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08. August 2008
Immer wieder Flagge zeigen
Der Rickenbacher Michael Herzog ist seit 30 Jahren Arbeitnehmerseelsorger.
RICKENBACH. Michael Herzog ist ein freundlicher Mensch. Doch es gibt Momente, da verschwindet sein Lächeln im eisgrauen Bart und sein Blick wird hart. Dann sagt er Sätze wie: "Die Leute sollen mehr arbeiten für weniger Geld, das kann’s nicht sein. Der Mensch wird zum Kostenfaktor degradiert." In seiner Stimme schwingt Empörung. Als Referent für Arbeitnehmerseelsorge setzt sich der Rickenbacher für die Belange abhängig Beschäftigter ein.
Arbeit kann schwer auf der Seele lasten. Ein vergiftetes Betriebsklima, Angst um den Arbeitsplatz, Leistung ohne Wertschätzung, immer höhere Anforderungen und das Gefühl, allem ausgeliefert zu sein, ohne daran etwas ändern zu können, quälen viele Arbeitnehmer. "Der Krankenstand sinkt seit Jahren, während psychische Störungen zunehmen", sagt Michael Herzog. In seinem Büro im Gebäude der katholischen Regionalstelle an der Eisenbahnstraße in Waldshut, bezieht er eindeutig Position: "Die Arbeitnehmerseelsorge steht auf der Seite der abhängig Beschäftigten, die keine Lobby haben." Deshalb sucht er den Kontakt zu den Betriebsräten und bietet Unterstützung an. Im Juni ging er gemeinsam mit der Gewerkschaft IG BCE für höhere Löhne bei der Vita Zahnfabrik in Bad Säckingen auf die Straße.Werbung
Flagge zeigen ist für Herzog wichtig. "Die Menschen sollen sehen, dass die Kirche sie nicht im Stich lässt." Wenn es nach ihm ginge, würde die historisch gewachsene Kluft zwischen Kirche und Arbeitswelt längst der Vergangenheit angehören. Um die Situation der Arbeitnehmer ins kirchliche Gemeindeleben zu tragen, konfrontiert er die Kirchengemeinden mit den Sorgen und Nöten seiner Klientel. Deshalb lädt er Pfarrer und pastoral hauptamtlich Tätige zu Besuchen in die Betriebe ein, sofern sie dort willkommen sind.
Andererseits sind im Büro von Michael Herzog, das gleichzeitig auch das Bezirkssekretariat der katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) ist, alle willkommen, egal ob Christ, Muslim oder Atheist. Darunter sind Leute, die unter Schikanen ihrer Kollegen oder ihrer Vorgesetzten leiden. Ihnen bietet Herzog außer einem Gespräch auch die offene Mobbing-Selbsthilfegruppe an, die sich an jedem ersten Dienstag im Monat von 19 bis 21 Uhr im katholischen Gemeindehaus in Waldshut trifft. Herzog leitet Seminare, organisiert Schulungen oder "Oasentage" für Betriebs- und Personalräte. "Auch sie sind so etwas wie Seelsorger und brauchen eine Auszeit zum Kraft tanken", sagt Herzog und lächelt verständnisvoll. Er selbst wappnet sich mit bissigem Humor: "Personalführung ist: Die Beschäftigten so schnell über den Tisch zu ziehen, dass sie die Reibungshitze als Nestwärme empfinden", steht an der Wand hinter seinem Schreibtisch.
Seit 30 Jahren ist er Arbeitnehmerseelsorger. Nach seiner Lehre als Elektroinstallateur folgte ein kurzes Gastspiel als Betriebselektriker beim Schluchseewerk, bis er in Singen seine erste Stelle bei der KAB antrat. Eine Aufgabe in der Kirche erschien ihm sinnvoller, nachdem er schon als 14-Jähriger Mitglied in der katholischen Landjugendbewegung in Rickenbach wurde und es dort bis zum Regionalsprecher brachte. 1982 kam er nach Waldshut, zog wieder nach Rickenbach, wo er mit vier Geschwistern aufgewachsen war, bildete sich zum Sozialsekretär weiter und ist seit acht Jahren als Referent für Arbeitnehmerseelsorge im Auftrag der Erzdiözese Freiburg für die Region Hochrhein zuständig, die sich von Lörrach bis in den östlichsten Zipfel des Landkreises Waldshut erstreckt.
Der Vater von drei erwachsenen Söhnen weiß, wie hoch die Anforderungen sind, um heute im Beruf bestehen zu können. "Wenn die Leute ihre Arbeit nicht gut machen würden, wären wir nicht Exportweltmeister", sagt er und seine Augen blitzen wieder gefährlich. "Was fehlt, ist die Wertschätzung dieser Leistung durch die Unternehmen." Um diese möchte er auch in Zukunft kämpfen.
Autor: Christiane Weishaupt
