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04. Juni 2010 17:43 Uhr
Kommentar
Fall Zollitsch: Der falsche Adressat
Wenn es keine dicke Überraschung gibt, wird die Anzeige gegen Erzbischof Zollitsch bald bei den Akten landen: Der Vorwurf der Beihilfe zum Missbrauch ist eine Luftnummer. Etwas lernen lässt sich trotzdem daraus – für die Öffentlichkeit wie für die Kirche.
Selten wurde eine Anschuldigung so schnell aus der Welt geschafft wie die, der frühere Personalreferent Robert Zollitsch habe 1987 veranlasst, dass ein pädophiler Zisterzienserpater in Birnau ein zweites Mal angestellt wurde: Eine solche Anstellung hat es nicht gegeben. Die Erzdiözese war für das Birnauer Kloster auch gar nicht zuständig. Dass sie von den Vorwürfen erst 2006 erfahren haben will, ist ebenfalls glaubhaft: Die verantwortliche Abtei Wettinger-Mehrerau bei Bregenz übte sich lang im Vertuschen, das wird auch gegenüber der Erzdiözese gegolten haben. Der Orden ist Rom unterstellt und Freiburg nicht rechenschaftspflichtig.
All diese Dinge sind längst bekannt, auch dem Opfer, das nun Anzeige erstattet hat. Die BZ hat über seinen Fall am 22. April unter dem Pseudonym Peter P. berichtet. Warum bezichtigt Peter P. Robert Zollitsch der Beihilfe und nicht etwa den damals verantwortlichen Mehrerauer Abt? Es gibt vermutlich zwei Gründe.
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Der erste hängt mit der Position des Freiburger Erzbischofs zusammen. Peter P.s eigener Fall ist längst verjährt. Er vermutet aber, dass es jüngere gibt, deren Frist unter Umständen erst Ende 2010 abliefe. Gemeldet hat sich noch niemand, den Pater befragen kann man nicht – er ist abgetaucht. Die Anzeige gegen den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz trifft nun zwar den Falschen. Zusammen mit einer gezielten Information der Medien sorgt sie aber für Aufmerksamkeit. Das soll den Druck auf die Kirche erhöhen, das Ihre zur Suche beizutragen.
Dazu kommt Verbitterung. Bei seinen früheren Kontakten zum Ordinariat wurden Peter P. formal korrekte, aber über das Geschäftsmäßige kaum hinausgehende Antworten zuteil: Tut uns leid, nicht zuständig. Vielleicht waren die Mitarbeiter überlastet, vielleicht war P.s Tonfall undiplomatisch. Trotzdem müssen Ansprechpartner mehr sein als Beschwerdeverwalter, gerade wenn sie Seelsorger sind. Die Zisterzienser, die inzwischen einen neuen Abt haben, erlebt P. als hilfreich; das mag erklären, warum sie keinen vergleichbaren Tritt vors Schienbein erhielten. Dass es in Freiburg heute professionelle Hilfen gibt, kam für P. zu spät.
Der Fall Birnau zeigt: Routine reicht nicht im Umgang mit Menschen, die in ihrem Innersten verletzt wurden, ob man zuständig ist oder nicht. Kirche muss auch ertragen, dass Opfer ungerecht werden können. Nun hat das Ordinariat Zollitsch verteidigt, aber auf juristische Drohkulissen à la Mixa verzichtet – das war ein kluger, menschlicher Zug. Von der Öffentlichkeit dürfen indes auch Amtsträger Fairness erwarten. Der Verzicht auf Vorverurteilungen gehört dazu.
- Rückblick: "Die Vorwürfe sind haltlos" (4. Juni)
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Autor: Jens Schmitz
