vor, was sie gerade gelernt haben. Alle machen die Gebärden nach. Nach einer kleinen Vorstellung des Socken-Theaters schickt die Lehrerin die Kinder zum Frühstücken – nicht mit Worten, sondern in der Gebärdensprache.
Die Pause beginnt. Kein Gerenne. Kein Geschrei. Es geht sehr ruhig zu. "Diese ungewöhnliche Ruhe lernen schon die Erstklässler und Erstklässlerinnen von den Älteren", erklärt Lehrerin Sonja Sarvas. Konrad liest sich in der Leseecke selbst aus einem Buch vor, schmunzelnd. Draußen im kleinen Garten kochen zwei Mädchen mit Steinen und Blättern.
Keimzelle der Maria Montessori-Schule war der Maria Montessori-Kindergarten in der Beethovenstraße 8. "Weil Eltern das Miteinander von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf haben wollten", erzählt Mitbegründerin Irmengard Nübel, begann nach zähem Ringen mit den Schul-Behörden die inklusive Grundschule 1996 mit dem Unterricht. Als erste in Freiburg. Seit 2000 ist sie staatlich anerkannt. Seither hat sich die Schule weiterentwickelt. "Heute würde Maria Montessori sehen, dass Individualisierung nicht zu Einzelkämpfern führen darf", sagt Sabine Tripp. Deshalb beginnt der Unterricht zwar täglich mit der Freiarbeit und damit der individuellen Förderung. "Wichtig sind aber auch Teamfähigkeit und soziale Kompetenz." Deshalb geht’s nach der Pause weiter mit dem Lernen in Altersgruppen.
Um 10.45 Uhr beginnt an diesem Morgen der Fachunterricht für die vierte Klasse im "Gelben Zimmer". Lehrerin Barbara Ewe bastelt mit den Mädchen und Jungen ein Lege-Spiel samt Schachtel zum Aufbewahren. Aus der Bastelei wird rasch eine Mathematik-Stunde. Quadrate, Rechtecke, Quader, Flächen, Ecken, Kanten, Symmetrie-Achse, Dreiecke, gleichschenklig, rechtwinklig, Parallelen. Jede Kleingruppe hat ein Kind als Anleiter oder Anleiterin. "Krieg ich mal deinen Klebestift, bitte?" "Klar!" "Merci beaucoup!" Die Kinder helfen sich gegenseitig beim Falten. Simon ist als erster fertig, zeigt den anderen, was er geschafft hat. In der sechsten Stunde (die wie alle anderen keine Klingel einläutet) bis 13 Uhr stellen alle eigenhändig ihre Lege-Spiele fertig.
"Natürlich haben wir die Idee, eine weiterführende Schule wachsen zu lassen", sagt Sabine Tripp. Denn seit es die Maria Montessori-Schule gibt, gibt es auch den Wunsch, sie als inklusive Schule weiterzuführen. Sabine Eden: "Sie wäre die konsequente Fortsetzung einer individuellen Unterstützung." Gedacht ist an eine Realschule. "Da könnten wir alle übernehmen." Die Evangelische Schulstiftung der Badischen Landeskirche hat sich als Patin angeboten. Geeignete Lehrerinnen sind auch gefunden. Jetzt fehlt noch ein passendes, möglichst barrierefreies Gebäude. Am liebsten in der Wiehre, in der die Hälfte der Schülerinnen und Schüler wohnt. Und nun kommt es wieder auf die Schul-Behörden an. "Wir hoffen auf eine Sonderlösung wie bei der Schulgründung", wünscht sich Irmengard Nübel. Denn, meint Sabine Tripp: "Wir stellen uns vor, dass es zum nächsten Schuljahr klappt – um diese Vielfalt, die sich um jedes einzelne Kind kümmert, weiter erlebbar zu machen."
Maria Montessori (1870-1952) war eine italienische Ärztin und Reformpädagogin, die mit geistig behinderten und Kindern aus sozial benachteiligten Familien arbeitete. Schlüssel zu ihrer Pädagogik ist der Satz: "Hilf mir, es selbst zu tun." Das Kernstück dieser Bildung, die jedes Kind in seiner je eigenen Persönlichkeit achtet und ihm Gelegenheit gibt, neugierig zu sein, ist die Freiarbeit: Die Kinder entscheiden selbst, womit sie sich wann beschäftigen, und werden beim Lernen begleitet. In der 1996 gegründeten Freiburger Maria Montessori-Schule mit 66 Plätzen arbeiten sieben Grundschul-Lehrerinnen, eine Sonder-, eine Heilpädagogin und eine Studentin der Heilpädagogik im Praktikum. Einen Mann gibt es auch – er ist fürs Sekretariat zuständig. Etwa zehn Prozent der Mädchen und Jungen bedürfen einer sonderpädagogischen Förderung. Träger der Maria Montessori-Schule ist der gleichnamige gemeinnützige Verein. Kontakt: Telefon 0761/707 9771; im Internet auf der Seite http://www.montessori-schule-freiburg.de
Autor: Gerhard M. Kirk und Thomas Kunz (Fotos)


