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26. Juni 2010

Eingesperrt, entmannt, getötet

BZ-INTERVIEW mit dem Historiker William Schaefer über die Verfolgung schwuler Männer im nationalsozialistischen Freiburg.

  1. Foto: Thomas Kunz

  2. William Schaefer Foto: schneider/kunz/ akg

Es war im Jahr 1935, als die Nationalsozialisten Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verschärften und sexuelle Beziehungen zwischen schwulen Männern unter Strafe stellten. Im Gesetz hieß es: "Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft." Der seit langem hier beheimatete US-Amerikaner William Schaefer hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit diesem Paragrafen und der Verfolgung homosexueller Männer durch die Nazis in Freiburg und der Region befasst. 2009 hat er seine Forschungsergebnisse auch publiziert.

BZ: Herr Schaefer, was hat Sie motiviert, auf diesem Gebiet zu forschen?
William Schaefer: Drei Dinge. Erstens habe ich mich immer für Geschichte interessiert, ich habe Geschichte auch im Nebenfach studiert. Zweitens war das Ziel der Nazis, diese Menschen auszulöschen – körperlich und auch aus der Erinnerung. Letzteres ist ihnen leider sehr gut gelungen, und ich gönne ihnen das nicht. Ich wollte diese Menschen aus der Versenkung holen und zeigen, was passiert ist im Dritten Reich, und zwar ganz konkret an Einzelschicksalen: Es gibt Fälle, die gut ausgegangen sind, und Fälle, die mit dem Tod endeten. Und drittens finde ich, dass die Menschen heute wach werden und sehen sollen, welche Bedrohungen es noch immer für Minderheiten in der Welt gibt.

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BZ: Warum haben die Nazis Homosexuelle verfolgt?
Schaefer: Die Nazis haben die Verfolgung Homosexueller nicht erfunden. Die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sind alle drei homosexuellenfeindlich. Die Nazis haben das aus ideologischen Gründen aufgegriffen und die Verfolgung ganz brutal betrieben. Für die Nazis war die Vermehrung der arischen Rasse extrem wichtig, und da Homosexuelle keine Kinder bekommen, wollten sie sie auslöschen. 1935 haben sie deshalb den existierenden Paragrafen 175 erheblich verschärft und begonnen, Homosexuelle zu verhaften und auch ins KZ zu werfen.

BZ: Wie viele Menschen wurden in Freiburg und der Region verurteilt?
Schaefer: Es ist schwierig, das herauszubekommen, es gibt keine Statistik für die Jahre 1933 bis 1945 für Südbaden. Es gab hier vier Landgerichte: Für Offenburg, Konstanz und Waldshut habe ich gar keine Zahlen, für das Landgericht Freiburg gibt es – allerdings nicht vollständig – Register für Hauptverfahren, aus denen man herauslesen kann, wie viele Menschen aufgrund von Paragraf 175 verurteilt wurden. Ich habe 114 Verurteilte für die Zeit von 1935 bis 1945 gefunden, wobei die Verurteilungen bei Kriegsbeginn nachließen. Nimmt man die fehlenden Register hinzu, kommt man auf etwa 180 Verurteilungen. Genau werden wir das aber nie erfahren. Viele Unterlagen sind im Krieg vernichtet worden, und die SS hat in Freiburg ihre Unterlagen komplett selbst vernichtet. Ich bin also auf die wenigen Prozessakten angewiesen. Darin findet man Biografien der Verurteilungen und erfährt en detail, was vorgefallen ist. Was nach dem Verbüßen der Strafe mit den Menschen passierte, erfährt man aber nicht. Ich habe noch bei den KZ-Gedenkstätten recherchiert, wobei die Quellen auch dort extrem lückenhaft sind.

