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29. Dezember 2008 12:47 Uhr
Interview mit Comedian Florian Schroeder
Florian Schroeder: Das Studium der Karriere geopfert – vorerst
Seit 2003 blicken die Kabarettisten Volkmar Staub, 56, und Florian Schroeder, 29, zum Jahreswechsel auf das zu Ende gehende Jahr, mittlerweile bundesweit von Berlin bis Waldshut-Tiengen. Im BZ-Interview zieht Comedian und Parodist Florian Schroeder eine Jahresbilanz.
BZ: 2008 sind Sie ja mächtig durchgestartet: eigene TV-Show, Comedy im ZDF während der Fußball-EM – und jetzt Kabarett im Großen Haus des Theaters.
Florian Schroeder: Ja, ich habe 2008 mehr denn je gearbeitet. Selten habe ich so viel Textmaterial produziert. Das hat viel Freude gemacht. Je mehr ich schreibe, desto produktiver werde ich. Mit zwei eigenen TV-Shows im SWR und bei 3Sat habe ich jetzt eine solche Fülle von Terminen, dass ich es energiemäßig gar nicht mehr alles packe. Da mache ich häufiger die großen Bühnen. Das Vorderhaus bleibt dabei als Veranstalter auch im Theater mit im Boot.
BZ: Sie galten ja als Paradebeispiel eines Langzeitstudenten. Sind Sie bei so viel Arbeit überhaupt noch eingeschrieben an der Freiburger Uni?
Schroeder: Nein, mein Studium ist beendet.
BZ: Bedeutet das das Ende für Ihren Magister in Philosophie und Germanistik?
Schroeder: Nein. Eigentlich habe ich ja nie aufgehört mit dem Studieren. Heute, mit einiger Distanz zum Unibetrieb, ist mir die Philosophie näher denn je. Neulich habe ich bei Sloterdijk gelesen: "Nur wer leidet, ohne zu verhärten, kann verstehen." Ein großartiger Satz. Irgendwann werde ich das Studium auch formal abschließen. Denn machen wir uns nichts vor, das Showbusiness ist so schnelllebig, spätestens wenn die über-übernächste Sau durchs Dorf gejagt wird, kann ich in aller Ruhe mein Studium zu Ende machen und mir mit vier Shows pro Jahr im Pay-TV die Studiengebühren verdienen.
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Schroeder: Unbedingt. Ich wollte da immer hin. Viele Kabarettisten haben ja Berührungsängste. Ich entstamme da einem medienaffineren Milieu und bewege mich durch meine jahrelange Radioarbeit mit einem anderen Selbstverständnis in diesem Medium.
BZ: In diesem Jahr haben sich ZDF und RTL mit Jahresrückblicken am selben Abend zur selben Sendezeit mit wenig Originellem duelliert. Was dürfen wir denn von Ihrem Blick auf 2008 erwarten?
Schroeder: Ich glaube, das ist eine der ersten "Zugaben", wo wir – wenn ich das recht überblicke – so gut wie nichts vergessen haben. Es kommt alles vor – von der Kanzlerin über den wiederkehrenden Marxismus im Zuge der Finanzkrise und Afghanistan bis hin zu Reich-Ranicki, der den Fernsehpreis ablehnt, und den Bild-Leserreportern, die sich bei Lidl für 69,90 Euro die Journalistenausbildung kaufen können. Herr Steinmeier wird bei Beckmann erzählen, warum die SPD doch nicht am Ende ist, und Michael Glos bei Domian anrufen und Rat suchen...
BZ: Wird das Ganze weniger gefühlsduselig präsentiert als bei Jauch und Kerner?
Schroeder: Ja, deutlich anders, bei uns langweilt sich keiner. Wir gucken nicht schön brav zurück – vielmehr stellen wir die Bezüge her, die in den ganzen üblichen Rückblicken fehlen. Man kann einem Jahr einfach mehr abgewinnen als das branchenübliche "erst war Januar, dann Februar und dann überraschenderweise der März".
BZ: Warum sind die Menschen so versessen darauf, aufs Jahr zurückzublicken?
