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18. Oktober 2010
Erinnerung an bedrückende Szenen
Wenige der jüdischen Bürger, die vor 70 Jahren aus ganz Baden nach Gurs deportiert wurden, haben überlebt – einer von ihnen ist Ernst Rapp.
Warum hat sich Ernst Rapp 2007 mit 71 Jahren entschieden, nach Freiburg zu ziehen? Wieso hat er sich nach Jahrzehnten in Frankreich, Israel und Mexiko Deutschland angenähert, dem Land, aus dem er als vierjähriges Kind vertrieben wurde? Damals war er aus Weinheim bei Mannheim ins Lager Gurs deportiert worden. Ernst Rapp gibt auf solche Fragen eine schlichte Antwort: "Ich wollte Deutsch lernen, um die Briefe meiner Mutter lesen zu können." Die Briefe, die seine Mutter seiner Schwester aus Gurs nach Palästina schickte.
Von den vier deutschen Jahren von Ernst Rapps Kindheit ist fast nichts mehr da. Seine Muttersprache? Er hatte sie vergessen, bis er sie wieder neu lernte. Die Erinnerung an seine Eltern? Fast alles weg. Nur Bruchstücke sind Ernst Rapp geblieben, die aber sind eindrücklich. Szenen wie das Bild vom Koffer seiner Eltern und ihre Hektik, als er mit vier Jahren aus dem Schlaf gerissen wurde – es war der 22. Oktober 1940. Alles musste schnell gehen, die Familie wurde nach Gurs deportiert: die Eltern, der kleine Ernst und die alte Großmutter, die nach sechs Wochen in Gurs starb.
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Glück hatte nur Ernst Rapps ältere Schwester, die kurz zuvor nach Palästina hatte ausreisen können. Was ist in Gurs mit dem vierjährigen Ernst passiert? 70 Jahre später erinnert er sich vage an ein großes Zimmer mit langen Tischen, wo es etwas zu essen gab, das seltsam schmeckte und Suppe genannt wurde.
Und daran, wie ihn seine Mutter am Arm nahm, um den von seiner Familie getrennten Vater zu "besuchen": Sie konnten nur kurz mit ihm sprechen, getrennt durch den Stacheldraht, der das Lager umgab und gliederte. Sehr schnell wurde Ernst Rapp im Lager krank. Mit einer Sondererlaubnis wurde er in einem Krankenhaus behandelt und operiert, danach musste er wieder zurück. Am 10. November 1941 holte ihn das Kinderhilfswerk "Œuvre de secours aux enfants" (OSE) aus dem Lager. Wie hat er sich von seiner Mutter verabschiedet? Ernst Rapp erinnert sich nicht. Alles, was er weiß, hat ihm später seine Schwester erzählt, oder er hat es selbst bei seinen Nachforschungen herausgefunden, die er vor 30 Jahren begann.
Von der OSE wurde er in ein jüdisches Kinderheim in Frankreich gebracht, dort lebte er ein Jahr lang. Eines Tages schickte der Direktor die Kinder zu einem Ausflug in den Wald, erzählt Ernst Rapp – und nun fällt es ihm schwer, weiter zu reden, er stockt manchmal, hat Tränen in den Augen. An jenem Tag nämlich kamen Polizisten ins Heim, doch sie fanden kaum Kinder. Der Direktor war von zwei Lehrerinnen gewarnt worden, die Kontakte zur Polizei hatten. Die sechs Kinder, die nicht beim Ausflug dabei waren, wurden nach Auschwitz gebracht und ermordet. Alle anderen kehrten nicht ins Heim zurück, sondern wurden in Familien versteckt. Der inzwischen sechsjährige Ernst lebte auf einem Bauernhof, den Nachbarn sagte man, er komme aus Straßburg. Nach zwei Jahren wurde er schon wieder herausgerissen – eine Organisation brachte ihn nach Toulouse, wo alle versteckten Kinder gesammelt wurden. Südfrankreich war befreit.
Dort fand ihn seine Schwester, die ihn von Palästina aus suchte. Sie kam nach Frankreich, nach neun Jahren Trennung begegneten sich die Geschwister zum ersten Mal. Ihre Eltern waren ermordet und sie hatten keine gemeinsame Sprache mehr: Die Schwester sprach Deutsch und Hebräisch, Ernst Rapp nur noch Französisch. Später ging er mit ihr ins frisch gegründete Israel, lebte dort, in Frankreich und Mexiko. Er wurde Ingenieur und Vater von drei Kindern, die, wie seine sechs Enkel, in Israel leben. Er aber zog mit seiner Frau vor drei Jahren nach Freiburg, das sie aus Urlauben kannten. "Man muss sich öffnen und verzeihen," sagt Ernst Rapp – in seiner Muttersprache.
70 Jahre danach
Zur Erinnerung an den 22. und 23. Oktober 1940 finden viele Veranstaltungen statt. Die jüdische Gemeinde lädt für den morgigen Dienstag zwischen 12 und 18 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Synagoge, Nussmannstraße 14, ein. Dort legen Schüler ab 15 Uhr Kieselsteine mit Namen der bekannten Opfer nieder. Um 18 Uhr beginnt ein Schweigemarsch zum Mahnmal an der Wiwili-Brücke, wo um 18.30 Uhr eine Gedenkveranstaltung beginnt. Danach findet ab 19.30 Uhr die städtische Gedenkveranstaltung im Historischen Kaufhaus am Münsterplatz statt. Der Historiker Hugo Ott, Autor des vergriffenen Buches "Laubhüttenfest", zeichnet das Leben von Therese Loewy nach. Es folgt ein Gespräch mit Renate Haberer-Krauss, die als Sechsjährige aus Freiburg deportiert wurde und nun in den USA lebt. Am Mittwoch, 20. Oktober, wird ab 19.30 Uhr das Ausstellungsprojekt "Deportation nach Gurs 1940 – Das Schicksal der Badener jüdischen Glaubens in der Nazi-Zeit" in der Katholischen Akademie, Wintererstraße 1, eröffnet. Bis 22. Dezember finden dort nach Anmeldung Zeitzeugengespräche für Jugendliche statt. Am Freitag, 22. Oktober, beginnt um 15 Uhr eine "Stolperstein"-Gedenkfeier in der Colmarer Straße 8. Informationen zu allen Veranstaltungen: Katholische Akademie, Tel. 0761/ 31918-0, http://www.gurs-projekt.de
Autor: anb
Autor: Anja Bochtler
