Problemzone Altstadt

Freiburg bleibt die kriminellste Stadt in Baden-Württemberg

’ Joachim Röderer

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Di, 01. März 2011 um 18:26 Uhr

Freiburg

Saufen und Raufen: Freiburg hat seinen Titel als kriminellste Stadt im Land verteidigt. Die Zahl der Straftaten ist weiter gestiegen – gegen den Landestrend. Problemzone bleibt die Altstadt.

Freiburg liegt in Baden-Württemberg bei den Straftaten weiter unangefochten auf Platz eins. Gegen den Landestrend hat die Zahl der Delikte in Freiburg im vergangenen Jahr zugenommen. Problembezirk bleiben die Altstadt und das Kneipenviertel Bermuda-Dreieck. "Die Zahlen sind weiter extrem hoch", so Heiner Amann, der Chef der Polizeidirektion. 31 Prozent aller Gewaltstraftaten Freiburgs wurden im kleinen Gebiet der Altstadt registriert.

"Freiburg hat Tabellenplatz eins – mit weitem Abstand", urteilte der Leitende Polizeidirektor Amann. In der Stadt ist die Zahl der Straftaten um 3,6 Prozent auf 25 757 Fälle gestiegen, während sie in Baden-Württemberg insgesamt um 1,2 Prozent zurück gegangen. Immerhin konnte die Polizeidirektion die Aufklärungsquote um 1,1 Prozentpunkte auf 57,9 Prozent steigern. Das ist der beste Wert, seit die Statistik erfasst wird.

Als positiv vermerkte Amann auch, dass die Zahl der Wohnungseinbrüche im vergangenen Jahr deutlich gesunken ist. Vor allem die Einbrüche zur Tageszeit sind um 58 Prozent auf 119 Fälle gesunken – hier geht es auch um die immer wieder auftretenden Kinderbanden. Das Problem taucht aber ohnehin stets in Wellen auf. Während es in Freiburg ruhiger war, gab es im Elsass zum Beispiel einen Anstieg der Wohnungseinbrüche.

Verfahren werden erst mit Verzögerung abgeschlossen

Ein schwieriges Terrain bleibt vor allem an den Wochenendnächten die Altstadt. Zwar ist laut Kriminalitätsstatistik die Zahl der Körperverletzungsdelikte gegenüber dem Allzeit-Rekordwert des Vorjahres um etwa 80 Straftaten auf 934 gefallen. Doch hier sagt die Statistik wohl nicht die ganze traurige Wahrheit: Wegen der Arbeitsüberlastung und der oft schwierigen Ermittlungen bei wechselseitigen Beschuldigungen der Beteiligten konnten viele laufende Verfahren nicht bis zum Jahresende abgeschlossen werden – so dass es tatsächlich einen Anstieg bei den Körperverletzungen gegeben hat, so Polizeidirektor Amann.
Seit dem Jahr 2001 hat sich die Zahl der Gewaltdelikte in der Altstadt verdoppelt – 934 Fälle wurden im Jahr 2010 bis zum Jahresende gezählt. Es gibt zwar Gruppen wie Russlanddeutsche oder auch ethnische Minderheiten, die öfter in Streitereien verwickelt sind oder auch als Mehrfachtäter in Erscheinung treten: "Aber das kann die hohen Zahlen nicht erklären", so der Polizeichef. Amann verweist auch darauf, dass die "Tatorte" immer öfter auch außerhalb des Bermuda-Dreiecks liegen. Vermehrt kommt es auf dem Heimweg oder dem Weg zum Hauptbahnhof zu Schlägereien, etwa in der Bertoldstraße.

"Wir haben heute ein völlig anderes Ausgehverhalten, auch einen anderen Umgang mit Alkohol und es sind viel mehr Menschen in der Altstadt unterwegs", so Amann. 56,1 Prozent der ermittelten Tatverdächtigen hatten zu viel Alkohol intus – das im Vergleich zum Vorjahr ein leichter Rückgang: "Aber ich will hier noch nicht von einer Trendwende sprechen", so Amann.

Der Respekt vor Polizeibeamten sinkt immer weiter

Was die Statistik bei der Gewaltkriminalität anbelangt, ist nach wie vor in der Gruppe der Tatverdächtigen die Heranwachsenden im Alter von 18 bis 21 Jahren deutlich überrepräsentiert – sowohl bei den Tätern als auch bei den Opfern. 14- bis 18- Jährige stellen 12,4 Prozent aller Tatverdächtigen – obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur bei 3,2 Prozent liegt.

Und eine Statistik macht Polizeidirektor Amann besondere Sorgen: Der Respekt vor der Polizei sinkt. Im vergangenen Jahr wurden 317 Fälle registriert, in denen Polizeibeamte beleidigt wurden. 2001 hatte es 140 Fälle gegeben, 2005 200, im Jahr 2009 dann bereits 265 Fälle, ehe nun ein Spitzenwert erreicht wurde.

Für die Polizei war es auch deshalb ein schwieriges Jahr, weil sie neben ihren normalen Aufgaben noch Personal für die Rundum-Überwachung der sechs Sicherungsverwahrten abstellen müssen, die in Freiburg leben. Aktuell sind 145 Polizeibeamten für diese Aufgabe eingesetzt, davon kommen 65 von der Polizeidirektion Freiburg, 25 von der Bereitschaftspolizei und die übrigen Kräfte aus dem gesamten Regierungsbezirk. Amann hofft, dass sich durch das neue Gesetz für Therapieunterbringung die Situation für die Polizei entschärft. Entgegen der Angaben gegenüber den Medien würde nur einer der Betroffenen mit der Polizei zum Zwecke von Absprachen kooperieren.