Schroeder: Ich weiß es letztlich auch nicht. Ich glaube, das hat so eine reinigende Wirkung, sich noch einmal zu erinnern und das dann abzuhaken. Dann kann man nach vorne schauen und hoffen, dass alles besser wird. Hat die Kanzlerin ja selbst gesagt [parodiert Merkel, die Red.]: "2009 wird ein Jahr der schlechten Nachrichten." Das ist toll von einer Kanzlerin, dass sie auch in der schlimmsten Krise ihrer Kernaufgabe nachkommt und ein bisschen Hoffnung verbreitet.
BZ: Und wie gehen Sie mit bad news um?
Schroeder: Letztlich ist natürlich alles Material. Man bleibt Nutznießer des Schlechten, das ist so. Darin sind Kabarettisten Politikern verwandt. Es ist dann eine Stilfrage, wozu man sich äußert. Warum soll ich über den Inzestfall Josef Fritzl aus Amstetten Witze machen? Wir arbeiten das Thema in der "Zugabe" anhand seiner medialen Aufbereitung auf: Man sah ja tagelang nur noch Nachbarn im Fernsehen, die stolz waren, dass sie nichts wussten, weil sie nichts gesehen hatten und nichts gesehen hatten, weil sie nichts wussten. In meiner Heimatstadt Lörrach hätte es geheißen: "Biim näckschte Mol ziehet Ihr Euch was Rächts aa, wenn schomol ´s Fernsäh kunnt."
BZ: War 2008 mit all seinen Schreckensnachrichten denn ein gefundenes Fressen für Kabarettisten?
Schroeder: Ja, es herrscht so eine nervöse Grundstimmung, die dem Kabarett durchaus zuträglich ist. In der Krise stellen viele Menschen überrascht fest, dass es noch andere Fragen gibt außer der, ob Frauen Schuhe kaufen oder nicht.
BZ: 2008 war das Jahr der Abgänge: Beckstein, Huber, Beck, Kahn, Zumwinkel...
Schroeder: Bei Zumwinkel schaltete ich morgens das Radio ein und hörte, es gab eine Razzia beim Postchef. Ich dachte zuerst, die finden endlich die ganzen Briefe, die nie angekommen sind. Kurt Becks Abgang war sehr tragisch, immerhin war er einer der letzten Politiker, die noch fast in der gesamten Pfalz verstanden wurden. Da konnte man auch schön sehen, wie die SPD drauf ist: Es hieß: "Wir haben junges, fähiges Personal" – und dann wird Franz Müntefering Parteivorsitzender. Da sieht man: "Hey, die Partei hat Zukunft."
BZ: Sind denn die neuen Mächtigen so interessant wie die alten?
Schroeder: Steinmeier ist eine wunderbare Figur, der hat sich wirklich alles von Gerhard Schröder abgeguckt: den Duktus, die Haltungen, den Blick – der ist eine Art Schröder auf Valium. Mal sehen, ob er das Rennen um Germany’s next Tobama machen wird im Herbst 2009.
BZ: Sehnt der Kabarettist das Ende der Großen Koalition herbei?
Schroeder: Ach, die ist für den Kabarettisten gar nicht so schlecht. Wird wahrscheinlich ohnehin noch ein paar Jahre so weitergehen, tippe ich. Mindestens so lange, bis Lafontaine weg ist und die erste rot-rot grüne Koalition eine Mehrheit findet.
BZ: Die "Perle der Uckermark" – Ihre Spezialität als Kabarettist – wird uns also noch vier Jahre erhalten bleiben.
Schroeder: Ich weiß es nicht. Man hat auch schon Leute gehen sehen, von denen man dachte, dass sie sich ganz lange halten. Merkel könnte eine werden, die lange bleibt. Sie verbindet Kohls Zähigkeit mit einem scharfen naturwissenschaftlich-analytischen verstand, auch wenn sie den manchmal taktisch klug zu verbergen weiß. Aber das ist in meinen Augen alles Teil des ausgeklügelten Masterplans. Als Parodist bin ich dankbar für jeden Tag mit ihr.
Autor: Frank Zimmermann


