Leute in der Stadt

Erasmusstudentin sprayt Bibelverse in Freiburgs Unterführungen

Jennifer Reyes

Von Jennifer Reyes

Di, 13. Februar 2018

Freiburg

Anna M. aus Warschau sprayt göttliche Botschaften in Form von Bibelversen in Freiburgs Unterführungen. Über die Graffiti zeigt sie ihren Glauben zu Gott.

FREIBURG. Wer den zahlreichen Graffiti der Unterführungen an Haltestellen in Freiburg einen genaueren Blick schenkt, kann neben großen, leuchtenden Buchstabenelementen auch göttliche Botschaften in Form von Bibelversen entdecken. Diese Botschaften stammen von der 33-jährigen Studentin Anna M. aus Warschau in Polen, die ihren Nachnamen nicht genannt haben möchte. Über die Graffiti zeigt sie ihren Glauben zu Gott. Dabei soll die Ehre – der Fame, wie er in der Graffiti-Szene genannt wird – Gott und nicht ihr als Künstlerin gelten.

Für ein Graffiti in solcher Größenordnung wie an der Unterführung am Runzmattenweg braucht Anna M. zwischen vier bis sechs Stunden. Sie beginnt mit dem Umriss, schraffiert den Hintergrund und füllt dann die noch leeren Buchstaben mit glänzender, silberner Farbe. Seit Oktober 2017 studiert die Polin über das Erasmus-Austauschprogramm an der Evangelischen Hochschule in Freiburg Soziale Arbeit.

Mit dem Stadtplan "Hall of Fame Freiburg" findet sie legale Plätze für ihre Graffiti. Beim Erstellen von jedem Graffiti kommt das für sie Wichtigste immer zum Schluss – der Bibelvers. Anna M. ist wie die meisten Polen katholisch aufgewachsen. "Ich hielt mich immer für eine gläubige Person und ging am Sonntag in die Kirche", erzählt sie. Aber ihr Leben widmete sie Gott nicht: "Mein ganzes Leben war dem Graffiti untergeordnet." Die tiefe Verbindung zu Gott entdeckte sie erst später über ihre Leidenschaft für Graffiti.

Schon als Jugendliche zeichnete Anna M. sehr viel und begann mit 15 Jahren, sich für Graffiti zu interessieren. Doch ein schlimmes Ereignis in ihrer Jugend unterbrach zunächst ihre künstlerische Entwicklung: Sie überquerte bei roter Ampel eine Straße in Warschau, wurde von einem Auto erfasst und und unter einen Bus geschleudert. Schwer verletzt lag Anna M. sechs Wochen im Koma. Sie überlebte, doch die Rückkehr in den Alltag war nicht so einfach. Anna M. fing wieder bei Null an: "Nach dem Unfall musste ich alles nochmal lernen. Sprechen, gehen und auch das Zeichnen. Mit 15 malte ich wieder wie ein Kleinkind mit vier."

Doch Anna M. verwarf die Liebe zum Graffiti nie. Während ihres Germanistikstudiums in Polen begann sie, regelmäßig Graffiti zu sprühen. Aus dieser Begeisterung heraus verfasste sie auch ihre Masterarbeit zu diesem Thema und schrieb über "Sprache und Bild in Graffiti". Die Begegnung mit einem Graffiti-Sprayer aus Warschau war es auch, die ihren Glauben zu Gott neu prägte. Sie hat sich bekehrt – hin zu einem Leben mit Gott. Anna M. liest heute intensiv die Bibel und blickt anders auf ihr Leben zurück. Der Unfall damals und ihr Überleben erscheint ihr wie ein Wunder, ein Geschenk Gottes.

Diese innere Wandlung ist auch in ihrem hebräischen Künstlernamen als Sprayerin – "Rahab" – sichtbar. Rahab ist eine der Frauen, die im Stammbaum von Jesus Christus genannt werden. Sie wird in der Bibel als Ehebrecherin und Sünderin beschrieben. In der Schlacht um Jericho versteckte sie zwei israelitische Spione in ihrem Haus und rettete ihnen so das Leben. Rahab hatte sich bekehrt. "Sie wurde errettet, so wie ich auch", sagt Anna M. Deshalb stellt sich Anna M. als Künstlerin bewusst in den Schatten Gottes: "Mir geht es nicht um meinen Fame, sondern um den Fame Gottes."