BZ: Warum werden Homosexuelle als Opfergruppe weniger wahrgenommen?
Schaefer: Das Problem mit Paragraf 175 ist, dass er bis 1994 existierte. 1945 hörte die Verfolgung der Juden, der Sinti und Roma, der Sozialisten und Kommunisten auf, aber nicht die der Homosexuellen. Wer vor 1945 verurteilt wurde, musste seine Strafe nach Kriegsende zu Ende verbüßen. Auch in Freiburg wurde 1946 und 1947 geschaut, wer seine Strafe noch nicht verbüßt hat. Man hat versucht, diese Menschen zu finden – das geht aus Unterlagen hervor. Die Adenauer-Republik hat die Homosexuellen verfolgt, auch wenn sie natürlich nicht ins KZ gesteckt wurden. Fest steht: Es sind nach 1945 mehr Menschen verurteilt worden als vor 1945: In der NS-Zeit 53 000, und von 1945 bis 1969 – in jenem Jahr wurde der Paragraf 175 entschärft und homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen legal – etwa 60 000 Menschen.
BZ: Wie sahen die Strafen in Freiburg aus?
Schaefer: Gut die Hälfte der Verurteilten haben Gefängnis unter einem Jahr bekommen, ganz wenige drei Jahre und mehr. In Freiburg gab es nachweisbar nur in elf Fällen Zuchthaus. Die Gefahr war nicht die Strafverfolgung durch das Gericht, sondern was danach kam: Die Menschen wurden nach Verbüßen der Strafe nicht einfach entlassen, sondern Kripo oder Gestapo überprüften, was mit ihnen weiter passiert. Erich Mäder, für den es einen Stolperstein in der Jahnstraße gibt, hat zehn Monate Gefängnis bekommen, aber er wurde danach nicht entlassen, sondern kam in Sicherungsverwahrung in die KZs von Dachau und Ravensbrück – ein Jahr nach der Verurteilung war er tot [vom Landgericht Freiburg zu einer zehnmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, wurde der Freiburger Kaufmann Erich Mäder am 17. Mai 1941 36-jährig im KZ Ravensbrück ermordet, die Red.]. Wer verurteilt wurde, kam in die Kartei der Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung, die die Nazis 1936 per Geheimerlass eingerichtet haben. Es gab auch Kastrationen, die man "freiwillige Entmannung" nannte. Aber was heißt hier freiwillig: Die Männer hatten die Wahl, zu unterschreiben und sich kastrieren zu lassen, oder sie kamen ins KZ [zirka 5000 bis 6000, die Red.], wo die Kastrationen nicht "freiwillig" waren: In Buchenwald wurden über die Hälfte der homosexuellen Häftlinge kastriert. In Südbaden gab es nachweislich ein Todesurteil.

BZ: Viele erlitten einen Ehrverlust...
Schaefer: Wer seine Ehre verlor, der war ausgegrenzt aus der "Volksgemeinschaft" und in der Gefahr, nicht entlassen zu werden, sondern im KZ zu landen. Man verlor das aktive und passive Wahlrecht und sämtliche akademische Titel und militärischen Ränge. Ich habe in den Unterlagen den Fall eines Mannes gefunden, dem in Freiburg sein Doktortitel aufgrund der Verurteilung wegen Paragraf 175 aberkannt wurde. Er hat nach dem Krieg in Freiburg vergeblich versucht, seinen Titel wieder zu bekommen.

BZ: Wurden in Freiburg Homosexuelle genauso verfolgt wie anderswo oder gab es hier eine gewisse Milde?
Schaefer: Nein, es lief hier genauso ab wie überall in Deutschland. Aber natürlich kann man Südbaden zahlenmäßig nicht mit Berlin oder Hamburg vergleichen, wo es vor dem Krieg eine große Schwulenszene gab.

ZUR PERSON: WILLIAM SCHAEFER

William Schaefer, 71, stammt aus dem US-Bundesstaat Connecticut. Er studierte in den 1960er Jahren auch in Freiburg und lebt seit mittlerweile 43 Jahren in Deutschland. Er arbeitete als Englisch- und Religionslehrer an der Edith-Stein-Schule und ist mittlerweile Pensionär. Schaefer hat unter anderem auch Geschichte studiert und forscht seit zehn Jahren zum Thema "Verfolgung homosexueller Männer in Südbaden in der NS-Zeit". 2009 veröffentlichte er seine Ergebnisse in der Zeitschrift "Schau-ins-Land" des Breisgau-Geschichtsvereins.  

Autor: fz

Autor: Frank Zimmermann